Nachwuchs-Studie Jungmanager kehren Deutschland den Rücken

Deutschland ade: Von hundert Jungmanagern planen laut einer Studie mehr als 25 eine Karriere im Ausland. Bei denen, die bleiben, ist gesellschaftliches Engagement nicht mehr angesagt. Im Zweifel heißt es: Die Karriere geht vor.

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Hamburg - Wenn es darum geht, die Probleme des Landes zu benennen, dann fällt jungen Managern eine Menge ein: Die Staatsverschuldung, die Überalterung der Gesellschaft, die Arbeitslosigkeit - mehr als 80 Prozent erwarten hier rasche Lösungen.

Jungmanager an der Frankfurter Börse: Jeder ist sich selbst der Nächste
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Jungmanager an der Frankfurter Börse: Jeder ist sich selbst der Nächste

Wenn sie allerdings nach ihrem eigenen Engagement gefragt werden, dann werden Deutschlands Nachwuchsführungskräfte still. Denn sie ziehen sich immer mehr ins Private zurück, wie eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) ergab, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Vor nicht allzu langer Zeit gehörte es bei Unternehmern und anderen Führungskräften noch zum guten Ton, politisch oder gesellschaftlich aktiv zu sein. Ging es um die Mitarbeit in Vereinen oder um Spenden - stets war die sogenannte Elite vorn mit dabei.

Doch damit ist es nun vorbei. "Auffällig ist, dass die Jungmanager gesellschaftliche Probleme sehr wohl registrieren, diesen jedoch kaum mehr direkte Einflüsse auf das eigene Leben zuschreiben", erklärt die Autorin der Studie, Yvonne Fritzsche-Sterr.

Das besondere an der Untersuchung: Die 326 Teilnehmer wurden in ausführlichen Interviews befragt, wie sie sich ihre persönliche, ihre berufliche und die gesellschaftliche Entwicklung vorstellen. Anders als bei kurzen Telefonbefragungen konnte Fritzsche-Sterr dadurch in die Tiefe gehen - und ein detailliertes Bild der Führungsetagen der Zukunft entwerfen.

"Die Leute müssen sich immer mehr reinhängen", sagt zum Beispiel ein 32-jähriger Abteilungsleiter einer Werbeagentur. "Mindestens zehn Praktika und drei Auslandsstationen - und dann beklagt man sich, dass die Jugend heute so unpolitisch ist."

Im Gegenzug erwarten die Jungmanager auch keine Unterstützung von den sozialen Sicherungssystemen. "Stattdessen setzen sie auf ihre eigenen Fähigkeiten und Netzwerke", heißt es in der Studie. Frei nach dem Motto: Jeder ist sich selbst der Nächste. "Veränderungen in der Arbeitswelt betreffen mich im Moment eher als die Frage von Terrorismus oder Klima", sagt ein 26-jähriger Trainee einer Großbank.

Ihre Zukunft sehen viele Befragte ohnehin nicht mehr in Deutschland. Mehr als 25 Prozent der Nachwuchsmanager planen laut PwC eine Karriere außerhalb Deutschlands. Die wichtigste Voraussetzung dafür bringen sie mit: Neben der Muttersprache beherrschen die Befragten durchschnittlich zwei Fremdsprachen; nur fünf Jungmanager gaben an, lediglich Deutsch zu sprechen.

Ihre Auslandspläne begreifen aber nur die wenigsten als eine Flucht vor dem Standort Deutschland. Im Gegenteil: Die Befragten beurteilen die aktuelle Wirtschaftslage durchaus zuversichtlich, auch die Stabilität des demokratischen Systems begrüßen sie. Was sie ins Ausland treibt, ist vielmehr der berufliche Ehrgeiz. Denn für ihre Karriere würden die jungen Führungskräfte fast alles tun.

Besonders deutlich zeigt sich das in ihrem Privatleben. Zwar hält eine Mehrzahl der Befragten eine gute Work-Life-Balance für wichtig. Wenn es allerdings hart auf hart kommt, entscheiden sie sich meist für den Job. "Für ihr berufliches Fortkommen sind die Nachwuchskräfte bereit, erhebliche Einschränkungen im Privatleben in Kauf zu nehmen", heißt es in der Studie.

"Meine Partnerin wollte Sicherheit und Standorttreue, ich wollte nach Mexiko", erzählt ein 30-jähriger Analyst einer Privatbank. "Nach drei Jahren war Schluss. Ich bin froh, dass ich den Konflikt nicht mehr ausfechten muss."



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