Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nährwertangaben: Lebensmittel-Ampel schlägt Modell der Industrie

Von

Dieses Ergebnis wird die großen Lebensmittelkonzerne nicht freuen: Verbraucher verstehen die Ampel-Kennzeichnung bei Nahrungsmitteln besser als das Modell der Industrie. Das zeigt eine neue Studie - sie befeuert den Streit um die richtige Darstellung von Fett, Zucker und Salz auf Produkten.

Hamburg - Bis vor kurzem waren sie noch ziemlich siegessicher: Die Ampel sei tot, das Kennzeichnungssystem ein für allemal verhindert, hieß es in den vergangenen Wochen und Monaten bei den Vertretern der Lebensmittelindustrie.

Ampel-Kennzeichnung auf Tiefkühlprodukt: Front der Gegner bröckelt
DPA

Ampel-Kennzeichnung auf Tiefkühlprodukt: Front der Gegner bröckelt

Doch die Freude hat ein jähes Ende gefunden: Denn als erster deutscher Lebensmittelkonzern hat der Tiefkühlkostanbieter Frosta die Ampel-Kennzeichnung eingeführt - und damit ein Loch in die bislang geschlossene Front der Ampel-Gegner auf Seiten der Industrie gerissen. Das Medienecho war gewaltig und brachte selbst die zuständige Verbraucherministerin unter Druck: "Warum gibt's keine Ampel-Pflicht, Frau Aigner?", fragte die "Bild"-Zeitung - und drückte damit aus, was sich Verbraucherschützer, Gesundheitsexperten und nicht zuletzt viele Kunden seit langem fragen.

Denn tatsächlich wird seit Jahren zwischen Industrie, Politik und Verbraucherschützern erbittert um die richtige Kennzeichnung der Inhaltsstoffe gestritten. Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst.

Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - angeblich, weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt. Dabei ist den Produzenten egal, dass der Kunde die Ampel will: Zwei Drittel sprachen sich bereits im Februar in einer Emnid-Umfrage für das von der Industrie so ungeliebte System aus.

Verbraucher verstehen Ampel besser

Und das liegt auch daran, dass sie es schlicht besser verstehen als das von der Industrie als Alternative angebotene GDA-System. Das jedenfalls belegt eine von der Verbraucherorganisation Foodwatch in Auftrag gegebene Studie des Marktforschungsunternehmens GfK. Den Studienteilnehmern wurden zunächst die Frühstücksflocken Trio von Nestlé vorgelegt, die mit 37 Prozent Zucker im Vergleich zu ähnlichen Produkten viel Zucker enthalten. Die Flocken sind mit den GDA-Angaben gekennzeichnet, und fast 64 Prozent der Befragten erkannten denn auch den hohen Zuckergehalt.

Allerdings bekam eine zweite Gruppe dasselbe Produkt dieses Mal aber mit den entsprechenden Ampel-Symbolen versehen. Hier erkannten deutlich mehr, nämlich 88,9 Prozent, den hohen Zuckergehalt des Produkts.

Doch damit nicht genug: In einer zweiten Frage sollten die Befragten Nestlé-Trio mit einem zweiten Frühstückscerealien-Produkt des gleichen Herstellers vergleichen, den Nestlé Fitness Fruits. In der Gruppe, die beide Produkte mit Ampel-Kennzeichnung zu sehen bekam, erkannten 92,1 Prozent der Befragten richtig, dass Trio mehr Zucker enthält als die Fitness Fruits. In der GDA-Gruppe konnte nur jeder Vierte (25,8 Prozent) diesen richtigen Schluss ziehen. Schlimmer noch: Zwei Drittel der Befragten hielten das zuckrigere Produkt für das zuckerärmere.

Streit wird weitergehen

"Wenn noch ein Beweis gefehlt hat, dass Nestlé & Co. den wahren Nährwertgehalt ihrer Produkte mithilfe der GDA-Kennzeichnung eher verschleiern als transparent machen: Hier ist er", sagte der stellvertretende Foodwatch-Geschäftsführer Matthias Wolfschmidt - und forderte erneut eine verpflichtende Kennzeichnung. "Wenn Zuckerbomben durch die verwirrenden Zahlen und Prozentwerte schlanker erscheinen als sie sind, ist dies unverantwortlich."

Klar ist: Der Streit um die Kennzeichnung von Salz, Fett und Zucker in Lebensmitteln wird weitergehen. Während in der vergangenen Woche die AOK, der Tiefkühlhersteller Frosta, Foodwatch und die Verbraucherzentralen gemeinsam für eine Ampelkennzeichnung plädierten, zeigte sich die Lebensmittelindustrie wenig kompromissbereit: Die Ampelkennzeichnung sei keine gute und hilfreiche Information für Verbraucher, ließ der Branchenverband Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) verkünden. "Es ist an der Zeit, diese sinnlose Debatte zu beenden."

Die zuständige Ministerin Aigner hat das erst mal auf ihre eigene Art getan: Sie hatte für Anfang Juni einen Runden Tisch mit allen Beteiligten geplant, an dem Kompromisse ausgelotet werden sollten. Der ist erst mal verschoben auf unbekannte Zeit. Offizielle Begründung: Krankheitsgründe.

Diesen Artikel...
Forum - Lebensmittel - totales Zutaten-Chaos?
insgesamt 766 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zutatenchaos
mexi42 15.08.2008
Da heutzutage alles auf Lug und Trug hinausläuft, wäre eine praktikable Möglichkeit, häufige unangemeldete Kontrollen, die durch Speziallabors durchgeführt werden. Dazu ein Strafgesetzrahmen, aus dem man sich nicht durch lächerliche Bußgelder herauswinden kann: also Haftstrafen. Das ist Utopie in diesem Land, dennoch die einzige effektive Methode.
2.
descartes101, 15.08.2008
Zitat von sysopTütensuppen, Fertigpizzen, Mikrowellengerichte: Täglich kommen in Deutschland Mahlzeiten auf den Tisch, von denen nicht einmal der Hersteller weiß, was genau in ihnen steckt. Verbraucher haben erst recht keine Chance, sich präzise zu informieren. Wie kann dem Chaos bei den Zutaten begegnet werden?
Da sieht man mal wieder in was für einer verlogenen, industriehörigen und bürgerfeindlichen, scheindemokratischen EU-Normbananenrepublik wir leben. 'Herrschaft des Volkes'? Man könnte lachen, wenn's nicht so bitter wäre. Wer hätte gedacht, dass alle sog. 'düsteren Utopien' der Literatur wie 1984 und Brave New World so schnell hinter der Wirklichkeit zurückbleiben würden.
3. Zutaten-Chaos
trangre, 15.08.2008
Am besten fährt man wohl immer noch, indem man Fertigprodukte so weit als möglich meidet. Mal ehrlich: wer braucht schon Tütensuppen, wenn man selber ohne grossen Aufwand eine Suppe mit frischen Zutaten vom Markt kochen kann, die noch dazu besser schmeckt? Bei vielen Fertigprodukten ist die Zeitersparnis auch gar nicht so gross, dass es sich lohnt, dafür all die Zusatzstoffe in Kauf zu nehmen. Der Verbraucher hat es in der Hand.
4. "Summer's almost gone"...
chrome_koran 15.08.2008
...demnächst werden wir wieder ernsthafte Themen zum Lesen serviert bekommen. Bis dahin gilt es, zwischen halbvollem und halbleerem Glas zu unterscheiden, was bekanntlich reine Ansichtssache ist. So lese ich die Feststellung "151 von 316 E-Nummern als unbedenklich" so: "Fast die Hälfte aller E-Nummern ist harmlos". Natürlich wird es Panikmacher geben, die schreien "Wir werden vergiftet! mahr als die Hälfte der E-Nummern sind hochgiftig!". :) Mal ehrlich. CO2, Ozon, PVC, Feinstaub, Klima, Golfstrom, Atom, Nano, E, Gene... mich wundert manchmal, dass wir dennoch immer noch am Leben sind und sogar immer älter werden, nicht wahr... P.S. Meine Kindheit habe ich in einer, mit Verlaub, umwelttechnisch ziemlich versifften Umgebung verbracht. Bin trotzdem ziemlich gesund. Was wollen wir denn, Antibiotika-Frühstück und Sagrotan-Dusche in hermetisch unter Glaskuppeln abgekapselten Städten?
5. Lehrjahre
Mustermann 15.08.2008
Ich habe mit Anfang 20, 3 Jahre im Prüflabor einer der damals größten Supermarktketten gearbeitet und zwar als Bibliothekar, musste die ganzen Fachzeitschriften lesen und exzerpieren. Seit dem meide ich industriell hergestellte Lebensmittel. Damit bin ich gut gefahren, finanziell, kulinarisch und auch gesundheitlich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
GDA versus Ampel: So unterschiedlich sind die Ergebnisse

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: