Nahrungsmittelkennzeichnung Verbraucherschützer enttarnen Kalorienbomben

Industrie und Verbraucherschützer streiten erbittert um die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Jetzt hat foodwatch zu einem einfachen Trick gegriffen, die Angaben der Konzerne grafisch umgesetzt - und siehe da: Aus angeblich gesunden Lebensmitteln werden Zuckerbomben.

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Hamburg - Papier ist geduldig - auch, wenn es um die Verpackungen von Lebensmitteln geht: "Mit weniger Zucker" heißt es da bei Kellogg's Frosties, "aktiviert die Abwehrkräfte" lockt Actimel von Danone und Nestlé bewirbt seine Trio-Frühstücksflocken gar mit einer "Vollkorngarantie". Die Botschaft an den Verbraucher ist klar: Kauf' mich, iss' mich - denn ich bin gesund.

Was weniger deutlich auf der Packung steht, ist das, was tatsächlich in den Lebensmitteln drin ist: 25 Gramm Zucker pro 100 Gramm sind es bei den Frosties, bei Actimel 11,4 Gramm Zucker und bei Nestlé gar 37 Gramm - das hat die Verbraucherorganisation foodwatch anhand der Nährwertangaben auf den Packungen ausgerechnet. Zwar geben die Hersteller selbst die Nährwerte an - allerdings mit einem System, das es dem Verbraucher nicht gerade einfach macht, die tatsächlichen Inhaltsstoffe zu erkennen.

Denn obwohl es sich um das gleiche Produkt handelt, klingen die Angaben der Lebensmittelindustrie ganz anders: So heißt es auf der Frosties-Packung, mit einer Portion von 30 Gramm decke ein Erwachsener acht Prozent seines täglich empfohlenen Zuckerbedarfs, bei Danone entspricht ein Fläschchen Actimel vier Prozent des täglichen Kalorienbedarfs. Und mit den Nestlé-Cerealien sollen über elf Prozent des täglichen Zuckerbedarfs gedeckt werden. "Das ist ein System, das vom Konsumenten nicht verstanden wird und es den Herstellern erlaubt, den tatsächlichen Anteil an Zucker, Fett und Salz bewusst zu verschleiern", sagt Matthias Wolfschmidt von foodwatch.

"Mehrheit der Produkte übersüßt"

Tatsächlich tobt seit langem ein erbitterter Streit zwischen Industrie, Politik und Verbraucherschützern über die Nährwertkennzeichnung: Gesundheitsexperten und Verbraucherorganisationen fordern eine farbliche Kennzeichnung der Inhaltsstoffe nach einem Ampelsystem. Mit den Farben grün (niedrig), gelb (mittel) und rot (hoch) soll dem Verbraucher einfach und schnell signalisiert werden, was er isst. Die Lebensmittelindustrie lehnt dieses System jedoch ab - angeblich, weil es bestimmte Lebensmittel diskriminiere. Sie hat sich stattdessen auf das sogenannte GDA-System (Guideline daily amount) verständigt, das den Nährwert bezogen auf Portionsgrößen angibt.

Dass beide Systeme zu extrem unterschiedlichen Ergebnissen kommen, zeigen aktuelle Untersuchungen von foodwatch: "Wir haben 32 Produkte beispielhaft mit der Ampelkennzeichnung versehen und dabei festgestellt, dass die überwältigende Mehrheit der Produkte übersüßt ist", sagt Wolfschmidt. Nur zwei der untersuchten Waren bekommen in punkto Zuckergehalt eine grüne Ampel, 26 dagegen sogar die rote Ampel. Weil die GDA-Kennzeichnungen das aber nicht so explizit zeigen, zieht der Nahrungsmittelexperte daraus nur einen Schluss: "Mit ihrer Kennzeichnung will die Nahrungsmittelindustrie ihre stark zuckerhaltigen Produkte als wertvollen Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung erscheinen lassen."

Eine Meinung, mit der foodwatch nicht alleine steht: "Das ist nichts anderes als eine Schönrechnerei der Industrie, die damit Produktgruppen ein 'gesundes Mäntelchen' umhängen will, die es eigentlich nicht verdienen", sagt auch Angelika Michel-Drees, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale des Bundesverbands. Sie ärgert besonders, dass sich die Großen der Nahrungsmittelindustrie dabei auf Portionsgrößen geeinigt haben, die fern von jedem normalen Verbraucherverhalten sind.

Halbe Tiefkühlpizza, 25 Gramm Chips

Denn um die Nährwertangaben möglichst gering zu halten, wird dem Verbraucher empfohlen, bei Erdnüssen und Chips nur eine winzige Handvoll von 25 Gramm zu essen, von der Tiefkühlpizza soll die Hälfte liegen gelassen und auch von der Halbliterflasche Cola darf nur die Hälfte getrunken werden. "Das sind willkürlich gewählte Portionen, die darüber hinaus jede Vergleichbarkeit schwer machen", sagt Michel-Drees.

Grafik: So unterschiedlich funktioniert die Nährwertkennzeichnung
DER SPIEGEL

Grafik: So unterschiedlich funktioniert die Nährwertkennzeichnung

Eine Einschätzung, die von vielen Ernährungsexperten, etwa von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, geteilt wird. Die Lebensmittelindustrie sieht sich allerdings ungerecht behandelt: "Die Kritik entbehrt jeder Grundlage, dem Verbraucher ist beim Kauf einer Großpackung sehr wohl bewusst, dass diese nicht auf einmal verzehrt werden sollte", heißt es bei der Initiative "Ausgezeichnet informiert", zu der sich unter anderem die Lebensmittelriesen Danone Chart zeigen, Kellogg's, Kraft Foods Chart zeigen, Nestlé Chart zeigen und PepsiCo Chart zeigen zusammengeschlossen haben. "Die Portionsgröße soll eine Verzehrempfehlung sein, was der Verbraucher dann tatsächlich isst, muss er selbst entscheiden", sagt auch deren Sprecher Markus Altvater.

Noch deutlichere Worte findet der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL): Der Lobby-Verband der Lebensmittelindustrie spricht von "unverhältnismäßigen Forderungen" und einem "Nährwertkennzeichnungsregime". Die Ampelkennzeichnung sei nicht praktikabel, habe keinen belegbaren Nutzen und sei kostspielig, wetterte der Chef des Spitzenverbandes, Theo Spettmann, auf der Jahrestagung des Verbandes Mitte April.

Neue Rezepturen sind teuer

Tatsächlich geht es vor allem ums Geld: Zucker als Rohstoff ist billig - vor allem, wenn man mit ihm andere, teurere Rohstoffe ersetzen kann. "Außerdem ist es mit erheblichen Risiken und Kosten verbunden, ein bewährtes Rezept zu ändern", weiß auch Wolfschmidt von foodwatch. "Die Industrie wehrt sich gegen die Ampel, weil sie dadurch genötigt wird, neue Produkte zu entwickeln. Und das kann handfeste ökonomische Auswirkungen haben."

Noch ist nicht klar, wer im Ringen um die richtige Kennzeichnung den Kürzeren ziehen wird. Zwar gilt Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) bislang als überzeugter Verfechter der freiwilligen GDA-Lösung. Doch der Druck steigt: Zum einen hat foodwatch in einer Kampagne mehr als zehntausend Protestbriefe an Seehofers Ministerium schicken lassen. Zum anderen hat eine vom Minister höchst selbst in Auftrag gegebene Studie belegt, dass sich die Mehrzahl der Verbraucher eine farbige Kennzeichnung wünscht.

Außerdem hat sich auch die EU in die Debatte eingeschaltet - und einen Vorschlag vorgelegt, der weit über das bisher freiwillige GDA-System hinausgeht. Geht es nach EU-Gesundheitsministerin Androula Vassiliou, soll jede Packung künftig schon auf der Vorderseite Kalorienzahl, Fettgehalt, Kohlenhydrate, Zucker, Salz und gesättigte Fettsäuren verraten. Auf der Rückseite soll der Verbraucher dann erfahren können, wie viel er von den einzelnen Bestandteilen zu sich nehmen sollte. Die Angaben sind verbindlich - und vorgeschrieben ist selbst die Schriftgröße: Die Wörter müssen mindestens drei Millimeter groß sein.

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kosworld 23.05.2008
1. Eine alte Erkenntnis
ISt aber ansich keine neue Erkenntnis. Alle die sich etwas mit der Nährwerttabelle auskennen (Ich muss es aufgrund von Diabetes) haben schon gemerkt, dass sich der Zuckeranteil stark erhöht hat, während die Kalorienzahl und der Fettanteil runtergingen. Man muss es ja irgendwie ausgleichen...
Bluecher59, 23.05.2008
2. Erbärmlich . . .
. . . finde ich, wie sich unser Verbraucher"schutz"minister Seehofer so OFFENSICHTLICH vor den Karren der Industrie spannen läßt. Aber hier in Deutschland wird leider schon seit langem keine bürgernahe (die Mehrheit will die Farbkennzeichnung!) und vernünftig/zukunftsorientierte Politik mehr gemacht, sondern lediglich Politik zum Vorteil der Industrie. Alles immer mit dem Totschlagargument Arbeitsplätze und Globalisierung. Danke Foodwatch - bleiben Sie an diesem Thema dran!!!
tafkar, 23.05.2008
3. Seehofer
Zitat von Bluecher59. . . finde ich, wie sich unser Verbraucher"schutz"minister Seehofer so OFFENSICHTLICH vor den Karren der Industrie spannen läßt. Aber hier in Deutschland wird leider schon seit langem keine bürgernahe (die Mehrheit will die Farbkennzeichnung!) und vernünftig/zukunftsorientierte Politik mehr gemacht, sondern lediglich Politik zum Vorteil der Industrie. Alles immer mit dem Totschlagargument Arbeitsplätze und Globalisierung. Danke Foodwatch - bleiben Sie an diesem Thema dran!!!
Naja, die Vorgängerin war hoch schlechter. Oder verwechsle ich die jetzt mit der Hühnerschutzministerin?
realredfox, 23.05.2008
4. Darwin Awards...
Zu wissen, dass diese Cornflakes und Softdrinks voller Zucker sind gehört ja wohl zur Allgemeinbildung... Oder zumindest wissen das die Leute, denen es nicht vollkommen egal ist was sie essen. Der Rest erliegt dem Prinzip "survival of the fittest". Wenn die natürlichen Methoden nicht mehr greifen heutzutage, müssen eben diese künstlichen her ;-)
kleeblatt1924 23.05.2008
5. Naja
man muss aber mal auch sagen, dass foodwatch in einem Interview auf der eigenen Homepage darauf hinweist, dass eine rote Ampel durchaus als Verbot verstanden wird. Und ich will keine Verbotslogik am Einkaufsregal. Was ich auch komisch finde: bei einigen Discountern wird längst gekennzeichnet - darüber liest man hier oder sonst aber nichts. Die Chipstüte bei Aldi etwa zeigt vorne wieviel Fett da drin ist. Mag mich doch keiner für dumm verkaufen, das eine Tüte Chips nicht fett ist. Sorry, liebe Verbraucherschützer, so weit möchte ich mich nicht in Schutz nehmen lassen.
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