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Nahrungsmittelkrise: Experten fordern radikale Umkehr der Agrarpolitik

Karge Ernten, hohe Lebensmittelpreise und Hungerrevolten: Um weltweit für ausreichend Nahrungsmittel zu sorgen, fordern rund 400 Wissenschaftler und Politiker eine komplette Neuausrichtung der Landwirtschaft. Ansonsten, so die Warnung, drohe vor allem Entwicklungsländern der Kollaps.

Paris - Das Fazit ist eindeutig - und nicht besonders ermutigend: Um Arme besser zu versorgen und den Gefahren sozialer Unruhen und ökologischer Katastrophen zu begegnen, müssten die Anbaumethoden weltweit geändert werden, heißt es mehr als eindeutig in dem Bericht des Weltlandwirtschaftsrates (IAASTD), der am Dienstag in Paris vorgestellt wurde. Und damit nicht genug: Die industrielle Landwirtschaft mit Monokultur und intensivem Einsatz von Kapital oder Pestiziden sei an Grenzen gestoßen, die Zeit zum Handeln sei knapp.

Mähdrescher in Mecklenburg: Experten fordern Abkehr von der industriellen Massenproduktion
DPA

Mähdrescher in Mecklenburg: Experten fordern Abkehr von der industriellen Massenproduktion

"Business as usual ist keine Option mehr", heißt es in dem Dokument, das von 54 Staaten unterzeichnet wurde. Das derzeitige System helfe den Bedürftigen nicht. "Die ärmsten Entwicklungsländer sind die Verlierer weiterer Handelsliberalisierungen", erklärte IAASTD-Direktor Robert Watson. Das Hauptaugenmerk der globalen Agrarwirtschaft dürfe nicht mehr allein auf der Massenproduktion liegen, die zu einem "immer zerstörteren und geteilteren Planeten" führe. Dies sei zwar "keine neue Botschaft". "Aber es ist eine Botschaft, die in einigen Teilen der Welt nicht ausreichend gehört worden ist", sagte Watson.

Die 400 Experten aus Wissenschaft und Politik wollen deshalb die globale Agrarproduktion radikal umstellen. Notwendig sei die Rückbesinnung auf natürliche und nachhaltige Produktionsweisen, heißt es dazu in dem Bericht. Dazu zähle der Einsatz natürlicher Düngemittel und traditionellen Saatguts sowie kürzere Wege zwischen Produzenten und Verbrauchern. Die USA, aber auch Vertreter der Industrie stimmen allerdings nicht allen Befunden zu. Deutschland ist an dem 2002 auf dem Entwicklungsgipfel in Johannesburg eingesetzten und von der Uno und der EU geförderten Gremium nicht beteiligt.

Ein Hauptgrund für die prekäre Situation auf den Nahrungsmittelmärkten ist nach Ansicht des IAASTD die Produktion von Biotreibstoff: "Die Nahrungsmittelpreise können dadurch weiter steigen und die Chancen, den Hunger auf der Welt zu vermindern, werden reduziert." Die negativen Effekte für die Umwelt durch den Bedarf an Wasser und Anbauflächen würden durch eine weitere Produktion von Biotreibstoff der ersten Generation fortbestehen.

Der Rat warnt aber auch vor den Gefahren der Biotechnologie - etwa in Form genmanipulierter Pflanzen - für die Entwicklungsländer. Dadurch würden lokale Anbaupraktiken, die die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung und die Wirtschaft sicherten, unterwandert. Durch Patente der Konzerne stiegen zudem die Kosten, und der Zugang der Bauern vor Ort werde eingeschränkt. China und die USA haben insbesondere gegen diesen Teil des Berichtes Vorbehalte. "Dennoch wird unsere Botschaft die Einstellung zur Landwirtschaft verändern und hoffentlich einen Paradigmenwechsel einleiten", sagte Fabrice Dreyfus, einer der führenden Autoren der Studie.

sam/AFP/dpa

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