Rechte Umweltschützer "Mythos Naturbursche"

Den deutschen Boden formen "echte Germanen", die moderne Gentechnik bedrohe deutsche Natur: Historiker Nils Franke spricht über die Ursprünge braunen Umweltschutzes und wie rechte Parteien mit Legenden geschickt werben.

Ein Interview von "enorm"-Autorin Anja Reiter

Kühe in Bayern: Es gibt keine "Zertifizierung gegen Rechtsaußen"
Corbis

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enorm: Rechtsextremismus und Umweltschutz scheinen nur auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Wo sind die Schnittpunkte?

Franke: Für den organisierten Naturschutz war die Zeit des Nationalsozialismus grundlegend. Viele Rechtsextreme nutzen das aus. Sie beziehen sich heute noch auf vermeintliche Naturschutzerfolge der NS-Zeit. Zum Beispiel auf den Erlass des Reichsnaturschutzgesetzes von 1935, in dem zum Beispiel erstmals die Ausweisung von Naturschutzgebieten geregelt wurde. Aber auch die ideologischen Bezüge sind im Kern dieselben geblieben.

Zur Person
Nils Franke, 44, ist freischaffender Historiker und beschäftigt sich mit der Geschichte des Naturschutzes in Deutschland. Seine Broschüren im Auftrag des Umweltministeriums Rheinland-Pfalz "Klartext gegen rechtsextreme Ökosprüche" und "Naturschutz gegen Rechtsextremismus" bieten eine gute Argumentationshilfe für Diskussionen mit rechten Ökos.
enorm: Sie meinen den Mythos von Blut und Boden?

Franke: Genau. Hinter dem Ausdruck steht die Vorstellung von der vermeintlichen Überlegenheit der "deutschen Rasse". Der raue, deutsche Boden habe den Germanen geformt. Wegen des unwirtlichen Klimas gelte er als widerstandsfähiger Naturbursche. Wenn Rechtsextreme heute die Natur schützen wollen, tun sie das immer noch, um die Grundlage für die vermeintliche Überlegenheit der Deutschen zu schützen. Agro-Gentechnik und die Einwanderung von "artfremden Völkern" beeinträchtigen aus ihrer Perspektive die deutsche Natur.

Gefunden in
enorm: Wie weit geht die Geschichte dieser Naturschutzbewegung zurück?

Franke: Auf die Zeit um 1880. Die Bewegung richtete sich ganz klar gegen die Industrialisierung. Die Klientel bestand meist aus konservativen Männern mit höherem Bildungsstand, die die "ursprüngliche Natur" vor Veränderungen durch den Bau von Eisenbahnen und Industrieanlagen, aber auch vor der Industrialisierung der Landwirtschaft schützen wollten.

enorm: Aber hat es neben den geschichtlichen Bezügen nicht auch taktische Gründe, wenn sich Neonazis heute im Natur- und Umweltschutzbereich engagieren?

Franke: Das ist nicht ganz eindeutig. Einerseits vertreten Rechtsextreme ihre Perspektive im Natur- und Umweltschutz durchaus bewusst und wissen über die Traditionslinien Bescheid. Andererseits benutzen sie das Thema auch strategisch. Weil es im Moment in der Bevölkerung viel Zuspruch für Natur- und Umweltschutzthemen gibt, können rechtsextreme Parteien gut damit werben. Und sie machen das geschickt. Mehrmals habe ich meinen Studenten den Auszug des NPD-Parteiprogramms zum Thema Natur- und Umweltschutz vorgelegt - und nur das Wort NPD getilgt. 95 Prozent von ihnen fanden den Text in Ordnung, nur der eine oder die andere erkannten, dass es sich um einen im Kern rechtsextremen Inhalt handelte.

enorm: Ist es prinzipiell ein Problem, wenn sich Rechtsextreme für Umweltschutz engagieren?

Franke: Natürlich ist grundsätzlich gar nichts dagegen einzuwenden, wenn sich auch Menschen mit rechtsextremer Einstellung um einen ökologischen Lebensstil kümmern. Warum sollen sie nicht ökologische Lebensmittel einkaufen oder produzieren? Nur die Begründungen für ihr Tun sind oft problematisch - und ihre Zielsetzungen. Hier gilt es genau hinzuhören. Sind die Begründungen zum Beispiel im Kern rassistisch oder antisemitisch? Außerdem muss man sich als Konsument fragen, wem oder welchem Zweck das Geld zugutekommt, das man etwa in deren ökologisch hergestellte Lebensmittel investiert.

enorm: Wie können Konsumenten sichergehen, kein Bio-Obst und -gemüse von rechten Bauern zu kaufen?

Franke: Ganz sicher können sie nie sein. Es gibt keine "Zertifizierung gegen Rechtsaußen" in diesem Bereich. Das einzige, was man machen kann, ist mit den Erzeugern, Herausgebern von Ökosiegeln und Händlern zu sprechen und Fragen zu stellen. Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft hat sich 2012 in einer Resolution klar gegen Rechtsextreme positioniert und das auch in seine Satzung integriert. Andere Bionetzwerke ziehen bereits nach. Die meisten Verbände haben Ausschlussklauseln in ihre Statuten aufgenommen, die es ihnen erlauben, Biobauern auszuschließen, wenn der Verdacht besteht, dass diese rechtsextreme Ansichten vertreten. Eine "Gesinnungsprüfung" vor der Aufnahme gibt es allerdings nicht - auch wenn das einige Experten fordern.

Zur Autorin
  • Pauline Kronenberg
    Anja Reiter, geboren 1988 studierte Journalismus, Geschichte und Politikwissenschaften in Graz und München. Heute schreibt sie als freie Journalistin für "enorm", "Die Zeit" und die "Süddeutsche Zeitung" über Wirtschaft, Bildung und Soziales. Sie wohnt und arbeitet in München.
  • Homepage Anja Reiter
Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
penie 03.10.2015
1. Wer hinterfragt denn die
1. Umweltschutz und Rechts/links haben nichts miteinander zu tun. Das scheint Autoren, die kaum die 25 überschritten haben, nicht klar zu sein. Wohl aber denen, die die Ursprünge der Ökobewegung und die damalige Position der Sozialdemokratie kennen. 2. Offensichtlich ist es schade, dass die Verbände keine Gesinnungsprüfung haben. Stalin lässt grüßen.
julaner 03.10.2015
2. @penie
Wer das Interview aufmerksam liest, wird feststellen, dass eben nicht gesagt wird, Umweltschutz sei ausschließlich den "Linken" vorbehalten. Ein ökologischer Lebensstil sei generell zu begrüßen. Allerdings heiligt der Zweck eben nicht die Mittel, und es ist durchaus sinnvoll zu überlegen, wie das ökologische Tun begründet und welche weiteren Ansichten mit den Gewinnen aus den so erzeugten Produkten propagiert werden. Es ist keineswegs abwegig anzunehmen, dass die überwiegende Mehrheit der Konsumenten dieser Produkte weder die Philosophie von Blut und Boden noch andere ähnlich gelagerte Stimmungsmache unterstützen möchte.
fruchtquark 04.10.2015
3. Fazit
Fazit der intoleranten Autorin Reiter: Kauft keine Bio-Tomaten von Menschen mit politischer Auffassung rechts der CSU. Andere kaufen eben keine Möhren aus Israel, die es z.B. bei Aldi zu kaufen gibt.
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