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Braune Biobauern: Vegane Nazis bauen sich ihr Bullerbü

Von "enorm"-Autorin Anja Reiter

"Umwelt & Aktiv": Traum vom nationalen Dorf mit gleichgesinnten "Sippen" Zur Großansicht
umweltundaktiv.de

"Umwelt & Aktiv": Traum vom nationalen Dorf mit gleichgesinnten "Sippen"

Rechtsradikale verstecken sich hinter deutschem Umweltschutz und verkaufen "echten deutschen Honig". Doch braune Biobauern zu enttarnen, ist häufig schwer.

Zur Autorin
  • Pauline Kronenberg
    Anja Reiter, geboren 1988 studierte Journalismus, Geschichte und Politikwissenschaften in Graz und München. Heute schreibt sie als freie Journalistin für "enorm", "Die Zeit" und die "Süddeutsche Zeitung" über Wirtschaft, Bildung und Soziales. Sie wohnt und arbeitet in München.
  • Homepage Anja Reiter
Auf den ersten Blick wirkt die "Umwelt & Aktiv" wie eine normale Umweltzeitschrift. Nur der Untertitel macht stutzig: "Naturschutz - Tierschutz - Heimatschutz". Dann fällt die Sprache auf: Internetlinks werden "Verweise" genannt, die eigene Website wird zur "Weltnetzseite". Herausgeber Christoph Hofer fragt im Editorial: "Wie viel Mensch verträgt die Erde?" und "Welche Menschen können und wollen wir uns leisten?" Es gibt Überschriften wie "Briten retten Hitlers Olympia-Eiche", Artikel über die "Archäologie der konservativen Ökologiebewegung in Deutschland" oder zum Umweltschutz im deutschen Lied.

Was auf den ersten Blick überrascht, passt bei näherem Hinschauen gut zusammen: Umweltschutz ist auch den Rechten nicht fremd, und er lässt sich gut mit völkisch-nationalen Idealen verbinden.

Immer öfter versuchen rechtsextreme Gruppen, ihre rassistischen Botschaften im Namen des Umweltschutzes zu verbreiten: Da gibt es braune Ökolandwirte, die biozertifizierte Kartoffeln und "echten deutschen Honig" verkaufen. Vegane Rechtsextreme gehen mit Jutebeuteln gegen Tierquäler auf die Straße. Und die NPD wirbt in ihrem Parteiprogramm gegen Gentechnik und polnischen Atomstrom.

Gefunden in
Parolen wie "Umweltschutz ist Heimatschutz" oder "Blut und Boden" lassen dabei den ideellen Ursprung des braun-grünen Gedankenguts erkennen (siehe Interview).

Heute sind rechtsradikale Umweltschützer aktiv wie nie, denn mit ihren Ökosprüchen stoßen sie derzeit auf einen besonders guten Nährboden. Ob Vegetarismus, Veganismus, Artenschutz oder Biolebensmittel - grüne Themen sind angesagt.

Ein Überblick darüber, welche Instrumente Rechte dabei nutzen, wie sie vorgehen und wie man sie entlarvt.

  • Magazin "Umwelt & Aktiv"

Das vierteljährlich erscheinende Magazin ist wohl die professionellste unter den rechten Umweltschutzpublikationen. Hinter dem Heft steht der Verein Midgard aus Traunstein in Bayern. Viele der Redakteure und freien Autoren sind ehemalige NPD-Mitglieder oder zumindest eng mit der rechten Szene vernetzt. Autor Baal Müller etwa schreibt auch für die Wochenzeitung "Junge Freiheit", das Sprachrohr der Neuen Rechten. 2012 ist der bayerische Verfassungsschutz auf das rechtsextreme Magazin aufmerksam geworden; seither steht die Redaktion unter Beobachtung.

Nach Aussagen von Szenekennern haben etwa 300 Vereinsmitglieder das Magazin abonniert. Doch immer wieder werde das Heft unaufgefordert auch an Menschen geschickt, die sich zwar in der Umweltszene engagieren, aber nicht zum engen rechten Kreis gehören. Auf diese Weise versucht Midgard seinen Einfluss zu vergrößern.

  • Völkische Siedler & braune Bauern

Sie leben als Ökobauern oder einfache Handwerker auf dem Lande, sind meist hilfsbereit und unauffällig - und außerdem stramm rechts. Sogenannte völkische Siedler beziehen seit Anfang der neunziger Jahre gezielt aussterbende Dörfer. Ihre Vision: eine Art braunes Bullerbü.

Um ihren Traum vom nationalen Dorf mit gleichgesinnten "Sippen" zu leben, erwerben sie verwaiste Grundstücke und Immobilien und gründen Siedlungen wie in Wibbese im Wendland oder im mecklenburgischen Jamel.

"Teilweise hat man die neuen Ansiedlungen zunächst begrüßt, weil die Leute die Höfe renovieren und Leben ins Dorf bringen. Die politische Orientierung der Siedler war für Außenstehende anfangs nicht erkennbar", sagt Laura Schenderlein vom Regionalzentrum für demokratische Kultur Westmecklenburg. Doch zu den Strategien der Siedler gehört es auch, gezielt lokale Strukturen, Vereine und Initiativen zu unterwandern, um ihre politischen Ansichten zu verbreiten.

"Sie propagieren eine artgerechte, autoritäre Lebensweise, in der kein Platz für Pluralismus und Demokratie ist", warnt Gudrun Heinrich. Die Politikwissenschaftlerin von der Universität Rostock beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Rechtsradikalismus und hat den Bericht "Braune Ökologen" der Heinrich-Böll-Stiftung und der Evangelischen Akademie mit herausgegeben.

Einige der Siedlungen gehen auf den radikal-völkischen Bund Artam aus den zwanziger Jahren zurück. 1926 gegründet, schlossen sich damals junge Männer mit agrar-romantischer Blut-und-Boden-Ideologie zusammen. Sie hielten es für ein Naturgesetz, dass nur eine "rein" deutsche Abstammung den Erhalt des "Volkes" sichern könne. Zu den Artamanen der ersten Stunde gehörten etwa Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß und Reichsführer SS Heinrich Himmler.

Mecklenburg-Vorpommern ist heute so etwas wie die Toskana für völkische Siedler. Laut einer Untersuchung der Amadeu Antonio Stiftung, die sich gegen Rechtsextremismus einsetzt, haben sich hier die meisten braunen Gemeinschaften gebildet. Vor allem in der Region Güstrow-Teterow und in den Landkreisen Ludwigslust-Parchim, Nordwestmecklenburg und Ostvorpommern befinden sich die Zellen der Siedler. Sie beackern den eigenen Boden, gründen Handwerkskooperativen und beziehen Fleisch von befreundeten Biolandwirten. In den Ferien bringen rechtsradikale Städter aus ganz Deutschland ihren Nachwuchs zu ihnen aufs Land.

Mittlerweile hätten sich die Zugezogenen, viele von ihnen aus Nord- und Ostdeutschland, bereits mit einheimischen Rechtsextremen zu einem handlungsfähigen völkischen Netzwerk verwoben, sagt Elisabeth Siebert, Leiterin des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Rostock. Ziel des Netzwerkes: "über Generationen wollen sie Schritt für Schritt die demokratischen Werte in unserer Region verändern."

  • Umweltschutz in der NPD

Die NPD inszeniert sich gerne als Kümmerer-Partei: Laut Parteiprogramm der NPD Mecklenburg-Vorpommern machen sich die Nationaldemokraten stark für eine "bäuerliche Landwirtschaft" und wehren sich gegen eine "weitere Ansiedlung von Tierfabriken, gegen Antibiotikamissbrauch, Monokulturen, Überdüngung und Genmanipulation". Sie ziehen Nahrungsmittel von der "heimatlichen Scholle" denen aus Übersee vor. Das Signal: Wir kümmern uns um unsere Leute und um unsere Umwelt. Klar ist aber auch: Der NPD geht es nicht um ein gutes Leben für alle Menschen und Tiere, sondern nur um den Erhalt des deutschen Volkes und seines "Lebensraumes".

Mit ihrem Engagement will die Partei Brücken zu umweltbewussten Personen aufbauen - und in fremden Wählerbecken fischen. Das Perfide: Vielen der Positionen können die meisten ökologisch orientierten Wähler und Konsumenten beipflichten. Erst auf den zweiten Blick verstören die rassistischen und völkischen Begründungen. Zum Beispiel die Argumente der NPD gegen Gentechnik: Durch den Einsatz von Monsanto-Gentechnik aus den USA wurde die "Ernährungssouveränität der Völker" gebrochen, da dieses Saatgut automatisch Fremdbestimmung bedeute. Statt Umweltschutz stehen Anti-Amerikanismus und Deutschtümelei im Vordergrund.

Auch den Nachwuchs haben die Nationaldemokraten nicht vergessen: Ihre Jugendorganisationen bieten zahlreiche Zeltlager und Wanderungen durch heimische Wälder an. So wollen sie Nachwuchs rekrutieren und spielerisch widerstandsfähige Germanen heranziehen.

  • Vegane Nipster und Veget-Arier

Die Küche, in der die beiden jungen Männer für ihr Publikum kochen, sieht aus wie die einer typischen Jungs-WG: billige Einbauschränke, gestapelte Töpfe, herumliegende Essenspackungen auf den Ablagen und ein Edward-Snowden-Plakat am Kühlschrank. Die hageren Kerle sind mit ihren veganen Rezepten ein Phänomen bei Youtube, manche Folgen ihrer Koch-Show "Balaclava Küche" werden bis zu 25.000 Mal angeklickt. Jedoch: Sie tragen Sturmmasken und begrüßen ihre Zuschauer auch mal mit einer verpixelten Bewegung, die als Hitlergruß gedeutet werden kann. In einem Video ziert die T-Shirts der Küche das Konterfei von Rudolf Heß mit dem Aufdruck "Ein Mensch ist illegal".

Für "sechs Millionen Likes" verspricht einer der beiden, sich einen Finger abzuhacken - und es ist sicher kein Zufall, dass die Zahl der von den Nazis getöteten Juden entspricht.

Auf den Tisch kommen "autonomer Tofu" und Kaiserschmarrn, die Zutaten sind möglichst deutsch: "Kauft keine Nestlé-, Coca-Cola-, Kraft-, Unilever- und Israel-Wixxe", appellieren die beiden jungen Männer an ihr Publikum. Den Kommentaren zufolge sind die Hobbyköche jedoch einigen noch nicht konsequent genug: "Bananen und Kiwi sind nicht besonders deutsch", merkt ein Nutzer auf Youtube an. "Das dürft ihr gar nicht zubereiten."

Für die neue Generation von Neonazis ist Nationalsozialismus Lifestyle: Sie erscheinen nicht mehr mit Springerstiefeln und polierter Glatze, sondern inszenieren sich und ihre Weltanschauung als hip - inklusive Hipster-Kleidung. Teilweise propagieren sie auch die Lebensweise der Straight-Edge-Bewegung, deren Anhänger konsequent auf Drogen und oft auch auf tierische Produkte verzichten. "Nipster" - eine Zusammensetzung aus Nazi und Hipster - begannen Medien die hippen Neonazis deshalb zu nennen. Mittlerweile verwenden junge Neonazis den Hashtag Nipster auf Twitter selbst. Auch die Balaclava-Köche bezeichnen sich so.

  • Die Rechten und der Tierschutz

1933 erließen die Nazis mit dem Reichstierschutzgesetz das erste umfassende deutsche Tierschutzgesetz - ein "Erfolg", den tierliebe Rechtsextremisten bis heute für sich reklamieren. Zentraler Bestandteil des Gesetzes: ein Verbot des Schächtens. Die Ablehnung dieses Rituals, religiöse Praxis vor allem von Juden und Muslimen, ist bis heute maßgeblicher Bestandteil rechter Tierliebe. Seit jeher mischt sich diese Kritik am Schlachten nicht betäubter Tiere mit rassistischen und antisemitischen Parolen.

In Internetforen, Pamphleten und auf Flugblättern von rechten Tierschützern taucht auch immer wieder der Vergleich zwischen Massentierhaltung und Konzentrationslagern im Dritten Reich auf. Mit der Gleichsetzung von Tier und Mensch versuchen die Rechtsextremen, den Holocaust zu verharmlosen. Als die Tierschutzorganisation Peta mit "Der Holocaust auf Ihrem Teller" für sich warb, wurde die Kampagne 2012 vom Europäischen Gerichtshof verboten, um die Persönlichkeitsrechte der in Deutschland lebenden Juden nicht zu verletzen. Neonazis schlagen aber immer noch in diese Kerbe.

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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1. Nee, echt jetzt?
suedbaden6 03.10.2015
Die werden aber auch immer frecher. Die braunen beschmutzen den veganen Bio-Gedanken! Dürfen die das? Muss man für den Erwerb von Demeter-Siegel & Co denn eigentlich keine Gesinnungseignungsprüfung machen? Wenn das so weiter geht, kaufe ich demnächst aus Protest Wasser-Schnitzel im Supermarkt! Bleiben Sie dran, Frau Reiter und studieren neben Politologie und so auch noch braune Mimikry. Braucht man auch kein Examen.
2. Nee, echt jetzt?
suedbaden6 03.10.2015
Die werden aber auch immer frecher. Die braunen beschmutzen den veganen Bio-Gedanken! Dürfen die das? Muss man für den Erwerb von Demeter-Siegel & Co denn eigentlich keine Gesinnungseignungsprüfung machen? Wenn das so weiter geht, kaufe ich demnächst aus Protest Wasser-Schnitzel im Supermarkt! Bleiben Sie dran, Frau Reiter und studieren neben Politologie und so auch noch braune Mimikry. Braucht man auch kein Examen.
3. Veganismus und Rechtsextremismus schließen sich aus
BlackRainbow666 03.10.2015
Tierrechte sind auch Menschenrechte. Es gibt Nazis, die auf den "Knuddel-die-Kuh"-Zug aufspringen wollen, aber sie haben nicht verstanden, dass auch Menschen Tiere sind und dass man weder die Rechte von Frauen, Homosexuellen, Kindern, "Ausländern" oder anderen unterdrückten Minderheiten mit Füßen treten kann, wenn man glaubhaft für Tiere eintreten will. Was sie da betreiben, kann höchstens Körperkult mit einer gesunden Ernährung sein, in der irrigen Annahme, Tiere hätten dem "Führer" etwas bedeutet und er wäre Vegetarier gewesen (was er erstens nicht war und womit er zweitens dennoch ein Idiot gewesen wäre).
4.
mightyschneider 03.10.2015
Bekannte von mir haben den Schritt gewagt und haben sich einen Bauernhof im Wendland gekauft. Das war vor ca. 4 Jahren. Ich habe sie in diesem Zeitraum einige Male besucht und war positiv überrascht von der Landidylle, dem starken Band der Dorfgemeinschaft und der Selbstversorgung, die sie nach einigen Jahren schon umgesetzt hatten. Durch die unkontrollierte Masseneinwanderung überlege auch ich, diesen Schritt zu gehen, leider hält mich noch zuviel in der Stadt (Schule für die Kinder, Job, ...). Wenn ich dann allerdings in Gaucks Rede zur deutschen Einheit(!) höre, dass die Einheimischen sich an die "Zuwanderer" (letzte Woche waren es noch Asylbewerber ...) anpassen müssen, dann wird mein Wille stärker, diesen Schritt zu gehen. In jedem Fall danke für diesen Artikel, die "Umwelt & Aktiv" werde ich mir anschauen.
5. @Anja Reiter
claudia.meyer 03.10.2015
Schade, dass Sie so wenig Empathie für Tiere haben. Trotzdem wäre es schön, wenn Sie sich besser informieren würden! http://www.faz.net/aktuell/stil/essen-trinken/warum-israel-das-veganste-land-der-welt-ist-13812715-p2.html?printPaged Article=true#pageIndex_2
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