Neuanfang nach der Spähaffäre: Neuer Bahn-Chef trennt sich von vier Vorständen

Klarer Schnitt beim größten deutschen Staatskonzern: Der neue Bahn-Chef Grube und Aufsichtsratschef Müller brechen endgültig mit der Ära Mehdorn. Gleich vier Vorstände verlassen das Unternehmen noch in diesem Monat - Margret Suckale, Norbert Bensel, Norbert Hansen und Otto Wiesheu.

Berlin - Die Datenaffäre bei der Bahn hat nun auch personelle Konsequenzen. Das Unternehmen trennt sich von seinem Leiter der Konzernrevision Josef Bähr, dem Sicherheitschef Jens Puls sowie dem Antikorruptionsbeauftragten Wolfgang Schaupensteiner. Das teilte der Konzern am Mittwoch nach einer Aufsichtsratssitzung in Berlin mit. Alle drei verlassen den Konzern umgehend.

Bahn-Chef Grube, Aufseher Müller: Neuanfang auf vier Vorstandsposten
DDP

Bahn-Chef Grube, Aufseher Müller: Neuanfang auf vier Vorstandsposten

Außerdem trennt sich das Unternehmen von den Vorstandsmitgliedern Margret Suckale, Norbert Bensel, Norbert Hansen und Otto Wiesheu. Sie verlassen den Vorstand zum 31. Mai. Das erklärten Aufsichtsratschef Werner Müller und der neue Vorstandschef Rüdiger Grube.

Bensel war bisher Logistik-Vorstand, Wiesheu war für die Kontakte des Unternehmens zur Politik zuständig. Suckale war Personalvorstand, Hansen war Arbeitsdirektor. Hansens Abgang wurde mit seinem schlechten Gesundheitszustand begründet.

Darüber hinaus beendet die Bahn den Vertrag mit dem Rechtsanwalt Edgar Joussen, der für sie als Ombudsmann tätig war. Und auch strukturelle Veränderungen sind geplant: In Zukunft sollen die Bereiche Compliance, Datenschutz und Recht in einem neuen Vorstandsressort zusammengefasst werden. Auch der gesamte Bereich IT und IT-Revision soll überprüft und neu organisiert werden, ebenso wie die Konzernsicherheit. Die Abteilung politische Beziehungen werde ebenfalls neu organisiert.

Der Leiter der Konzernrevision, Bähr, hatte die Mitarbeiter-Überwachungen bei der Bahn maßgeblich organisiert. "Fehlverhalten kann und werde ich nicht tolerieren, deshalb brauchen wir einen Neuanfang", sagte der neue Bahn-Chef Grube.

Über die Datenaffäre war auch der frühere Konzernchef Hartmut Mehdorn gestolpert - er hat das Unternehmen bereits verlassen. Die Bahn hatte einen Großteil ihrer Mitarbeiter über Jahre hinweg systematisch überwacht. Der E-Mail-Verkehr der Beschäftigten wurde ebenso überprüft wie auffällige Kontobewegungen.

An diesem Mittwoch haben die Sonderermittler der Bahn dem Aufsichtsrat ihre Ergebnisse zur Datenaffäre präsentiert. Neben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG untersuchten auch der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) und die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) im Auftrag des Kontrollgremiums die Vorgänge.

Nach Angaben der Bahn bestätigte der Bericht der Sonderermittler, dass der Vorstand mit den untersuchten Maßnahmen im Rahmen der Korruptionsbekämpfung nicht befasst war und von ihnen keine Kenntnis hatte. Aufsichtsratschef Werner Müller stellte fest, dass "keinerlei persönliches Fehlverhalten" vorliegt. Dennoch hätten die Vorstände ihren Rücktritt angeboten.

Die Deutsche Bahn hatte über viele Jahre die Daten von Mitarbeitern zur Korruptionsbekämpfung mit denen von Lieferanten abgeglichen. Die Vorgänge, die nicht mit den Arbeitnehmervertretern abgesprochen worden waren, sorgten für massive Empörung.

"Die Weichen für einen Neuanfang sind gestellt"

Aufsichtsratschef Müller sagte nach der Sitzung an diesem Mittwoch, nur "in wenigen Einzelfällen" werde der aufgeklärte Sachverhalt auch strafrechtlich relevant sein. Der Aufsichtsrat werde die Ergebnisse der Ermittlungen unverzüglich an Staatsanwaltschaft und Datenschutzbeauftragte weiter geben.

Nach Müllers Worten hat jedes Vorstandsmitglied versichert, weder wissend noch tolerierend in die Datenaffäre involviert gewesen zu sein. Die sorgfältige Ermittlungsarbeit gebe keinerlei Anlass, an den Aussagen der Vorstände zu zweifeln. "Spekulationen gegen potentielle Schadenersatzansprüche entbehren jeder Grundlage", sagte Müller. Nach SPIEGEL-Informationen gab es im Aufsichtsrat Stimmen, die mögliche Forderungen gegen Ex-Konzernchef Mehdorn in Erwägung gezogen haben.

Müller sprach aber im Zusammenhang mit der Datenaffäre von "unerfreulichen Vorkommnissen". Für die Trennung von den vier Vorständen sei die Absicht ausschlaggebend gewesen, einen Schlussstrich unter die Affäre zu ziehen und mit personellem Neuanfang das Vertrauen in die Führung wieder zu stärken. "Die Weichen für einen Neuanfang sind gestellt."

Für das neue Vorstandsressort Compliance, Datenschutz und Recht habe man eine hervorragende Persönlichkeit im Auge, sagte Müller. Bis Ende Mai werde es entsprechende Berufungen geben, voraussichtlich auf einer Aufsichtsrats-Sondersitzung am 25. Mai. Zu Arbeitsdirektor Hansen sagte Müller, er sei "mehr oder weniger dauerhaft" erkrankt. Sein Abgang habe "in keiner Weise mit der Datenaffäre zu tun".

Grube sieht Gesetzesverstöße

Der neue Vorstandschef Grube betonte ebenfalls, man wolle "einen wirklichen Schlussstrich" unter das Kapital Datenaffäre ziehen und "mit dem Missbrauch ein für alle mal aufräumen".

Inhaltlich sagte Grube lediglich, dass Mitarbeiterdaten benutzt worden seien, um sie mit Lieferantendaten abzugleichen. Dabei sei es in der Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern "zu Verstößen gegen das Bundesdatenschutzgesetz, das Betriebsverfassungsgesetz und bahninterne Konzernrichtlinien" gekommen. Die nötige Zustimmung des Betriebsrats sei ebenso wenig eingeholt worden wie die des zuständigen Personalvorstandes.

"Sehr hohe Priorität" hat nach Grubes Worten die Aufklärung der E-Mail-Überwachung. Mindestens 487 Fälle von E-Mail-Kontrollen seien mittlerweile bekannt. In fünf Fällen seien lokale Festplatten von Mitarbeitern ohne deren Wissen kopiert und ausgewertet worden. Rund 800 Mitarbeiter hätten Zugriff auf die fast 60.000 Computer der Bahn gehabt. Bis 2008 seien E-Mails auf weit über 500 Suchbegriffe untersucht worden. Es handele sich um Straftatbestände, die noch nicht verjährt seien.

wal/sam/AP/dpa/ddp/Reuters

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Ist Grube der Richtige?
insgesamt 469 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Reziprozität 02.04.2009
Zitat von sysopBahn-Chef Mehdorn ist zurückgetreten, jetzt soll Rüdiger Grube die Bahn in die Zukunft führen. Ist der Daimler-Mann der Richtige für den Job?
Man weiss sehr wenig ueber Herrn Grube und kann sich demzufolge der Beurteilung nicht sicher sein. Dies gilt nicht fuer Herrn Sarrazin, der ja auch als Kandidat gehandelt wurde. Dem haette ich es zugetraut.
2.
uwp-berlin 02.04.2009
Zitat von sysopBahn-Chef Mehdorn ist zurückgetreten, jetzt soll Rüdiger Grube die Bahn in die Zukunft führen. Ist der Daimler-Mann der Richtige für den Job?
... es können qua Herkunft und Qualifikation sowieso nur die Kameraden der Automobilindustrie oder die Herren der Luftflotte für das sorgen, was die Schiene braucht. Von Danaergeschenk sollte da keiner reden.
3.
Rainer Eichberg 02.04.2009
Zitat von sysopBahn-Chef Mehdorn ist zurückgetreten, jetzt soll Rüdiger Grube die Bahn in die Zukunft führen. Ist der Daimler-Mann der Richtige für den Job?
Der ewige Fehler ist doch zu glauben, daß Entscheidungen von einer einsamen Person an der Spitze getroffen werden. Herr Grube hat sich anderswo längst seine Meriten verdient. Jetzt steht er halt der Bahn vor. Na und? Das ist wie dem Bundeskanzler oder dem Bundes-Horst: Die müssen vor die Kamera treten und was rein sprechen. Am Entscheidungsprozess sind sie doch nur marginal vertreten.
4. Meine Einschätzung von Mehdorn!
chagall1985 02.04.2009
Er hat es geschafft die Bahnhöfe vom Schmuddelimage zu befreien (zumindest die grossen). Er hat es geschafft, dafür zu sorgen das man sich gerne in die Bahn setzt. ER hat aus vergammelten IC hochmoderne ICE gemacht. Wo er absolut versagt hat: Es ist keine Leistung mit einem quasi Monopolisten Gewinn zu machen wenn man ständig die Preise über der Inflationsrate erhöht. Es ist absolut verfehlte Politik ICE3 zu kaufen und die auf strecken fahren zu lassen wo sie genauso dahinkriechen wie ein IC. Dabei aber 40% mehr Geld kosten. Ein schicker und moderner Bahnhof ist auch wenig wert wenn die Preise für die Ticktets ständig steigen und die Ausfälle und Verspähtungen auch nicht besser werden. Ein ICE Fahrpreis bei dem man einem Stehplatz im Gang mit 5 Cm Bewegungsfreiheit bekommt ist eine Frechheit. Das Tarifsystem der Bahn ist ebenfalls auf Mehdorn Mist gewachsen und eine absolute Frechheit und Caos pur. Alleine die Trennung der Fahrpreise bei Schalter und Internetbuchung sind keinem zu vermitteln. Nicht das die Preise sich nicht unterscheiden dürfen! Aber das ein Schaltermitarbeiter keinen Zugriff und keine Ahnung von Internetangeboten hat ist ein Witz!! Im Grunde steht die Bahn durch Mehdorn am Abgrund! Begründung: Die Bahn ist ein Zomie ähnlich wie die Lufthansa in den 90'er Jahren. Wenn der erste grosse Konkurrent kommt und wie Ryanair die BRanche durchwirbelt trudelt die Bahn in den Abgrund. Die Menschen wollen schnell, verlässlich und günstig von einem Ort zum anderen kommen. Die Bahn ist durch die mangelnden Hochgeschwindigkeitsstrecken nicht schnell. Die Bahn ist nicht verlässlich. (KOnkurrenten wie die NWB machen es vor) Und günstig ist die Bahn schon gar nicht! Ich komme mit dem Flieger von Bremen nach Finnland für den Preis den die Bahn nach Hamburg verlangt!
5. ?
Sgt_Pepper, 02.04.2009
Zitat von sysopBahn-Chef Mehdorn ist zurückgetreten, jetzt soll Rüdiger Grube die Bahn in die Zukunft führen. Ist der Daimler-Mann der Richtige für den Job?
Ob Herr Grube der richtige Mann für die DB ist, sollte man in ca. einem Jahr wissen. Das heute zu beantworten, ist unmöglich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Deutsche Bahn
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -21-