Neue Korruptionsbekämpferin "Wenn man Angst vor 'Bild' hat, ist es problematisch"

Sie war das Gesicht des deutschen Radsports, jetzt kämpft sie gegen Bestechung: Sylvia Schenk ist die neue Vorsitzende der Antikorruptionsgruppe Transparency International. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt sie, wann Bestechlichkeit anfängt und warum sie sich ab und an trotzdem einladen lässt.


SPIEGEL ONLINE: Frau Schenk, wann haben Sie das letzte Mal eine Essenseinladung angenommen?

Sylvia Schenk: Vor drei Wochen.

SPIEGEL ONLINE: Privat oder beruflich?

Schenk: Eher ehrenamtlich. Das war mit dem Chef der Tour de France, mit dem ich nach wie vor ein enges und freundschaftliches Verhältnis habe.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist eine Einladung also erlaubt?

Schenk: Ja. Wir müssen bei dieser Diskussion aufpassen, dass wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Denn Kontakte, ob in Wirtschaft, Verband oder Politik, sind auch wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Wo verläuft die Grenze, wann fängt Korruption an?

Schenk: Es gibt keine eindeutigen Kriterien. Es kommt auf die beteiligten Personen und die Umstände an. Wichtig ist, dass man offen über sein Verhalten reden kann. Wenn man Angst davor hat, es könnte am nächsten Tag in der "Bild"-Zeitung stehen, dann ist es problematisch.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für Einladungen zu Reisen?

Schenk: Das gilt für alles, was irgendwie einen ideellen oder finanziellen Vorteil bringt. Das Beste ist, wenn es klare Regelungen gibt, etwa Verhaltenskodizes in Unternehmen. Das hilft allen Beteiligten.

SPIEGEL ONLINE: Dem Bund der deutschen Radfahrer (BDR) waren Sie als Präsidentin mit Ihrem rigiden Anti-Doping-Kurs zu konsequent - und sind schließlich nicht wiedergewählt worden. Fühlen Sie sich bei Transparency jetzt besser aufgehoben?

Schenk: Das kann man nicht vergleichen. Die Aufgabenstellung und die Arbeit ist eine andere, die inhaltliche Ausrichtung auch. Inhaltlich sind die Linien bei Transparency klarer. Im Radsport war ich mit meinem Auftreten und meinen Auffassungen nicht nur beim Thema Doping wohl eher ein Fremdkörper.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie mit ähnlichen Widerständen bei Ihrer Arbeit für Transparency?

Schenk: Nein, auf keinen Fall. Da wird es sicher inhaltliche Auseinandersetzungen geben, denn wir ringen natürlich um jede Position und auch um die Art, wie wir an Dinge herangehen. Dass man zum Beispiel nicht immer gleich mit dem Holzhammer argumentieren muss.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt jetzt aber plötzlich sehr sanft.

Schenk: Man muss einfach sehr genau differenzieren. Ich habe das bei der Debatte um die WM-Tickets gemerkt. Da gab es einen Teil der Journalisten, die der Meinung waren, es darf überhaupt keine VIP-Tickets mehr geben, keine Einladung in Logen und so weiter. Dann aber können wir alle Stadien schließen und bekommen keines dauerhaft sinnvoll finanziert. Es ist inhaltlich sinnvoll, dass sich Wirtschaft und Politik in einem solchen Rahmen ab und zu treffen, um Gespräche zu führen und Kontakte zu knüpfen. Entscheidend sind immer die konkreten Umstände.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber eine Gratwanderung.

Schenk: Auf jeden Fall - deshalb ist Differenzierung so wichtig. Beim Thema Korruption kann man jemandem auch schnell schaden!

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie mit Widerstand von außen gegen ihren Kurs?

Schenk: Es wird immer mal Positionen geben, die manchen zu pointiert sind. Aber dafür sind wir ja da. Dem sehe ich gelassen entgegen, da haben mich die Auseinandersetzungen im Radsport gestählt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt: "Wenn ich ein Amt habe, will ich auch etwas bewegen". Was wird Ihre erste Amtshandlung bei Transparency sein?

Schenk: Ich habe meinen Vorgänger verabschiedet.

SPIEGEL ONLINE: Und danach?

Schenk: Bei Transparency vollzieht sich ein Generationenwechsel, nicht nur altersmäßig. Mit dem bisherigen Vorsitzenden Hansjörg Elshorst und anderen gehen die Männer der ersten Stunde, die die Organisation aufgebaut, ihre Aufgaben definiert und das Thema Korruption erfolgreich auf die nationale und internationale Agenda gesetzt haben. Diese Phase ist abgeschlossen, jetzt geht es um die Details - und das ist oft viel schwieriger. Wir müssen überlegen, wie wir konstruktiver werden und mehr Menschen in die Debatte um Transparenz und Interessenskonflikte miteinbeziehen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Deutschland denn überhaupt ein Problem mit Korruption?

Schenk: Mit Sicherheit. So wie es nie einen dopingfreien Sport geben wird, wird es auch nie eine korruptionsfreie Wirtschaft oder Gesellschaft geben. Das Entscheidende ist, wie weit man strukturell dagegen vorgeht. Da steht Deutschland sicherlich besser da als viele andere Länder in der Welt, aber wir sind bei weitem nicht ganz vorne. Der Siemens-Skandal hat ja gezeigt, dass auch in großen Firmen zum Teil grundsätzliche Probleme haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben die deutschen Unternehmen begriffen, dass sie ein Problem haben?

Schenk: Der Siemens-Fall hat zwar einiges bewirkt. Aber das Unternehmen zittert nach wie vor mehr vor der amerikanischen Börsenaufsicht als vor den deutschen Ermittlern. Immerhin merkt Siemens es jetzt auch finanziell, wie Gewinnabschöpfung und Geldstrafe des Münchner Gerichts von 201 Millionen Euro zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Was wird die größte Herausforderung im Kampf gegen Korruption?

Schenk: Das Problem ist in der Wirtschaft am größten: Da fehlt oft noch das Bewusstsein. Denn das, was Siemens jetzt vorgeworfen wird, war ja vor zehn Jahren noch als "nützliche Aufwendungen im Auslandsgeschäft" steuerlich absetzbar.

SPIEGEL ONLINE: Kann Transparency diesen Bewusstseinswandel forcieren?

Schenk: Ja, denn wir haben eine unheimlich hohe öffentliche Aufmerksamkeit - obwohl wir so klein sind. Und unbestritten ist, dass sich da schon unglaublich viel getan hat. Aber dieses Bewusstsein muss noch in Fleisch und Blut der Verantwortlichen übergehen. Auch die Erkenntnis, dass es nicht nur ethisch richtig ist, sondern langfristig auch wirtschaftlich Sinn macht.

SPIEGEL ONLINE: Was motiviert Sie persönlich?

Schenk: Ich habe mein Leben lang ehrenamtlich gearbeitet und kann es mir nicht ohne vorstellen. Bei Transparency kann ich bestimmte Themen viel effektiver voranbringen als im Sport, kann Menschen anregen, über ihr Verhalten nachzudenken.

SPIEGEL ONLINE: Es ist also nicht die Wut über Korruption und Bestechlichkeit, die Sie treibt?

Schenk: Auf keinen Fall. Mich kann man immer nur positiv motivieren, Wut trägt bei mir keine Motivation über Wochen.

Das Interview führte Susanne Amann



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