Neue Leitbörse: Wenn China bebt, zittern die Weltmärkte

Von Kai Lange

Die Rückschläge an Chinas Börse häufen sich. Anleger blicken im Moment aufmerksamer auf die Indizes in Shanghai als auf die Wall Street. Mit Recht: China kann die anderen Staaten Asiens in einen gefährlichen Abwärtssog ziehen - und nicht nur sie.

Hamburg - Anleger in Deutschland müssen ihre Uhren neu stellen. Bislang war die Schlussauktion im New Yorker Börsenhandel um 22 Uhr der entscheidende Termin, um sich auf den kommenden Börsentag vorzubereiten. Jetzt können Aktionäre früher schlafen gehen oder sich mit anderen Dingen beschäftigen - solange sie am kommenden Morgen zwischen 7 und 8 Uhr hellwach sind. Dann beenden die Börsen in Asien den Handel - und wenn dort die Indizes wackeln, rollt die Verkaufswelle westwärts.

Investor in Shanghai: Fällt der Schrittmacher aus?
AFP

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So geschehen Ende Februar, als ein Kurssturz des Shanghai Composite Index um rund 9 Prozent die Börsen weltweit ins Wanken brachte. In dieser Woche nun ein leichtes Nachbeben: Der Shanghai Composite gab erneut um rund 4 Prozent nach, und der Dax Chart zeigen ging trotz eines zuvor erreichten Rekordhochs des US-Index Dow Jones Chart zeigen in die Knie.

Ist diese Nervosität nicht etwas übertrieben? Von einer Industrienation ist die aufstrebende chinesische Volkswirtschaft noch weit entfernt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete China pro Einwohner ein um Kaufkraftunterschiede bereinigtes BIP in Höhe von 7600 Dollar, hat der internationale Währungsfonds errechnet. In Deutschland war diese Zahl mit rund 31.000 Dollar viermal so hoch, in den USA mit 43.000 Dollar mehr als fünfmal so hoch. Wird der Einfluss des aufstrebenden Schwellenlandes China überschätzt?

Die Antwort ist: Nein. Chinas Bruttoinlandsprodukt war 2006 mit rund 2,6 Billionen Dollar zwar noch immer niedriger als das BIP der Bundesrepublik. Doch seit dem Jahr 2000 ist Chinas Wirtschaftsleistung jährlich um rund 10 Prozent gewachsen - das Wachstum war zehnmal so stark wie in Deutschland (durchschnittlich 0,9 Prozent pro Jahr).

Mit einer solchen Dynamik ist China Herz und Motor der gesamten asiatischen Wirtschaftsregion, die es bereits auf 22 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung bringt und damit auf Augenhöhe mit Euroland spielt. China ist Taktgeber für Asiens wirtschaftliche Dynamik: Überhitzt der Motor, erlahmt die gesamte Region.

Aufholjagd: Zahlreiche Staaten in Asien haben pro Kopf einen höheren Wohlstand erreicht als die Bundesrepublik ...
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Einem stabilen Wachstum in Asien kommt auch deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil es die erwartete Abkühlung der US-Wirtschaft mit ausgleichen soll. "Die Erwartung lautet, dass die Wachstumsdynamik der Schwellenländer eine Abschwächung der Konjunktur in den USA abfedert", sagt Nicolas Schlotthauer, Fondsmanager bei der DWS. "Sollte China als Schrittmacher für die Schwellenländer ausfallen, dürfte diese Rechnung nicht mehr aufgehen."

Immer mehr Handelswege führen nach China. Für Hongkong und Südkorea zum Beispiel war China im Jahr 2005 das wichtigste Exportziel. Für die Industrienation Japan sowie die aufstrebende Volkswirtschaft Indien steht China als Exportland an zweiter, für Thailand, Indonesien und Vietnam an dritter Stelle.

Für die Mehrzahl der asiatischen Staaten, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) errechnet, gehört die Volksrepublik China zu den drei wichtigsten Abnehmern ihrer Produkte.

"Mit seinem wachsenden Bedarf an 'harten' und 'weichen' Rohstoffen ist China nicht nur für die asiatischen Nachbarn, sondern auch für Schwellenländer in Südamerika und Afrika ein wichtiger Handelspartner", ergänzt Schlotthauer. Eine harte Landung der Volkswirtschaft würde außerdem auf die allgemeine Stimmung am Markt drücken: Verliert der Impulsgeber China rapide an Dynamik, dürften Investoren in den Schwellenländern weltweit künftig zurückhaltender sein.

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Der Experte der DWS ist dennoch zuversichtlich, dass China trotz seiner Schwindel erregenden Wachstumsraten genug Mittel hat, um eine drohende Überhitzung der boomenden Volkswirtschaft zu vermeiden.

"Die chinesische Volkswirtschaft ist noch deutlich stärker reguliert", sagt Schlotthauer. "Regierung und Zentralbank verfügen daher über zahlreiche Hebel, um die Inflation in den Griff zu bekommen."

Westliche Industrienationen versuchen vor allem durch Erhöhung der Zinsen, eine zu starke Preissteigerung zu vermeiden. Auch in China hat die Zentralbank weitere Zinserhöhungen angedeutet, doch dies ist nicht das einzige Mittel.

"In China dürften die Zinsen moderat ansteigen, doch an massiven Erhöhungen hat die Notenbank kein Interesse, da dies den Binnenkonsum treffen würde", sagt Schlotthauer. Ein langfristiges Ziel der Zentralbank sei statt dessen, die Sparquote nach unten zu bringen und auf diese Weise den inländischen Konsum zu stützen.

Ein Preisanstieg lässt sich auch dadurch bremsen, indem man Höchstpreise etwa für Nahrungsmittel oder für Benzin staatlich festsetzt. In China dürften etwa 25 Prozent der Preise des für die Inflation maßgeblichen Warenkorbes durch den Staat kontrolliert sein - bei seinen aktuellen Überschüssen kann es sich China leisten, einzelne Produkte zu subventionieren und damit dafür zu sorgen, dass Preisschwankungen an den Märkten nicht voll auf die eigene Bevölkerung durchschlagen.

Drittens können Regierung und Zentralbank stärker als hierzulande die Kreditvergabe der Banken steuern: Die Zentralbank hat in den vergangenen Monaten die "Mindestreservebestimmungen" bereits dreimal verschärft und damit durchgesetzt, dass ein wachsender Anteil der Liquidität der einzelnen Kreditinstitute unverzinst bei der Zentralbank einlagern muss.

Auf diese Weise wird dem Wirtschaftskreislauf Geld entzogen und die Kreditvergabe erschwert. Dies ist auch ein Mittel, um Aktien- oder Immobilienspekulationen auf Pump zu erschweren: Die jüngste Rally am Aktienmarkt zieht eine steigende Zahl Spekulanten an.

"China kann dem Wirtschaftskreislauf auf verschiedenen Wegen Liquidität entziehen, ohne gleich die Zinsen massiv nach oben zu setzen", sagt Schlotthauer. Die Inflationsrate, die im März auf 3,3 Prozent gestiegen war, dürfte sich nach Schätzung der DWS zum Jahresende wieder bei 2,5 Prozent einpendeln. "Bei einem Wachstum von 10 bis 11 Prozent könnte China auch mit einer Inflationsrate von 3 Prozent leben", sagt Schlotthauer. Er geht nicht davon aus, dass die jüngsten Inflationsdaten China kurzfristig aus der Bahn werfen werden.

Dennoch: Die Wachsamkeit der Investoren, wenn an den Börsen in Shanghai und Shenzen rote Lämpchen leuchten, ist berechtigt. Zu stark sind die Handelsbeziehungen nicht nur der asiatischen Tigerstaaten, sondern auch der Schwellenländer weltweit zu China. Zu groß ist der Einfluss, den die Boomregion auf die weltweite wirtschaftliche Balance nimmt. Die reale Wirtschaftsleistung Asiens hat sich seit 1980 verdreifacht, ex Japan sogar versechsfacht.

Noch ist der Wachwechsel von der Wall Street zu den asiatischen Börsen nicht vollzogen. Doch Asien ist auf dem Weg dorthin.

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