Neue Mobilität Ölpreisschock löst Öko-Boom aus

Autofahrer steigen um, Flugzeuge fliegen langsamer, Schiffe drosseln ihr Tempo - was jahrelange Appelle an das Umweltbewusstsein nicht erreicht haben, schafft der hohe Ölpreis in kürzester Zeit. Ökologische Mobilität wird plötzlich zur Zukunftsbranche.

Von


Hamburg - In wenigen Monaten werden Tausende Inder zum ersten Mal Besitzer eines Autos. Im Herbst nämlich kommt der "Nano" des indischen Herstellers Tata auf den Markt, ein Auto, das weniger als hunderttausend Rupien, umgerechnet etwa 1500 Euro, kosten soll und damit das billigste Auto der Welt ist. Künftig also werden auch Verkäufer, Wachleute, Handwerker mit ihrem eigenen Auto zur Arbeit und Studenten zu ihrer Vorlesung fahren. "Das Auto ist unwesentlich teurer als ein Esel", ist zum geläufigen Spruch geworden - ohne dass Tata je mit diesen Worten werben musste. Wer sich umhört, stellt fest: Noch nie wurde so sehr auf ein Auto gespart wie jetzt. Das Thema "Nano" macht die Menschen glücklich - trotz schlechter Straßen in Indien, trotz hoher Benzinpreise und obwohl die meisten das Wägelchen nur von Fotos kennen. Automobilität ist offensichtlich etwas höchst Erstrebenswertes.

"Lebendig sein heißt Geschwindigkeit sein", sagt der französische Philosoph Paul Virilio. Biologen verweisen auf eine pragmatische Erkenntnis: Wer schneller ist, entkommt seinem Feind - und überlebt. Die Geschichte der Mobilität ist denn auch eine Geschichte von bahnbrechenden Schöpfungen: vom ersten Bootsbau vor vielen tausend Jahren über die Erfindung des Rads vor etwa sechs Jahrtausenden bis hin zum revolutionären 19. Jahrhundert, als die Eisenbahn sich als Massenverkehrsmittel durchsetzte, das Auto erfunden und erste Flugerfahrungen gemacht wurden.

Sich fortzubewegen, ist ewiger Wunsch des Menschen, der längst bis zur Perfektion erfüllt wurde - still und zügig gleitet man dahin, fliegt mit Überschallgeschwindigkeit durch die Welt, transportiert 14.000 Container in einem einzigen Schiff über die Meere. Die moderne Gesellschaft bewegt sich schneller und mehr denn je. Strecken, die sich heute innerhalb einer Stunde zurücklegen lassen, verlangten vor nicht einmal einem Jahrhundert eine mehrtägige Strapaze.

Doch der hohe Ölpreis zwingt zum Umdenken: Mobilität wird immer teurer. In der Türkei steigen zum Beispiel sogar die Preise für Esel, weil immer mehr Bauern wegen des knappen Öls vom Traktor auf die Tiere umsteigen.

SPIEGEL-ONLINE-Überblick zur Entdeckung der Langsamkeit:

Schon jetzt warnen die Förderländer, dass eine Steigerung der Ölproduktion angesichts der aufgebrauchten Reserven kaum noch möglich ist. Und die Erkenntnis, dass sie wachsende Motorisierung der Umwelt schadet, stellt eine weitere Herausforderung für die Autobauer, Flugzeughersteller und Werften dar.

Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Mineralölkonzerne bewirken mit ihrer Preispolitik das, was Umweltschützer seit Jahren fordern: weniger Auto zu fahren, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, sich auch mal aufs Fahrrad zu schwingen. Noch vor zehn Jahren, als die Grünen im März 1998 einen Benzinpreis von fünf Mark pro Liter forderten, schlug ihnen die Wut der Bevölkerung entgegen. Eine elitäre Forderung von reichen Politikern sei das, unverschämt und unsozial. Ein Jahr später, im April 1999, kam die Ökosteuer.

Alternative Kraftstoffe, neue Materialien

Von fünf Mark pro Liter sind die Benzinpreise zwar noch weit entfernt - nach Ansicht von Experten scheint diese Grenze aber nicht mehr unrealistisch, zumal die Menschen in Schwellenländern wie Indien und China die Mobilität erst entdecken - die ohnehin knappe Ressource Öl wird auch noch immer stärker nachgefragt.

Auto-, Flugzeug- und Schiffsbauer experimentieren seit Jahren mit alternativen Kraftstoffen und Motoren, arbeiten an leichteren Materialien und an ergonomischeren Formen. Doch das physikalische Gesetz, dass Bewegung immer eine Form von Energie ist, werden sie nicht außer Kraft setzen können. Wirklich Energie sparen bedeutet also: die Langsamkeit entdecken, weniger mobil sein.

Der französische Philosoph Blaise Pascal hat schon im 17. Jahrhundert den menschlichen Bewegungsdrang untersucht und festgestellt, dass alles Übel daher komme, dass der Mensch nicht ruhig zu Hause bleiben könne. Der Zukunftsforscher Matthias Horx fasst die Lösung des Problems zusammen: "Wir müssen lernen, Mobilität nicht nur als körperliche Bewegung von A nach B zu begreifen. Mobilität in Zukunft ist Meta-Mobilität - es geht um geistige, emotionale, mentale, kommunikative und soziale Mobilität. Die Vehikel, die man dazu braucht, sind nur teilweise Autos, Flugzeuge und Eisenbahnen."

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.