Neue Münzen in Großbritannien: Der Anti-Euro von der Insel

Von Stefan Marx, London

Die Briten bekommen neue Münzen: Nach einem halben Jahrhundert wird das Geld modernisiert – im exzentrischen Puzzle-Design. Die eigentliche Botschaft aber geht an die EU-Nachbarn, denn milliardenfach wird in Metall geschlagen: Der Euro kommt nicht auf die Insel.

London - Seit mehr als 300 Jahren ziert sie das englische Pfund: Mit stoischem Blick, majestätischer Pose und Union Jack ist sie die weibliche Galionsfigur alles Britischen. Jetzt geht sie in Rente. Nein, die Rede ist nicht von der Queen, obwohl die auch schon 56 Amts- und Münzjahre auf dem Buckel hat. Verschwinden wird Britannia, die Schutzgöttin der Insel, die bisher das 50-Pence-Stück zierte. Denn die britischen Münzen werden ab dem Sommer umgetauscht. Die Traditionalisten sind darüber gar nicht so unglücklich, wie es zunächst scheint: Das neue Geld ist die beste Lebensversicherung für das Pfund - gegen den Euro.

Normalerweise wird das Geld immer dann neu designt, wenn ein neuer Monarch sein Amt antritt. 1971 hatten die Briten zwar das Dezimalsystem eingeführt - bis dahin gab es ein halbes Dutzend Münzarten - aber die traditionellen Motive beibehalten. Doch nach 56 Jahren weigert sich die Queen immer noch beharrlich abzutreten. Den Platz auf jedem britischen Geldstück kann ihr niemand streitig machen. Also beschloss vor drei Jahren der heutige Premierminister Gordon Brown, damals noch Schatzkanzler, es sei an der Zeit, wenigstens die Vorderseite der Geldstücke aufzupeppen. Das multikulturelle, fortschrittliche Großbritannien sollte sich endlich auch in Kupfer und Nickel widerspiegeln. 4000 Vorschläge gingen an die königliche Münzanstalt. Zur Wahl standen DNA-Helix, moderne Bauwerke, Vögel und die unvermeidlichen Fish and Chips.

Der Gewinner des Wettlaufs um das Zeichen für Cool Britannia überraschte: Ab dem Sommer wird das königliche Wappenschild zu sehen sein. So weit, so langweilig. Auch bisher hatten auf den Münzen überall Kronen, Löwen und Rosen geprangt. Doch das Wappen wird auseinandergebrochen. Wie in einem Puzzle wird jede Penny-Münze einen anderen Teil des Schilds zeigen. Erst wer alle Geldstücke zusammenschiebt, sieht das ganze Bild. Die neue Ein-Pfund-Münze zeigt des Rätsels Lösung: das komplette Wappen. Der siegreiche Designer, der Waliser Matthew Dent, ist gerade mal 26 Jahre jung. "Ich möchte, dass mein Design die Menschen erstaunt, unterhält und zum Lachen bringt", so begründete er sein Puzzle-Design.

Entrüstung über Witzbold vom Münzamt

Die Entrüstung über den Witzbold vom Münzamt ließ nicht lange auf sich warten: Trotz des denkbar konventionellen Hauptmotivs hat er gleich mehrere ungeschriebene Regeln gebrochen. So verbannte ausgerechnet der Waliser Dent den Drachen, das Wappentier seines eigenen Landes. Vor allem aber der Exitus der Britannia machte Schlagzeilen: Hoheitsvoll saß sie bisher mit Schlachthelm, Löwe und Dreizack auf der 50-Pence-Münze. Schon im zweiten Jahrhundert nach Christus hatten die römischen Besatzer die Schutzgöttin der Insel auf ihre Münzen gehauen. König Charles II. holte sie im 17. Jahrhundert zurück. Sie ist die perfekte Personifizierung der Briten: stolz, steif, ohne Tadel - aber wehe, man schaut hinter die Gardine. Modell für die Britannia saß damals nämlich Frances Teresa Stuart, die Mätresse des Königs. Ihre Liebesdienste zahlten sich in klingender Münze aus - bis 2008.

Vielleicht ist die Verbannung der 50-Pence-Konkubine aber nur vorläufig: Die Boulevardzeitung "Mail on Sunday", Lautsprecher des britischen Nationalstolzes, gab sich empört. Die Redaktion schickte John Porteous, Leiter der Münzdesign-Kommission, eine lebende Britannia in voller Schlachtmontur ins Haus. Der bat den ungebetenen Besuch zum Tee und musste den "Mail"-Lesern versprechen, die Britannia bald auf eine Zweipfund-Sondermünze zu prägen. Und im "Independent" wütete Virginia Ironside, Tochter des alten Designers Christopher Ironside: "Wenn ich mir das neue Design anschaue, höre ich nur lautes Quietschen, wie mein Vater im Grab rotiert." Der neue Look würde vielleicht in jeder Malschule durchgehen, aber "er ist für Münzen völlig ungeeignet".

Verspieltes Design statt Nutzwert

Ganz unrecht hat Virginia Ironside da nicht: Während es der Euro mit seinen großen Zahlen auf jedem Geldstück den Benutzern einfach macht, hat Dent auf Nummern ganz verzichtet. Nur in kleinen Buchstaben ist der Wert der jeweiligen Münze aufgeprägt. Statt klarem Nutzwert herrscht hier verspieltes Design - das neue Pfund gibt sich quasi als Anti-Euro. Die Touristen, die ab dem Sommer mit ungewohntem Geld umgehen müssen, werden den Designer noch verfluchen - denn ohne Lesebrille ist der Münzwert kaum zu erraten. Aber vielleicht ist das genau der Grund, warum sich die Aufregung schon nach einer Woche wieder gelegt hat. Während europäische Touristen irritiert im Portemonnaie kramen werden, können sich die Briten ihrer Sache sicher sein: Der Euro ist erst einmal gebannt. Das königliche Münzamt teilte mit, das neue Design gelte "für eine lange Zeit in der absehbaren Zukunft".

Dabei war die Einführung des Euro in Großbritannien nie so unwahrscheinlich wie derzeit: Brown wird zwar den EU-Reformvertrag durchs Parlament peitschen, allen Rufen nach einer Volksabstimmung zum Trotz. Ist der unpopuläre Reformvertrag verabschiedet, ist das Thema Europa für die Brown-Regierung jedoch erledigt - es werden keine weiteren großen EU-Projekte folgen, verspricht sie den Vertragsgegnern. Der Euro müsste ohnehin eine Volksabstimmung überstehen - aber selbst in den besten Zeiten des europafreundlichen Premiers Tony Blair kletterten die Umfragewerte nie nennenswert über 30 Prozent. Die konservative Opposition ist ohnehin stramm gegen die EU. selbst der konservative Ex-Finanzminister Ken Clark, einer der letzten noch aktiven Euro-Enthusiasten in der Fraktion, ließ die BBC wissen, er werde sich nicht mehr zum Thema äußern - in den nächsten 20 Jahren sei da nichts zu holen.

Die Queen hat übrigens ihren Segen zum neuen Geld gegeben. Ihr Porträt ist auch auf den neuen Münzen. Die alten Geldstücke bleiben weiterhin gültig und werden noch so lange herumgehen, bis die Briten eines Tages endlich den Euro annehmen. Aber vorher kommt wohl doch die alte Britannia wieder.

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