Neue ProSiebenSat.1-Besitzer Das große Geld übernimmt die Regie

Die Bieterschlacht für ProSiebenSat.1 ist beendet - doch für die Mitarbeiter der Senderkette fängt das Zittern erst an: Mit Permira und KKR kommen jetzt Finanzinvestoren ins Haus, die Rekordrenditen gewohnt sind. Sie wollen aus dem Münchner Sender einen europäischen Champion machen.


München - Über den Kaufpreis wurde noch nichts Genaues bekannt, aber die Investorengruppe um den US-Milliardär Haim Saban dürfte auf jeden Fall in gutes Geschäft gemacht haben. Über drei Milliarden Dollar haben die Besitzer von ProSiebenSat.1 Chart zeigen für die Senderkette Berichten zufolge bekommen. Gezahlt hatte Saban für die Senderkette aus der Kirch-Insolvenzmasse im August 2003 gerade einmal 525 Millionen Euro.

Doch auch bei ProSiebenSat.1 und bei deutschen Medienpolitikern dürfte man mit den Käufern - den Finanzinvestoren KKR Chart zeigenund Permira - ziemlich zufrieden sein, obwohl den Unternehmen seit der von Franz Müntefering (SPD) angestoßenen "Heuschrecken"-Debatte in Deutschland ein furchterregender Ruf vorauseilt.

ProSiebenSat.1-Hauptversammlung in München (August): Die Pläne für den Sender sind langfristiger Natur - die Mitarbeiter sorgen sich trotzdem
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ProSiebenSat.1-Hauptversammlung in München (August): Die Pläne für den Sender sind langfristiger Natur - die Mitarbeiter sorgen sich trotzdem

Doch die britischen Permira und die US-Gesellschaft KKR , die zu den mächtigsten Vertretern ihrer Branche gehören, wollen die Senderkette offenbar keineswegs filetieren und ausbluten lassen. Stattdessen haben Permira-Deutschland-Chef Thomas Krenz und das deutsche KKR-Oberhaupt Thomas Huth bei dem Bieterwettstreit offenbar versprochen, aus ProSiebenSat.1 einen europäischen Champion zu machen - mit Hauptsitz im bayerischen Unterföhring. Zu diesem Zweck soll das Unternehmen offenbar mit dem europäischen Medienkonzern SBS zusammengehen, der seit vergangenem Jahr ebenfalls Permira und KKR gehört.

Die beiden Unternehmen würden sich gut ergänzen: SBS gehören zwar schon 19 private Fernsehsender, 20 Pay-TV-Programme und zahlreiche Radioprogramme in Europa an - auf den wichtigsten Markt Deutschland ist die von Amsterdam aus geführte Sendergruppe aber bisher noch nicht vorgestoßen.

Permira - erst Käptn Iglo, jetzt ProSiebenSat.1

Permira hat in der deutschen Medienbranche außerdem durchaus gute Erfahrungen gemacht. 2003 übernahmen die Briten 65 Prozent am Bezahlfernsehsender Premiere Chart zeigen aus der Insolvenzmasse des Pleite gegangenen Medienmoguls Kirch für 143 Millionen Euro. Der Bezahlsender wurde an die Börse gebracht, und Permira machte trotz der aktuellen Krise von Premiere ordentliche Gewinne. Im November verkaufte das Unternehmen die letzten acht Prozent - auch um kartellrechtliche Probleme beim ProSiebenSat.1-Deal auszuschließen - und strich noch für diesen Minianteil Experten zufolge rund 88 Millionen Euro ein.

Für Permira-Manager Krenz ist der Kauf aber auch aus anderem Grund ein Erfolg, der dringend notwendig war. Denn in Deutschland liegt der letzte Großkauf des Finanzinvestors mit dem Erwerb von Debitel 2004 schon geraume Zeit zurück. Der einzig nennenswerte Deal danach war der Erwerb von Iglo: Für das Tiefkühlgeschäft von Unilever Chart zeigen legten die Briten 1,73 Milliarden Dollar hin - Experten zufolge ein ziemlich stolzer Preis. Erst vor wenigen Wochen scheiterte der Versuch kläglich, die Gabelstaplersparte von Linde Chart zeigen zu kaufen.

Dabei gilt Permira als Vorreiter der Branche. Schon Mitte der achtziger Jahre wurde das Unternehmen in London unter dem Namen Schroder Ventures gegründet, wenige Jahre später machte sich die Gesellschaft in den deutschen Markt auf. Zu den wichtigsten Eroberungen in der Bundesrepublik zählen neben Premiere auch das Halbleiterunternehmen Veba Electronic. Abgesehen vom deutschen Markt sorgt Permira weltweit auch nach wie vor regelmäßig für neue Überraschungen im boomenden Private-Equity-Geschäft - zuletzt durch die Auflage eines Fonds mit dem Rekord-Volumen von elf Milliarden Dollar.

KKR - Finanzinvestor im Kaufrausch

Für KKR dürfte der ProSiebenSat.1-Kauf trotz der Bedeutung des Unternehmens derzeit dagegen eher ein Deal unter vielen sein. Die Gesellschaft ist weltweit auf Einkaufstour wie wohl kaum einer ihrer Konkurrenten, der Einkaufszettel ist dabei bunt bis hin zur Wahllosigkeit. Im Juli verkündete das US-Unternehmen gemeinsam mit Bain Capital und Merrill Lynch den Kauf der US-Klinikkette HCA. Kaufpreis: 33 Milliarden Dollar - es war der größte Unternehmenskauf aller Zeiten in der Beteiligungsbranche. In Frankreich haben die Amerikaner gerade die Gelbe-Seiten-Firma Pages Jaunes für 3,3 Milliarden Dollar erworben, in den Niederlanden bekamen sie gemeinsam mit Silver Lake Partners den Zuschlag für die Halbleitersparte von Philips, für angeblich acht Milliarden Dollar. Nicht zuletzt schnappte KKR gemeinsam mit Goldman Sachs Permira die Gabelstaplersparte von Linde weg.

Zwar ist KKR, das bereits 1976 gegründet wurde, auch einer der Anleger, die die Branche einst in Verruf brachten: Den US-Nahrungsmittelriesen Nabisco zerschlug der Finanzinvestor nach dem Kauf recht hemmungslos. Doch inzwischen hält das Unternehmen seine Beteiligungen normalerweise länger.

Ziemlich verhalten dürfte allerdings die Freude der ProSiebenSat.1-Mitarbeiter über die neuen Hausherren ausfallen: KKR-Deutschland-Chef Huth ist Rekordrenditen gewohnt. Immerhin brachte er in Deutschland schon den Kassenautomathersteller Wincor Nixdorf und den Turbinenhersteller MTU Aero Engines Chart zeigen mit Riesengewinnen an die Börse, auch die Auto-Werkstattkette ATU sackte Huth ein, und den Lizenzgeber für den Grünen Punkt, das Duale System Deutschland. Das Schicksal der Mitarbeiter verband er dabei immer ziemlich kühl mit dem Unternehmenserfolg.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat auf jeden Fall die künftigen Eigentümer aufgefordert, alle Jobs zu erhalten. KKR und Permira dürften keinen Personalabbau betreiben, indem sie Synergien mit SBS nutzen, mahnte die Gewerkschaft. Wichtig sei, dass sie "die Bedeutung des Rundfunks als Kulturgut achten".



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