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28. Juli 2006, 17:12 Uhr

Neue Reformdebatte

Arbeitslose zu Altenhelfern

Die Bundesagentur ist dafür, selbst in der Union findet die Idee immer mehr Anhänger: Weil viele Langzeitarbeitslose sich kaum noch in reguläre, bezahlte Jobs vermitteln lassen, sollen sie künftig ehrenamtlich arbeiten: als Hilfen in der Altenpflege, in Schulen, oder in Parks.

Berlin - Das neue Schlagwort in der Reformdiskussion über die Massenarbeitslosigkeit heißt "Dritter Arbeitsmarkt". In der SPD hat die Idee schon viele Befürworter, inzwischen sprechen sich auch Unionspolitiker dafür aus. Heute hat sich mit Heinrich Alt erstmals ein Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA) positiv über die Chancen des Konzeptes geäußert. Ein "Dritter Arbeitsmarkt" könnte 400.000 nicht vermittelbaren Arbeitslosen zugute kommen, sagte Alt.

BA-Vorstand: Angebote für "nicht marktfähige" Menschen
MARCO-URBAN.DE

BA-Vorstand: Angebote für "nicht marktfähige" Menschen

Was steckt hinter dem Stichwort? Der Arbeitsmarkt dritter Ordnung soll denjenigen Langzeitarbeitslosen eine Beschäftigung bieten, die selbst für eine bezuschusste Stelle auf dem "Zweiten Arbeitsmarkt" mit seinen Ein-Euro-Jobs und AB-Maßnahmen nicht mehr in Frage kommen.

Alt begründete seinen Vorschlag damit, dass durch die Hartz-Reformen viele Menschen ins System der Arbeitsagenturen geraten seinen, "die früher nicht einmal arbeitslos gemeldet wurden, weil man ihnen keine Chance eingeräumt hatte". Auch für diese "nicht marktfähigen" Menschen müssten Angebote geschaffen werden.

Vermittlung nicht mehr das Hauptziel

Eine Vermittlung in den "Ersten Arbeitsmarkt" ist bei den aktuellen Überlegungen gar nicht mehr das vorrangige Ziel - es geht vor allem darum, die Langzeitarbeitslosen überhaupt zu Aktivität und sinnvoller, regelmäßiger Arbeit zu bringen. Sie sollten aus ihrem "Getto" befreit werden, sagte der Sprecher des CSU-Politikers Stefan Müller heute dazu, de sich als eines der ersten Unionsmitglieder zu den Ideen bekannt. Lohn würden die Langzeitarbeitslosen für ihre Tätigkeit auf dem "Dritten Arbeitsmarkt" denn auch nicht bekommen – die Arbeit wäre ehrenamtlich.

Eine der offenen Fragen, die sich mit dem Konzept verbinden, heißt: Sind die Langzeitarbeitslosen überhaupt für die gedachten Arbeiten geeignet? Alt wies zum Beispiel darauf hin, dass viele der nicht Vermittelbaren deswegen keine Chance auf Beschäftigung haben, weil sie Alkoholprobleme haben.

Er schlug daher vor, die nicht Vermittelbaren sollten sehr einfache Arbeiten leisten. Sie könnten zum Beispiel Menschen unterstützen, die privat Angehörige pflegten. Die Arbeitslosen könnten beispielsweise im Haus präsent sein, während die eigentlichen Pfleger einkaufen gingen. Der Staat würde dann für die Hilfsstellen bezahlen. Die Gemeinschaftsdienste würden eine Art "Gegenleistung für den Bezug von Arbeitslosengeld II" sein, erklärte der Sprecher des CSU-Arbeitsmarktexperten Müller.

Testlauf in Sachsen-Anhalt

Auch die Grünen sind von der Idee angetan: Die arbeitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Brigitte Pothmer, erklärte, sie könne sich auch einen Einsatz der Arbeitslosen in Schulen vorstellen. Dort habe man bereits gute Erfahrungen mit Ein-Euro-Jobbern gemacht, die das Schulpersonal unterstützen. "Sie sollen aber keine Lehrer ersetzen", so Pothmer. Solche Jobs sollten nicht auf ein Jahr befristet sein, sondern den Arbeitslosen eine langfristige Perspektive geben.

Die Pläne zur Einrichtung des "Dritten Arbeitsmarktes" gehen zwar ursprünglich auf Überlegungen der SPD zurück - auch unter den Sozialdemokraten sind die Ideen aber umstritten. Die rheinland-pfälzische Arbeitsministerin Malu Dreyer etwa sagte, es sei "abwegig", besonders schwer vermittelbare Arbeitslose bei der Pflege oder Hauswirtschaft einzusetzen. Gerade in diesem Bereich gehöre neben absoluter Zuverlässigkeit eine hohe psychische und physische Belastbarkeit.

Sicherlich gebe es unter den Langzeitarbeitslosen auch Menschen, die diese Kriterien erfüllten - dies müsse jedoch sehr genau geprüft werden, sagte Dreyer. Dass überhaupt über den "Dritten Arbeitsmarkt" diskutiert werde, sei eine Kapitulationserklärung: "Damit gibt man eine bestimmte Gruppe von Menschen für den regulären Arbeitsprozess faktisch auf." Auch der Gewerkschaftsbund DGB forderte, die Politik solle lieber dafür sorgen, dass der "Zweite Arbeitsmarkt" funktioniert.

Ob die Idee des "Dritten Arbeitsmarktes" überhaupt praxistauglich wäre, ist bisher schwer abzuschätzen. Gerade erst ist ein erstes Pilotprojekt gerade mit dem Namen "Bürgerarbeit" in Sachsen-Anhalt angelaufen. Dabei sollten 20 Langzeitarbeitslose ab Mitte Juli bei einem karitativen Verein in Magdeburg eine unbefristete Stelle erhalten. Erste Ergebnisse dazu will die Landesregierung am kommenden Mittwoch vorstellen.

itz/AP/AFP/ddp

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