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Neuer BDI-Chef: Schäubles Chefvolkswirt wird Industrielobbyist

Der Industrieverband BDI bekommt einen neuen Chef: Markus Kerber soll im Juli Hauptgeschäftsführer der Lobbyvereinigung werden. Wie sein Vorgänger hat er einen engen Draht zur Politik.

Berlin - Der Chefvolkswirt des Bundesfinanzministeriums wechselt an die Spitze einer der mächtigsten Lobbyvereinigungen Deutschlands: Markus Kerber soll künftig die Geschäfte des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) führen. Der Verband habe dem Vorschlag von Präsident Hans-Peter Keitel am Montag zugestimmt, teilte der BDI mit.

Kerber folgt auf Werner Schnappauf, der sein Amt bereits Ende März aufgegeben hatte. Der Minister a.D. war über eine peinliche Panne gestürzt: So war Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) unmittelbar vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz durch ein BDI-Sitzungsprotokoll in Bedrängnis geraten. Danach soll Brüderle deutlich gemacht haben, das Atom-Moratorium sei vor allem dem Wahlkampf geschuldet. Schnappauf übernahm damals die politische Verantwortung für den Skandal. Er wolle "einen Beitrag leisten, um möglichen Schaden für das Verhältnis von Wirtschaft und Politik abzuwenden", teilte er damals mit.

Kerber ist derzeit Leiter der Abteilung finanzpolitische und volkswirtschaftliche Grundsatzfragen im Finanzministerium. Als solcher war er zuletzt auch maßgeblich an den Arbeiten zu den G-20-Finanzministertreffen beteiligt. Kerber galt als enger Vertrauensmann von Finanzminister Wolfgang Schäuble, für den er schon zuvor im Innenministerium tätig war. In seinem beruflichen Leben findet man unter anderem Stationen bei der Deutschen Bank sowie in der IT-Industrie.

"Mit Dr. Markus Kerber haben wir eine Persönlichkeit gefunden, die sowohl wirtschaftliche als auch politische Erfahrung mitbringt und teamorientiert führt", begründete Keitel seinen Vorschlag. Der Spitzenbeamte bringe somit alles mit, um die deutsche Industrie offensiv zu vertreten.

Die BDI-Vizepräsidenten stimmten darüber hinaus der Nominierung des derzeitigen Geschäftsleitungsmitglieds Holger Lösch als neues Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung zu.

yes/Reuters

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insgesamt 8 Beiträge
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1. mal wieder ein anschaulicher (und abstoßender) Beleg ...
angela_merkel 09.05.2011
für die enge Verquickung von Bundesregierung und Großindustrie.
2. Neuer BDI-Chef: Schäubles Chefvolkswirt wird oberster Industrielobbyist
angela_merkel 09.05.2011
Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.
3. aber bitte ...
angela_merkel 09.05.2011
... absofort keine kritischen Anmerkungen über Korruption in Nigeria und bei den Vereinten Nationen in diesem Forum mehr. Offenbar hat der Baron von Guttenberg die letzten Schamschwellen in Deutschland gerissen und weggeschleift.
4. Mit Dr. Markus Kerber haben wir eine Persönlichkeit gefunden ...
angela_merkel 09.05.2011
Hat der BDI den erwähnten Doktortitel mal überprüfen lassen ? Ich hätte das an deren Stelle getan.
5. Hat man anderes erwartet?
UHamm 09.05.2011
Es ist doch üblich, daß verdiente Leute nach ihrer Politikerkarriere in die Wirtschaft gehen, um die Ernte ihrer Zuarbeit zu bekommen. Man kann etliche Größen aufzählen, sie alle nehmen nun, was sie in ihrer Zeit in Berlin zugearbeitet haben.
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Protokoll der BDI-Sitzung vom 14.3.2011
Hier die umstrittenen Passagen zum Auftritt von Wirtschaftsminister Brüderle laut Protokoll:
Protokoll der BDI-Sitzung vom 14.3.2011

Hier die umstrittenen Passagen zum Auftritt von Wirtschaftsminister Brüderle laut Protokoll:

"TOP 4 Umsetzung des industriepolitischen Gesamtkonzepts Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle

Herr Dr. Keitel begrüßte den Minister und wies zugleich darauf hin, dass es in der Bundesregierung einige industriekritische Vorhaben gebe, die die Wirtschaft in ihrer Entwicklung behinderten und die man mit Sorge beobachte.

Der Minister ging zunächst auf die Ereignisse in Japan ein. Man müsse sich darauf einstellen, dass die Energiediskussion mit gesteigerten Emotionen zurückkommen werde. Eine redliche Aussprache über Alternativen müsse aber auch die Themen CCS und Leitungsbau mit in den Blick nehmen.

Einer Rohstoffsteuer erteilte BM Brüderle klar eine Absage. Um mit der Rohstoffknappheit umzugehen, müssten andere Instrumente her, wie eine Verbesserung des Marktzugangs und eine Stärkung der Suche nach Alternativen.

Schließlich ging er auf die Euro-Stabilität ein. Zwar sei die Stabilitätskultur in Europa schon immer unterschiedlich gewesen. Die Südländer hätten von der harten Währung aber massiv profitiert. Beantwortet werden müsse nun die Frage, wie die Aufstockung des europäischen Stabilisierungsmechanismus genau zu vollziehen sei. Sehr zu begrüßen sei in diesem Zusammenhang das Einstimmigkeitsprinzip. Ohne eine deutsche Zustimmung könne der Fonds nicht auszahlen, wie auch immer dies dann in der späteren Praxis gelebt werde.

Herr Dr. Keitel machte darauf aufmerksam, dass derzeit eine Meldung über die Ticker laufe, wonach die Bundesregierung am Nachmittag ein Moratorium der Laufzeitverlängerung für Kernkraftwerke bekannt geben wolle. Der Minister bestätigte dies und wies erläuternd darauf hin, dass angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen Druck auf der Politik laste und die Entscheidungen daher nicht immer rational seien. Er sei ein Befürworter der Kernenergie in Deutschland und für ihn sei klar, dass die energieintensive Industrie in der Wertschöpfungskette gebraucht werde. Es könne daher keinen Weg geben, der sie in ihrer Existenz gefährde.

In der weiteren Aussprache, an der sich die Herren Dr. Enders und Dr. Keitel beteiligten, bezweifelte der Minister, ob das Bekenntnis der Politik zur Kernenergie flächendeckend sei."


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Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ist das Sprachrohr für 37 Branchenverbände der deutschen Industrie und industrienaher Dienstleister. Der Verband vertritt über 100.000 Unternehmen mit gut acht Millionen Beschäftigten.


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