US-Notenbank: Die Expertin und das Biest

Von , New York

US-Notenbankchef Bernankes Amtszeit endet zwar erst im Januar, doch schon jetzt beginnt der Kampf um seine Nachfolge. Beste Chancen hat Bernankes Vize Janet Yellen. Sie wäre die erste Frau an der Spitze der Fed - doch Präsident Obama hat einen anderen Favoriten.

US-Notenbank: Rennen um Bernankes Nachfolger Fotos
DPA

Janet Yellen hatte eine Vorahnung. "Ich nehme unserem Wirtschaftswachstum nur ungern den Wind aus den Segeln", sagte sie. Dennoch war für Yellen klar: "Ich erwarte, dass das Tempo des Aufschwungs frustrierend langsam sein wird."

Das war im Juni 2009. Die US-Rezession ging zu Ende. Trotzdem übernahm Yellen, damals Regionalchefin der Federal Reserve Bank in San Francisco, in einer Rede die Rolle der Warnerin - und wich so von der offiziellen Linie des Weißen Hauses ab. Dessen oberster Wirtschaftsberater Larry Summers prahlte in jenen Tagen, viele Indikatoren überträfen die Erwartungen: "Das Land ist auf dem richtigen Weg."

Yellen sollte Recht behalten. Und Janet Yellen hat fast immer Recht. Ob Wachstum, Arbeitsmarkt oder Inflation: Meist punktet die Ökonomin mit ihren Vorhersagen - und meist besser als die Kollegen. In einer Treffsicherheitsanalyse des "Wall Street Journals" von mehr als 700 Prognosen seit 2009 lag Yellen jüngst auf Platz eins aller 14 Notenbanker. Fed-Chef Ben Bernanke landete auf Platz fünf.

Kein Wunder, dass die 66-Jährige inzwischen nicht nur Bernankes Stellvertreterin geworden ist, sondern nun auch als Kandidatin für dessen Nachfolge gilt. Wenn es da nicht ein kleines Problem gäbe: US-Präsident Barack Obama hat noch einen anderen Favoriten: Lawrence Summers.

Das Rennen um die Nachfolge ist eröffnet

Bernankes Amtszeit endet zwar erst im Januar, und Obama will die Nachfolgeentscheidung nicht vor dem Herbst verkünden. Doch schon jetzt liefern sich hinter den Kulissen zwei Rivalen ein Rennen: Yellen und Summers, der das Weiße Haus Ende 2010 verließ und jetzt als Harvard-Professor doziert.

Die neue Fed-Führung ist der wichtigste wirtschaftspolitische Hebel, den Obama vor Ende seiner zweiten Amtszeit noch umlegen kann. Der Notenbankchef - oder die -chefin - bestimmt, wie lange der Staat noch eingreift, bevor er die Konjunktur wieder sich selbst überlässt. Wenn er oder sie spricht, hört nicht nur die Wall Street ganz genau zu.

Deshalb wird der Kampf um Bernankes Erbe schon jetzt mit Leitartikeln, Interviews, durchgestochenen Infos und versteckten Anspielungen ausgetragen. Es ist ein Kampf der Geschlechter und Temperamente - Frau gegen Fiesling, Vorsicht gegen Risiko, Kontinuität gegen Neuordnung. Während Yellen wohl Bernankes vorsichtige Geldpolitik fortführen würde, gilt Summers als unberechenbarer.

Yellen wäre die erste Frau an der Spitze der US-Zentralbank. Bisher verlief ihre Karriere eher im Hintergrund - von Harvard über Bill Clintons Wirtschaftsteam bis hin zur Fed, wo sie lange für Niedrigzinsen argumentierte.

Nancy Pelosi, die Top-Demokratin im US-Repräsentantenhaus, fände ihre Benennung "großartig". Auch viele Senats-Demokraten mögen Yellen. Unter den weiteren Cheerleadern: Nobelpreisträger und Kolumnist Paul Krugman ("Sie ist die höchstqualifizierte Person in Amerika") und die "New York Times". In Umfragen liegt sie ebenfalls weit vorne. Als sich "USA Today" bei 36 Ökonomen nach ihr erkundigte, sprachen sich 32 für Yellen aus.

Debatte droht in unterschwelligen Sexismus abzugleiten

Aber Summers - der unter Bill Clinton 18 Monate lang Finanzminister war - hat starke Fürsprecher. Darunter Minister-Vorgänger Robert Rubin, Nachfolger Timothy Geithner sowie Ex-Investmentbanker Steven Rattner, der die Sanierung der US-Autoindustrie managte.

Was Summers, 58, zum Verhängnis werden könnte: Er zieht Kontroversen an. Ob mit seiner Deregulierungspolitik, seiner im Streit geendeten Amtszeit als Harvard-Präsident oder seinen despektierlichen Auslassungen über Frauen: Stets provoziert er Kritik - und scheint seinen Ruf als Rüpel dabei zu genießen.

Auch jetzt droht die Debatte in unterschwelligen Sexismus abzugleiten. So lancierten Summers Seilschaften, dass der Job des Fed-Chefs eine bestimmte "Gravitas" benötige - die Frauen von Natur aus abgehe.

Obama steht unter Druck: Der Vorwurf, sein Regierungsteam sei ein Männerclub, hängt ihm seit langem nach. Frauen kämen überall voran, sagte Ex-Präsidentenberaterin Christina Romer der "New York Times". "Die Wirtschaftspolitik gehört nicht dazu."

Als sich Obama jetzt hinter verschlossenen Türen mit Kongress-Demokraten traf, wurde seine Vorliebe für Summers scharf kritisiert. Obama verteidigte seinen alten Vasallen - was sofort wieder wilde Spekulationen auslöste.

"Der Präsident hat noch keine Entscheidung getroffen", teilte Obamas Berater Dan Pfeiffer vor Reportern sofort mit. "Sie haben Wochen, bevor sie sich darum sorgen müssen."

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insgesamt 15 Beiträge
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1.
cerberus2011 07.08.2013
"Während Yellen wohl Bernankes vorsichtige Geldpolitik fortführen würde [...]". Seit wann ist Bernanke denn für eine vorsichtige Geldpolitik bekannt? Genau das Gegenteil ist der Fall. Weiter als die Fed es unter Bernanke praktiziert, können die Geldschleusen doch nicht geöffnet werden.
2. Guter Witz!
spon-facebook-10000037219 07.08.2013
..."Bernankes vorsichtige Geldpolitik". Das kann nicht Ihr Ernst sein. Der Mann hat die unverantwortliche ultraexpansive Geldpolitik seines Vorgängers Greenspann noch weiter auf die Spitze getrieben. Als alle konventionellen Instrumente bis zur Wirkungslosigkeit ausgereizt waren wurden neue erfunden. Mit dem Ergebnis, das die Weltwirtschaft immer mehr wie ein Junkie am Tropf der billigen Liquidität hängt, was früher oder später ein ganz übles Ende nehmen muss.
3.
muellerthomas 07.08.2013
Zitat von spon-facebook-10000037219., was früher oder später ein ganz übles Ende nehmen muss.
Was für ein übles Ende erwarten Sie denn? Und wann? Der kümmerliche Aufschwung in den USA wird sich zunächst noch fortsetzen, bis der Privatsektor auf ein gesundes Maß entschuldet ist, also noch 2-3 Jahre. Danach wird das Wachstum wieder stärker sein. Gleichzeitig wird ab diesem Jahr die Staatsschuldenquote sinken und die Arbeitsenquote sinkt ohnehin in den USA wenn auch zaghaft schon seit längerem. Allles in allem könnte die Lage also sicherlich besser sein, aber nach Katastrophe sieht es in den USA auch nicht mehr aus.
4.
totalmayhem 07.08.2013
Das ist in etwa so, als wuerde man den Fuchs mit der Bewachung des Huehnerstalls betrauen. Larry Summers hat diesen Wahnwitz doch erst ermoeglicht, indem er den Glass-Steagall Act aus dem Fenster warf und somit dem unregulierten Treiben an der Wall Street Tuer und Tor oeffnete (nachdem er zuvor beinahe die Harvard Universitaet mit wilden Spekulationen in den finanziellen Abgrund gerissen hatte). Aber mit Rubin und Geithner als Fuersprecher sollte eigentlich nichts schiefgehen...
5.
pepe_sargnagel 07.08.2013
Es würde mich wirklich freuen. Ich habe ihre Studien in meinem Themenfeld immer gerne gelesen. Auch weil sie sehr substanzhaltig sind und stets bemüht Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Auch ordnet sie Ihre Analysen und die Ergebnisse recht gut ein. Mich würde es freuen. Dabei ist sowas von egal, welches Geschlecht sie hat. Hier gehts um Kompetenz, die sie -meines Erachtens- ausreichend aufweist. In Deutschland und Europa geht bei solchen Posten gerne ums Geschlecht, Parteibuch oder ums Alter - aber weniger um Kompetenz. Da finde ich den amerikanischen Weg eleganter - auch wenn das mal zu politischen Spannungen führen kann. Auch wenn mal ein pragmatischer Weg gegangen werden muss, den Politiker nicht so toll finden. (Ich nehme hier nicht unbedingt Bezug auf die Institution der EZB, die eigentlich politisch unabhängig sein sollte, aber auf eine Vielzahl anderer Einrichtungen. Leider auch das Bundesverfassungsgericht (Achtung vor dem politischen Einfluss durch Ernennungen)
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