Neuer Goldman-Sachs-Chef Der perfekt vernetzte Mr. Blankfein

Im Urlaub büffelt er Fachbücher, in der Nacht schickt er E-Mails per Blackberry: Lloyd Blankfein, als Sohn eines Postlers in Brooklyn geboren, hat sich mit manischem Fleiß nach oben gearbeitet. Künftig führt er den Wall-Street-Titanen Goldman Sachs - und steht vor mancher Herausforderung.

Von , New York


New York - Sie sagen ihm nach, geradezu süchtig zu sein nach seinem Blackberry. Tag und Nacht, heißt es, tippe Lloyd Blankfein auf seinem E-Mail-Organizer herum, um auf dem Laufenden zu bleiben.

"Einmal wachte ich um 4.30 Uhr auf und hatte 17 Nachrichten von ihm", berichtete sein Kollege Gary Cohn der "Business Week". Auch sei Blankfein einer der wenigen Top-Manager an der Wall Street, die sich in Realzeit über alle Währungs- und Rohstoffkurse informieren lassen - per Pager.

Goldman-Aufsteiger Blankfein: Alle Kurse per Pager
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Goldman-Aufsteiger Blankfein: Alle Kurse per Pager

Lloyd Blankfein, 51, der designierte, neue Vorstandschef des US-Investmenthauses Goldman Sachs Chart zeigen, ist das Idealbild (oder, wie man's nimmt, Zerrbild) des perfekt vernetzten Menschen, jenes Mutanten des Internet-Zeitalters. Und glaubt man denen, die ihn kennen, dann ist es auch genau dieser adrenalingespeiste Drang zum Sich-bloß-nichts-entgehen-lassen, mit dem er es, allen Widerständen zum Trotz, aus einfachsten Verhältnissen zielstrebig bis ganz nach oben gebracht hat - und jetzt eben an die Spitze der mächtigsten, mythischsten Wall-Street-Firma.

Schon länger hatten ihn Insider als Nachfolger des scheidenden Goldman-Chefs Hank Paulson, 60, gehandelt. Doch war diese Option eher mittelfristig für die Pensionierung Paulsons gedacht. Jetzt kam es schneller: US-Präsident George W. Bush nominierte Paulson als neuen Finanzminister, und Blankfein rückte auf.

Zum Finanzgiganten gewuchert

Nicht schlecht für einen, der als Sohn eines Postlers in Sozialwohnungen in Brooklyn aufwuchs und sich das Jurastudium an der Harvard University mit Stipendien und Krediten zusammenstottern musste. Sein erstes Bewerbungsgespräch bei Goldman Sachs in den achtziger Jahren ging prompt daneben, die Firma ließ ihn eiskalt abblitzen. Doch Blankfein gab nicht auf und schaffte es schließlich durchs Hintertürchen: Er bekam einen Job als Gold-Trader bei einem kleinen Rohstoffhändler, der von Goldman aufgekauft worden war.

Einmal im Unternehmen, ließ sich Blankfeins Aufstieg nicht aufhalten. Seine Kenntnis des Marktes, sein enzyklopädisches Wissen und sein Charisma katapultierten den Mann, der selbst im Urlaub noch Fachbücher büffelt, bis in die Chefetagen. Er leitete die enorm profitable Rohstoff- und Währungsabteilung und wurde schließlich Anfang 2004 zum President befördert, was ihm bereits die Verantwortung fürs ganze Tagesgeschäft übertrug. "Blankfein hat den Laden geschmissen", sagt Timothy Ghriskey von der Investmentfirma Solaris.

Dass Blankfein, anders als sein Vorgänger Paulson, nicht von der Aktien- und Banker-Seite stammt, sondern aus dem Fixed-Income-Bereich, ist ein Zeichen der Zeit. Es entspricht der Entwicklung des mittlerweile 137-jährigen Konzerns, der sich von einer traditionellen Investmentbank zu einem diversifizierten Finanzgiganten gewuchert ist und heute auch selbst munter in Währungen, Rohstoffe und Hedgefonds investiert - mit dem Resultat, dass die Goldman-Aktie seit 1999 von 53 Dollar auf zuletzt über 154 Dollar angestiegen ist.

Eine Frage des Stils

Kurz wurde debattiert, dem Rohstoffmann Blankfein doch noch einen klassischen Banker als Co-CEO zur Seite zu stellen, um einen internen "Krieg der Unternehmenskulturen" zu vermeiden - eine Option, die dann aber wieder verworfen wurde. "Das wäre kein volles Vertrauensvotum gewesen", sagte der Investmentberater Michael Holland dem Wirtschaftsdienst Bloomberg. "Wenn es in der Geschichte der Wall Street jemanden gibt, der seinen Titel verdient hat, dann ist es er."

Als erst zweiter CEO seit dem Börsengang Goldmans vor sieben Jahren erwarten Blankfein jetzt enorme Herausforderungen. In den letzten Quartalen hat der Konzern, wie die meisten Wall-Street-Firmen, Rekordumsätze eingefahren, besonders dank seiner führenden Rolle bei großen Fusionen. Die Frage ist nun, wie lange sich das noch durchhalten lässt.

Auch gilt es einiges an schlechter PR wettzumachen. Kritiker verübeln Goldman das Geschick, sich als bester Anwalt des Klienten darzustellen, doch dabei die eigene Bilanz nie aus den Augen zu lassen. Dies ist sicher immer eine Gratwanderung scharf am Rande des guten Stils.

"Brain drain" bei Goldman?

Auch leidet das Unternehmen seit einiger Zeit unter "brain drain" - der Abwanderung brillianter Führungskräfte. Vor Paulson verlor Goldman unter anderem bereits seine Co-Präsidenten John Thain, der Chef der NYSE wurde, und John Thornton, der an die Tsinghua University in Peking wechselte.

Insider haben jedoch keine Zweifel daran, dass Blankfein seiner Aufgabe gewachsen ist. "Es ist für mich keine Frage", sagt der frühere Goldman-Partner Lewis Eisenberg, "dass es der Firma weiterhin unglaublich gut gehen wird."



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