Neuer Markt auf Hanseatisch Die Geisterbörse

Nicht nur am Frankfurter Neuen Markt gab es während der Hausse unappetitliche Deals. Die Hamburger Wertpapierbörse ließ sich auf dem Höhepunkt des Booms von einer dubiosen Investor-Relations-Firma einspannen und bot Privatanlegern Papiere von höchst zweifelhafter Qualität an.


Webseite des High Risk Market: Dubiose Vermischung von Interessen

Webseite des High Risk Market: Dubiose Vermischung von Interessen

Hamburg - An einige seiner Aktienkäufe erinnert sich Frank Gagel nur ungern. Auf Chatboards im Internet hatte er vor gut zweieinhalb Jahren Aktienanalysen der Analysten von Stockreporter.de gelesen. Die priesen hochspekulative Werte als erstklassige Investments an. "Ich habe damals einen Haufen Geld in den Sand gesetzt", meint Gagel heute, "und viel Lehrgeld bezahlt."

Klingt wie ein typisches Neuer-Markt-Histörchen? Ist es aber nicht. Gagel und viele andere Anleger haben ihr Geld nicht an der Frankfurter Börse oder an der New Yorker Nasdaq verloren. Sondern an der altehrwürdigen Hanseatischen Wertpapierbörse zu Hamburg.

Die Geschichte beginnt irgendwann während des größten Börsenbooms, den Deutschland je erlebt hat. Neidisch schielten die Manager der kleinen Hamburger Börse Richtung Main, wo die ungleich größere Deutsche Börse mit ihrem Wachstumssegment Neuer Markt richtig Geld scheffelte. So etwas wollte man in Hamburg auch. Etwas richtig Heißes.

Am 10. März 2000, dem Tag, als der Nemax seinen Zenit von 8583,34 erreichte, eröffnete die Hamburger Börse ihr neues Segment, den High Risk Market (HRM). Der HRM sollte so eine Art Turbo-Nemax sein - eine Nische für alle jene, denen der Neue Markt zu dröge war, mit seinen aus Sicht echter Zocker läppischen Renditen von um die 100 Prozent.

Willkommen in der Holzklasse

Am HRM wurden nur US-Aktien von Kleinstunternehmen, so genannten Microcaps, zweitgelistet. Die sind in den Vereinigten Staaten am Bulletin Board der Nasdaq notiert. Das Bulletin Board ist eine Art Holzklasse der Börse. Das Handelsvolumen ist Glückssache, Anforderungen an die notierten Unternehmen, durch die unsaubere Geschäftspraktiken oder Bilanzbetrügereien verhindert werden könnten, gibt es so gut wie keine.

Von entsprechender Qualität waren denn auch viele der Papiere, die in Hamburg gelistet wurden. "Dagegen sind viele Neue-Markt-Werte Standardaktien" meint Christian Kalischer, der als so genannter Skontroführer des Börsenmaklers Fairtrade Finance den HRM betreut.

Da ist zum Beispiel das texanische Energieunternehmen Adair International. Die Firma hatte nach eigenen Angaben Anfang 2000 zahlreiche Gas- und Ölprojekte mit einem Gesamtvolumen von 500 Millionen Dollar in Planung - bei einem Kassenbetrag von damals etwa 80.000 Dollar. Weitere bescheidene Finanzmittel erhielt das Unternehmen laut Pressemitteilungen nur von mysteriösen Instituten wie der MFG Ltd. Commercial Bancorp, auf die sich nirgendwo, nicht einmal in der riesigen Finanzdatenbank Bloomberg, Hinweise finden lassen.

Inzwischen sind Gründer John Adair und sein Finanzchef Jalal Alghani mit sämtlichen Unterlagen und Aufzeichnungen durchgebrannt. Der neue Vorstand besaß bei Amtsantritt nicht einmal einen Schlüssel zu den Firmenräumen. "Das Unternehmen", heißt es trocken im jüngsten Bericht des Managements an die US Börsenaufsicht SEC, "verfügt derzeit nur über nominale Cash-Reserven und hat keinen Cashflow aus laufenden Geschäften."

Ähnlich verhält es sich mit den meisten HRM-Aktien. Viele Werte, so Kalischer von Fairtrade, seien "tote Schafe".

Ohne Netz und Reißleine

Die Hamburger Börse schaute bei der Auswahl der Werte seinerzeit wohl nicht so genau hin. Nicht einmal die einzeiligen Beschreibungen der gelisteten Unternehmen auf der HRM-Webseite sind korrekt. So wird etwa die International Fast Food Corporation als "Lizenznehmer für Burger King" in Polen beschrieben. Tatsächlich hat das Unternehmen seine Verträge mit Burger King bereits vor längerer Zeit gelöst. Auch die Bezeichnung "Restaurantkette" für das Unternehmen Eat at Joe's Ltd. ist eher Irre führend, schließlich besaß die Minifirma im dritten Quartal 2002 gerade einmal ein Restaurant.

Kay Homann, stellvertretender Geschäftsführer der Hamburger Börse und Mitinitiator des HRM, sieht da kein größeres Problem. Schließlich könne jeder interessierte Anleger die Finanzberichte der Unternehmen auf der Webseite der SEC einsehen.

Das stimmt. Nur hat die Hamburger Börse den Anlegern seinerzeit eine wichtige Information vorenthalten: Dass es bei der Auswahl der 24 HRM-Werte eklatante Interessenkonflikte gab.

Die Pusher von der Waterkant

"Zusammen mit den Analysten der World of Internet.com AG, und der Börsenmakler Schnigge AG, Niederlassung Berlin, hat die Hamburger Börse die geeigneten Unternehmen ausgewählt", schrieb das "Handelsblatt" im März 2000 über den HRM.

Bei den "Analysten" von World of Internet.com (WoI) handelte es sich jedoch nicht um unabhängige Berater. WoI war ein von zwei jungen Norddeutschen gegründetes PR-Unternehmen, das ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt hatte: WoI rührte in Europa, wo den Anlegern während des Booms keine Aktie zu heiß war und sich für alles ein Käufer fand, die Werbetrommel für amerikanische Kleinstunternehmen - eben jene "Microcaps", die in Hamburg notiert werden sollten.

Auf ihrer Webseite Stockreporter.de veröffentlichten die WoI-Chefs Torsten Prochnow und Dennis Hass laut einer Anklageschrift der US-Börsenaufsicht SEC im Auftrag der von Ihnen betreuten Unternehmen Aktienanalysen. Das Urteil der Selfmade-Analysten lautete in der Regel "Kaufen".

Dass WoI für die Erstellung der Analysen von den Unternehmen bezahlt wurde, hängten die Jungs aus Timmendorf lieber nicht an die große Glocke. Die Stockreporter-Studien basierten, wie man im Kleingedruckten nachlesen konnte "im Allgemeinen" auf Informationen, die von den vorgestellten Unternehmen zur Verfügung gestellt wurden. In den Berichten "können aber auch Informationen aus unabhängigen Quellen enthalten sein".

Prochnow und Hass kam das neue Segment der Hamburger Börse als Sales-Promotion-Maschine gerade recht. So zahlte etwa das Unternehmen Rhombic nach Recherchen des "Wall Street Journal" im März 2000 an WoI 18.000 Dollar für ein "Paket mit Investor-Relations-Dienstleistungen". Zu dem Deal habe neben mehreren Analysen auf Stockreporter.de auch ein Listing an der Hamburger Börse gehört.



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