Neuer Markt: Krise der Medientitel

Der Absturz von EM.TV riss auch die anderen Medienwerte am Neuen Markt in die Tiefe. Gründe für die Schwäche dieser Aktien gibt es genug.

Ärger vorprogrammiert: Handel mit Filmrechten bringt nicht genug Gewinn
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Ärger vorprogrammiert: Handel mit Filmrechten bringt nicht genug Gewinn

Frankfurt am Main - "Wie es weitergeht, das wollen hier alle wissen, darum habe ich auch keine Zeit", sagte ein gestresster Analyst bei einer Privatbank. Lange Zeit waren die Medientitel die Zugpferde am Neuen Markt. Die Aktienkurse von Firmen wie EM.TV, Kinowelt Medien, Intertainment oder Advanced Medien galoppierten von einem Höchststand zum nächsten. Kapitalerhöhungen waren leicht am Markt zu platzieren.

"Mit den Millionen aus dem Börsengang sind die Lizenzhändler rübergefahren nach Amerika und haben auch für mittelmäßige Filme sehr hohe Preise gezahlt", sagte Florian Leinauer, Analyst bei Helaba Trust. In Hollywood war schnell vom "silly money", vom dummen Geld aus Deutschland die Rede. Inzwischen hat sich das Bild geändert. Die "gefallenen Engel" zogen den Neuen Markt in die Tiefe. EM.TV stürzte nach der Vorlage unkorrekter Zahlen, einer Gewinnwarnung und dem Einstieg der KirchGruppe von 120 auf weniger als zehn Euro. Intertainment sackte von 136 auf ebenfalls unter zehn Euro ab und Kinowelt fiel von 75 auf unter 20 Euro.

Der Lizenzhandel ist seit der Fusion von Sat.1 und ProSieben sowie der weiteren Eingliederung von Vox in die RTL-Familie schwieriger geworden. Als Abnehmer stehen bei den Privatsendern praktisch nur noch Kirch und Bertelsmann bereit, die sich mit Käufen in diesem Jahr nicht nur wegen der jüngsten Quizshow-Welle auffallend zurückhielten. "Die Marktmacht hat sich eindeutig zu Gunsten der Fernsehsender verschoben", sagt Analyst Leinauer.

So verkaufte Intertainment 2000 nicht einen einzigen Film an einen deutschen Fernsehsender. Kinowelt tat sich lange schwer, Titel aus einem Time-Warner-Paket zu verkaufen, das 1999 für weit mehr als 500 Millionen Mark gekauft worden war. Vom Boykott durch die Privatsender war in der Branche schon die Rede.

Die Folge waren teils drastische Korrekturen der Planzahlen. Intertainment rechnet nur noch mit 170 Millionen Mark Umsatz in diesem Jahr statt ursprünglich veranschlagter 290 Millionen Mark. Advanced Medien schraubte die Umsatzprognose von 129 auf 70 Millionen Mark zurück. EM.TV senkte nur wenigen Wochen vor dem Jahresende die Gewinnprognose um fast eine halbe Milliarde Mark nach unten und wird wohl einschließlich der Abschreibungen in der Verlustzone landen.

"Die Fernsehsender brauchen naturgemäß Spielfilme", gibt sich Jan Vocke, stellvertretender Intertainment-Geschäftsführer, optimistisch. Der Konzern sei nicht bereit, Rechte um jeden Preis zu verkaufen. Schließlich habe das Unternehmen keinerlei Liquiditätsprobleme. Intertainment verkauft Rechte zudem nicht nur in Deutschland, sondern sichert sich in der Regel die Lizenzen für Europa oder die ganze Welt. Zudem gibt es auch andere Geschäftsfelder.

Auch bei Kinowelt Medien ist man trotz der derzeit schlechten Stimmung am Markt positiv gestimmt. Konzernchef Michael Kölmel bekräftigte erst vor wenigen Wochen die Prognosen für das laufende Jahr. "Wir sind nach wie vor auf Wachstumskurs", sagte ein Sprecher am Mittwoch in München. Als eines der wenigen Unternehmen in der Branche habe man den "Sprung zum integrierten Medienkonzern" geschafft habe. Auf der Suche nach einem starken Partner ist man laut Angaben aus Unternehmenskreisen nicht. Ob das dem Aktienkurs wieder in Richtung alter Höchststände hilft, ist ungewiss. "In dem momentanen desolaten Marktumfeld sind Prognosen schwierig", sagte der Sprecher.

Die Analysten sind skeptisch, ob gerade die reinen Lizenzhändler schnell wieder auf die Beine kommen. "Um eine Konsolidierungswelle kommen wir in der Branche nicht rum", sagt Leinauer. Er kann sich vorstellen, dass einige Unternehmen Unterschlupf bei den Senderfamilien finden. Andere könnten nach Einschätzung von Beobachtern ganz von der Bildfläche verschwinden.

Axel Höpner, dpa

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