Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Neues Urteil: Headhunter dürfen wieder anrufen

Von Rainer Steppan

Deutsche Headhunter können aufatmen. Nach einem neuen Urteil sind Anrufe am Arbeitsplatz potenzieller Kandidaten doch nicht verboten.

GMS

Anrufe so genannter Headhunter am Arbeitsplatz sind doch nicht verboten. So lautet der Tenor eines aktuellen Urteils des Oberlandesgerichts Karlsruhe. Die Richter stellen sich mit ihrer Entscheidung auf die Seite des Düsseldorfer Headhunters Michael Dobler, der im Sommer 1999 den Auftrag erhalten hatte, einen Manager für ein amerikanisches Softwareunternehmen zu suchen. Im Zuge seiner Recherchen im Internet war der Headhunter auf den Namen einer Angestellten gestoßen, die bei der Mannheimer Niederlassung des schwäbischen Systemhauses Bechtle als Projektleiterin arbeitet. Dort rief Dobler an, nannte seinen korrekten Namen und erklärte der Angestellten seinen Auftrag.

Diese informierte jedoch ihren Chef. Bechtle-Geschäftsführer Gerhard Schick zögerte nicht lange und ließ Dobler - wie zuvor schon zahlreiche andere Headhunter - per Rechtsanwalt abmahnen. Da sich der Düsseldorfer aber nicht beugen wollte, zog Bechtle vor das Landgericht Mannheim. Die Richter sollten Dobler zur Unterlassung von weiteren Anrufen zwingen, und zwar "unter Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 500.000 Mark, ersatzweise Ordnungshaft". Weiter begehrte Bechtle laut Klageschrift Auskunft über alle Telefongespräche, welche Dobler in der Vergangenheit mit den Mitarbeitern des Systemhauses geführt hatte. Und schließlich verlangte das Unternehmen auch noch Schadenersatz. Schließlich habe Dobler seine Angestellte von der Arbeit abgehalten, so Bechtles Argumentation im Prozess.

Verhalten war nicht sittenwidrig

Die Richter wiesen die Klage ab, Bechtle legte daraufhin Berufung ein und zog vors Oberlandesgericht Karlsruhe. Dieses hat jetzt die Entscheidung der Vorinstanz bestätigt. Nach Ansicht der Karlsruher Richter war Doblers Verhalten weder sitten- noch wettbewerbswidrig. Das Abwerben von Beschäftigten eines anderen Unternehmens sei Teil einer auf Wettbewerb angelegten Marktwirtschaft und damit grundsätzlich nicht zu beanstanden, heißt es im Urteil. Nur bei Hinzutreten besonderer Umstände, etwa wenn der Headhunter versuche, einen Arbeitnehmer zum Bruch seines Arbeitsvertrags zu verleiten, müsse anders entschieden werden (Urteil vom 25. Juli 2001, Aktenzeichen 6 U 145/00).

Das Urteil steht im Gegensatz zu einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Stuttgart, über welches SPIEGEL ONLINE im November vergangenen Jahres berichtet hatte. Auch hier war es die Firma Bechtle, die einen Headhunter abgemahnt hatte.

Im Unterschied zu ihren Karlsruher Kollegen sahen die schwäbischen Richter die Anrufe des Headhunters am Arbeitsplatz als wettbewerbs- und sittenwidrig an. Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte diesen Fall zur Revision vorgelegt bekommen, aber nicht zur Entscheidung angenommen: "Die Rechtssache hat keine grundsätzliche Bedeutung. Die Revision hätte im Ergebnis auch keine Aussicht auf Erfolg", so die lapidare Begründung des BGH.

Dobler, der bis zuletzt gezittert hatte, freut sich jetzt über seinen Sieg vor dem Oberlandesgericht: "Endlich entspannt sich die Situation", so der Headhunter. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist aber noch nicht gesprochen. Die Firma Bechtle jedenfalls wird voraussichtlich gegen das Urteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe Revision einlegen. "Ich sehe keinen Grund, warum wir das nicht tun sollten", so Bechtle-Chef Schick. Dann wird sich der BGH erneut mit der Materie befassen müssen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: