Investitionsstau bei der New Yorker U-Bahn Zu Hause bleiben, bitte

Die New Yorker U-Bahn hat so viele Passagiere wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch sie ist chronisch unterfinanziert und überlastet. Die Verkehrsplaner hoffen, dass künftig mehr Menschen daheim bleiben.

Aus New York berichtet

DPA

Bill Wheeler hat einen undankbaren Job erwischt: Er ist Chefplaner der New Yorker Nahverkehrsbehörde MTA - und damit in der Welthauptstadt des Kapitalismus für eine Mangelwirtschaft zuständig, die an den Kommunismus erinnert. Wheeler weiß um all die Defizite der U-Bahn, der 53-Jährige ist ja schon seit Ewigkeiten dabei.

Wegen enger Treppen, fehlender Aufzüge und sperriger Drehkreuze schaffen es Fahrgäste mit Kinderwagen oder Koffer kaum bis zum Bahnsteig. Selbst im Jahr 2014 wird an den meisten Stationen noch immer nicht angezeigt, wann der nächste Zug kommt. Es gibt verkommene Stationen, auf denen auch schon mal ein paar überfüllte Züge hintereinander einfach durchfahren. Und so weiter.

Aber was soll Wheeler auch machen, außer den Mangel zu verwalten? "Die Infrastruktur in den USA ist an vielen Stellen in einem miserablen Zustand, aber das Thema spielt politisch kaum eine Rolle", sagt er mit leicht verzweifelter Stimme. Rund 25 Milliarden Euro wollte die MTA eigentlich von 2015 bis 2019 investieren, unter anderem, um marode Haltestellen zu modernisieren, das Netz auszubauen und 1000 neue Waggons zu kaufen. Es wäre so etwas wie ein Befreiungsschlag gewesen, doch daraus wird wohl nichts. Die Politik hat erst mal ihr Veto eingelegt.

Den Hinweis, in Europa gäbe es angesichts solcher Zustände einen Aufstand der Pendler, quittiert Wheeler mit einem Seufzer. Was wohl so viel heißt wie: "Ich wäre froh, wenn es hier auch so wäre." Doch die Geduld der Amerikaner mit ihrer Dritte-Welt-Infrastruktur ist legendär.

Das System droht an seiner Popularität zu ersticken

Früher war die New Yorker U-Bahn in der Krise, weil Vandalismus und Kriminalität dazu führten, dass die Menschen sie mieden. Inzwischen leidet das System am gegenteiligen Problem. 110 Jahre, nachdem die erste Linie am 27. Oktober 1904 eröffnet wurde, droht die U-Bahn an ihrer Beliebtheit zu ersticken. An einem normalen Wochentag nutzen inzwischen rund 5,5 Millionen Menschen die Subway, es ist der höchste Wert seit 1950.

Und die New Yorker fahren nicht mehr nur zur Rushhour, die Züge sind überall und ständig voll. Das hat auch damit zu tun, dass sich Firmen jenseits von Manhattan angesiedelt haben und immer mehr Bewohner die U-Bahn in ihrer Freizeit nutzen. Weniger als die Hälfte der Haushalte in der Millionenmetropole besitzt überhaupt ein Auto.

Weil die Züge auf den wichtigen Strecken rund um die Uhr voll sind, ist jede Sperrung eine zu viel. "Immer öfter machen wir Abschnitte nur für einen Tag zu und erledigen mit ein paar Hundert Leuten neben Reparaturen auch alle überfälligen Modernisierungen", sagt Wheeler. "Dann ist für eine Zeit lang wieder Ruhe." So wurde auf einigen Strecken inzwischen eine moderne Signaltechnik installiert. Dort können nun 28 Züge pro Stunde fahren, drei bis vier mehr als bislang.

"Ständige Operation am offenen Herzen"

"Eigentlich müsste man ein dermaßen in die Jahre gekommenes U-Bahn-Netz komplett neu bauen", sagt Roland Busch, Vorstand für Städte und Infrastruktur bei Siemens. "Aber das geht natürlich nicht. Deshalb bleibt nur die ständige Operation am offenen Herzen." Der deutsche Technologiekonzern ist seit Langem in New York aktiv und hat unter anderem ein neues Kontrollzentrum mit Technik ausgestattet. "Die einzige Möglichkeit, die Kapazität auf bestehenden Strecken weiter auszubauen, wären automatisch betriebene U-Bahnen", sagt Busch. Nur so sei der Abstand zwischen den Zügen stets gleich und die Strecke lasse sich optimal auslasten.

MTA-Mann Wheeler würde die Automatisierung auch lieber heute als morgen vorantreiben. Aber dieser Schritt sei mit den mächtigen Gewerkschaften kaum zu machen, sagt er. Auch dem Bau neuer Linien sind aus Geldmangel enge Grenzen gesetzt. Bereits seit 1929 existieren Pläne, eine neue U-Bahn-Linie im Osten Manhattans zu errichten. Das erste Teilstück der Second Avenue Subway soll nach derzeitigem Stand Ende 2016 eröffnen. Der Abschnitt ist nur drei Kilometer lang und besteht gerade einmal aus drei Stationen - trotzdem kostet er fast vier Milliarden Euro. Die komplette Linie soll 2029 fertig sein - also 100 Jahre, nachdem der Plan erstmals aufkam. Wenn, ja wenn, irgendjemand die noch fehlenden mehr als zehn Milliarden Euro auftreibt.

Angesichts der chronischen Unterfinanzierung und bescheidenen Möglichkeiten, die Kapazitäten auszubauen, bleibt Mangelverwalter Wheeler nur noch eine Hoffnung: "Die Gewohnheiten unserer Fahrgäste werden sich ändern." Zwar geht er vorsichtshalber davon aus, dass die Bevölkerung in New York weiter wächst, zugleich setzt er aber darauf, dass sich das Fahrgastaufkommen besser verteilt: "Immer mehr Menschen haben statt eines 9-to-5-Jobs eine 24/7/365-Arbeit." Flexiblere, unregelmäßigere Arbeit werde zur Folge haben, dass nicht mehr alle gleichzeitig ins Büro führen und viele auch mal zu Hause blieben.



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rt325 29.10.2014
1. Aber 4 Milliarden
für Wahlkampf ausgeben. Das ist doch eine kranke Welt dadrüben. Und unsere EU will denen trotzdem alles nachmachen. Hoffentlich protestieren wir bald gegen diesen Schwachsinn. Ich habe keinen Bock auf Infrastrukturen nach dem Motto Zitat: "Doch die Geduld der Amerikaner mit ihrer Dritte-Welt-Infrastruktur ist legendär"
anonymous123a 29.10.2014
2. Völlig übertriebener Artikel
Ich war dieses Jahr in NYC, bis auf einen Ausflug in die Bronx nur in Manhattan, und folgende Formulierungen sind vollständig übertrieben: "Weil die Züge auf den wichtigen Strecken rund um die Uhr voll sind" "Und die New Yorker fahren nicht mehr nur zur Rush Hour, die Züge sind überall und ständig voll." Ca. um 9 morgens habe ich mal volle Züge gesehen. Diese waren ein WITZ gegen den alltäglichen Terror im Ruhrgebiet, bspw. RE1, oder ÖPNV in Essen. Wo übrigens immer mehr Linien abgeschafft und verkürzt werden. In New York kam ich 10 mal besser von A nach B als hier. Ja, die Haltestellen dort sind teils richtig dreckig, hässlich und alt. Aber hier soll der Verkehr irgendwie besser sein? Blanker Hohn.
mm71 29.10.2014
3.
Zitat von rt325für Wahlkampf ausgeben. Das ist doch eine kranke Welt dadrüben. Und unsere EU will denen trotzdem alles nachmachen. Hoffentlich protestieren wir bald gegen diesen Schwachsinn. Ich habe keinen Bock auf Infrastrukturen nach dem Motto Zitat: "Doch die Geduld der Amerikaner mit ihrer Dritte-Welt-Infrastruktur ist legendär"
Dazu müssen Sie nicht nach "dadrüben" und nicht mal bis zur EU. In D wird seit x Jahren jedes grössere öffentliche Projekt durch Klagemarathon, Bürgerentscheide sowie Inkompetenz zu Fall gebracht. Schauen Sie mal die verzweifelten Versuche des Hamburger Senats an, den ÖPNV auszubauen. Alle sind dafür, bis die Baustelle vor der eigenen Haustür kommt oder gar ein Baum gefällt werden muss. Dann ist ganz schnell Schluss... In Berlin wollte man Gerüchten zufolge sogar mal einen Flughafen bauen...
Süddeutscher 29.10.2014
4. So weit muss man gar nicht blicken...
Nun ja, an den Problemen bei der NY Tube ist sicherlich was dran. Aber auch in Deutschland ist nicht alles Gold, was glänzt. Bestes Beispiel ist die U-Bahn der MVG in München. Außen ruhig, innen Pfui! Und damit meine ich nicht die gepflegten Fahrgasträume der Waggons. Das Problem sind vielmehr die Gleisanlagen und die Technik der Züge. Wartungsintervalle werden heraus gezögert, Gleise und Signaltechnik auf Verschleiß gefahren. Das Resultat: immer öfter knirscht es im System. Die Folge: auch im Münchner Verkehrsverbund und im Besonderen bei der Betreibergesellschaft MVG ist man froh, wenn weniger Leute die Verkehrsmittel nutzen. Zumindest in den Spitzenverkehrszeit. Es ist zu hoffen, dass dort die Chefetage bald einen neuen "König" bekommt! Der bisherige Monarch hat nämlich nicht mehr viel drauf-das einzige, was der noch kann, ist effektiv gegen den Verbund zu stänkern, dem er mit seiner städtischen Betreibergesellschaft eigentlich zu dienen hat! Also: und das war nur ein Beispiel aus dem Süden Deutschlands. Sicherlich gibt es ähnliche Probleme auch bei anderen oberen Systemen Deutschlands. Das Schlimmste: weil kein Geld vorhanden ist, werden auch keine neuen Tunnel gebaut. es herrscht Stillstand.
regensommer 29.10.2014
5.
Zitat von mm71Dazu müssen Sie nicht nach "dadrüben" und nicht mal bis zur EU. In D wird seit x Jahren jedes grössere öffentliche Projekt durch Klagemarathon, Bürgerentscheide sowie Inkompetenz zu Fall gebracht. Schauen Sie mal die verzweifelten Versuche des Hamburger Senats an, den ÖPNV auszubauen. Alle sind dafür, bis die Baustelle vor der eigenen Haustür kommt oder gar ein Baum gefällt werden muss. Dann ist ganz schnell Schluss... In Berlin wollte man Gerüchten zufolge sogar mal einen Flughafen bauen...
Bis jemand sagte: "Hallo! Was ist denn wenn es brennt?" Und das ist gut so - um bei einem der Verantwortlichen zu bleiben. Gut dass ein Beamter den Mut hatte "Nein" zu sagen. Jedes Altersheim muss die Tischdecken runter nehmen wegen Brandschutz und am Flughafen soll Brandschutz auf einmal nicht mehr gelten? New York und U-Bahnen: Naja, war nicht anders zu erwarten. In 1000 Jahren wird in den Geschichtsbüchern die USA genauso vermerkt sein wie die Römer - als untergegangenes Reich.
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