New Yorker Zeitungskrieg Vom Rubbellos-Debakel und kopflosen Leichen

Nichts ist mehr tabu: Verleumdung, Hetze, persönliche Beschimpfungen. Der Konkurrenzkampf der größten US-Boulevardblätter "Post" und "Daily News" eskaliert zur Entscheidungsschlacht. Es geht nicht nur um Auflage, sondern auch um Politik und die Egos der Verleger: Auf der einen Seite steht ein Fidel-Castro-Fan, auf der anderen der Bush-Freund Rupert Murdoch.

Von , New York


Titel der "Daily News": Selbsternannte "Stimme des Volkes"

Titel der "Daily News": Selbsternannte "Stimme des Volkes"

New York - Es war, was sie hier einen klassischen "Blunder" nennen. Ein Schnitzer, ein blödes Versehen - mit enormen Folgen: Die Verantwortlichen mussten zu Kreuze kriechen, die Rivalen bogen sich vor Schadenfreude, dann schalteten sich die Gerichte ein - und in Manhattan sprach man noch Tage über das Thema.

Die ganze Affäre begann als harmloses Preisausschreiben. "Scratch 'n' Match" hieß das Gewinnspiel, das die New Yorker "Daily News" als PR-Aktion ausgerufen hatte. Höchstgewinn: 100.000 Dollar.

Doch am 18. März druckte die "News" irrtümlich eine falsche Gewinnzahl: die 13 statt der 12. Mehrere Tausend Leser glaubten, reich geworden zu sein, einige sollen schon auf Pump shoppen gegangen sein - nur um einen Tag später zu erfahren, dass sie leer ausgingen. "Wir entschuldigen uns aufrichtig", schrieb die "News", "und bedauern jegliche Unannehmlichkeiten."

Damit wäre die Sache eigentlich erledigt. Doch nicht in New York - erstens lassen sie sich hier nichts gefallen, vor allem nicht, wenn's um Geld geht. Prompt marschierten die Düpierten zu Dutzenden vor der "News"-Redaktion auf, um Satisfaktion zu fordern, flankiert von Anwälten und einem telegenen Stadtrat, der zum Totalboykott der Zeitung aufrief. Zweitens steht die "News" im bitteren Konkurrenzkampf mit der Rupert-Murdoch-Postille "New York Post" - und die ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen.

Heißester Medienmarkt der USA

"Post"-Ausgabe mit Titelgeschichte über Michael Jackson: "Nero fiedelte, während Rom brannte"

"Post"-Ausgabe mit Titelgeschichte über Michael Jackson: "Nero fiedelte, während Rom brannte"

"Scratch 'n' Stiff" ("Rubbeln und Foppen"), schlagzeilte die "Post" und erhob die Causa zum Anlass für einen Showdown zwischen Gut und Böse: "Schaut euch die Leute an, die bei diesem Spiel mitgemacht haben, und ihr seht jene, auf die die 'Daily News' seit jeher Jagd macht. Die Stundenlohnsklaven. Eine Handvoll Studenten. Immigranten. Die Alten und Schwachen."

Genüsslich rapportierte die "Post", wie ein Richter für Mai eine Anhörung anberaumt habe. Oder wie "eine Hundertschaft" von "betrogenen Gewinnern" in der House of the Lord Church in Brooklyn die Hilfe Gottes herbeigebetet habe. Oder wie "News"-Verleger Mort Zuckerman derweil "ungerührt" auf einer Yacht vor den Galapagos-Inseln dümpele (auch "Nero fiedelte, während Rom brannte"). Als sei das nicht genug, erhob sich die "Post" selbst als Rächerin der Enterbten: "Wurden Ihre Träume von der 'Daily News' zerstört? Rufen Sie an."

Das Rubbellos-Debakel ist das jüngste Kapitel im Krieg zwischen Amerikas auflagenstärkstem Boulevardblatt, der "News", und Amerikas ältester Zeitung, der "Post" - den beiden letzten großen "Tabloids" der USA. Beide Redaktionen sitzen knapp zwei Kilometer voneinander entfernt in Manhattan, beide buhlen um denselben Markt, den heißesten der Nation und dem einzigen, im dem es noch wahre Konkurrenz gibt: den der notorisch launischen New Yorker.

Vehikel für liberale Ansichten

Es ist ein alter Kampf - doch jetzt ist die Fehde eskaliert, dank der brenzligen Anzeigenlage und frischem Blätter-Nachwuchs am Platze. So dramatisch hat sich die Lage zugespitzt, dass selbst die zurückhaltende "Business Week" von einem "apokalytischen Ringen" spricht, das es hierzulande nicht mehr gegeben habe, "seit sich William Randolph Hearst und Joseph Pulitzer vor einem Jahrhundert in den Haaren lagen", jene Titanen der Pressegeschichte. Im Klartext: Überleben darf am Ende nur einer.

"Post" und "News" Ende 2000: Jeder kleine Missgriff des anderen wird zur Affäre stilisiert
AFP

"Post" und "News" Ende 2000: Jeder kleine Missgriff des anderen wird zur Affäre stilisiert

Dabei geht es weniger um Auflage, Profit oder Aktienkurse, denn dann hätten alle Beteiligten längst aufgeben müssen. So hat die "Post" in drei Jahrzehnten keinen Gewinn gemacht, bei der "News" sieht es nur minimal besser aus. Es geht um etwas anderes, viel Wichtigeres: Politik, Macht und große Egos.

Alleinbesitzer der "News" ist der Multimilliardär Zuckerman, ein Immobilienmagnat, der das Blatt 1993 kaufte. Zuckerman, flotte 67 und geschieden, gilt als einer der begehrtesten Junggesellen New Yorks; er zeigt sich gern mit Power-Frauen an seiner Seite, prahlt von "alten Freunden" wie Fidel Castro und nutzt die "News" und sein ebenso um Leser kämpfendes Wochenmagazin "U.S. News & World Report" als Hobbyobjekte und Vehikel für linksliberale Ansichten.

"Post"-Verleger Murdoch steht ideologisch auf der Gegenseite. Sein globales Medienimperium News Corporation fungiert in den USA als Flakgeschütz der Bush-Regierung, mit dem TV-Kabelsender "Fox News" und der "Post", der einzigen konservative "Stimme des Volkes" im liberalen New York. Murdoch, 74, hat seinem Sohn Lachlan, 34, die Verantwortung für die defizitäre "Post" übertragen, in Vorbereitung aufs Konzernerbe. Der sieht die Zeitung nicht nur als "tolle Anlage" in der "Medien-Welthauptstadt", sondern, so hört man, auch als Chance, dem Vater zu zeigen, was er kann.

Verleger Zuckerman: Die "News" 1993 gekauft
REUTERS

Verleger Zuckerman: Die "News" 1993 gekauft

Inzwischen ist aber klar, dass die ewig zweite "Post" nicht in die schwarzen Zahlen kommt, so lange es die "News" gibt. Unter Rupert Murdoch hat das Blatt pro Jahr bis zu 40 Millionen Dollar Miese eingefahren, wenn nicht mehr, und insgesamt bisher weit über eine halbe Milliarde Dollar. Anderswo hätte ein solches Verlustunternehmen längst dichtgemacht. Die "News" dagegen soll leicht profitabel sein, zumindest in jüngsten Jahren.

Hinzu kommt: Drei Viertel der "Post"-Leser kaufen sie nur als "Zweitlektüre"; die "News" aber, mit einer Auflage von 735.536 die sechstgrößte US-Tageszeitung, hat 60 Prozent exklusive Leser. Die "Post", schreibt Medienkolumnist Anthony Bianco, sei nur "Sekundär-Lesestoff" - kein gutes Werbemotto für Anzeigenkunden. Da hilft auch der beachtliche Auflagensprung der letzten fünf Jahre nicht, mit dem sie den Vorsprung der "News" von 260.000 auf 57.450 Exemplare verringern konnte und sich so bis auf Platz sieben der Rangliste heranschlich - unter anderem dank einer Halbierung des Preises auf 25 Cent, großzügiger Freiexemplare, einem aus London eingeflogenen, bissigen Chefredakteur und einer erhöhten Dosis Sex.

Murdochs "Kraft des Bösen"

Kein Wunder, dass langsam die Fetzen fliegen. Nichts ist mehr tabu: Verleumdung, Hetze, persönliche Beschimpfungen. So taufte "Post" die "News" in "Snooze" um ("Schnarcher"), nennt deren Chefredakteur Michael Cooke "Cookie Monster" ("Krümelmoster") und macht sich über dessen "Men-in-Black-Look" lustig.

Propaganda-Blatt "Post" 2003: Flak der Rechten
AP

Propaganda-Blatt "Post" 2003: Flak der Rechten

Jeder Missgriff des anderen wird zur Staatsaffäre. Zum Beispiel, als die "Post", im gnadenlosen Krieg um Exklusives, voriges Jahr fälschlicherweise Dick Gebhardt zum Vize-Präsidentschaftskandidaten der Demokraten kürte und sich so zum Gespött machte: "Ein kolossaler Patzer", jubilierte die "News". Die "Post" revanchiert sich, indem sie regelmäßig über vermeintliche "Redaktionsmeutereien" beim Gegner berichtet ("Die Truppen werden rastlos") und neulich sogar einen Druckfehler ("Noboby Help Me") zur Eilmeldung machte: "Die Ausgabe wird auf eBay zur Auktion angeboten, bis jetzt ohne Bieter. Bei der 'Snooze' sind selbst die Fehler langweilig."

Dabei steht der Fortbestand zweier US-Institutionen auf dem Spiel. Die "Post", 1801 von Verfassungsvater Alexander Hamilton gegründet, ist die älteste durchgehend publizierte Zeitung der USA. Lange war sie seriös, erst die zweimalige Übernahme durch Murdoch - 1977 und, nach einem von den Monopolwächtern erzwungenen Verkauf, 1993 wieder - sackte sie auf Boulevardniveau, als "Kraft des Bösen" ("Columbia Journalism Review"). Legendärste Schlagzeile: "Headless Body in Topless Bar" ("Kopflose Leiche in Oben-ohne-Bar"). Aller Politik zum Trotz ist die "Post" meist für ihre Klatschkolumnisten bekannt: Liz Smith, Cindy Adams, das gefürchtete Team der "Page Six".

Sammelklagen gegen das "herzlose" Blatt

"Post"-General Lachlan Murdoch: Konzepte und den Chefredakteur aus England importiert
AP

"Post"-General Lachlan Murdoch: Konzepte und den Chefredakteur aus England importiert

Die "News" indes, seit 1919 auf dem Markt, rühmt sich als "New Yorks Heimatzeitung", sie nennt ihre Leserbriefspalte "Stimme des Volkes". Sie hat bisher zehn Pulitzerpreise eingeheimst und einige der prominentesten US-Journalisten großgezogen: Jimmy Breslin, Pete Hamill, David Hinckley. Doch auch sie ziert sich nicht vor einer knackigen Schlagzeile. So titelte sie 1975 über die Weigerung von Präsident Gerald Ford, New York vor der Pleite zu bewahren: "Ford to City: Drop Dead."

Das wünscht die "Post" der "News" nun auch. Wenn Murdochs News Corporation sich daranmache, "jemanden zu zerstören", sagt "News"-Vizeverleger Martin Dunn, der früher selbst für Murdoch gearbeitet hat, "dann setzen sie alle Hebel in Bewegung". So lässt die "Post" bis heute nicht von der schwelenden "Scratch"-Affäre ab: Inzwischen gebe es mehrere Sammelklagen gegen das "herzlose" Konkurrenzblatt, das den Betroffenen "über 500.000 Dollar schuldet". Fortsetzung folgt.



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