Niedergang der Bauindustrie Immobilienkrise bedroht Spaniens Wirtschaft

Eine Volkswirtschaft kommt unter die Räder: Jahrelang haben die Spanier die Immobilienpreise in die Höhe getrieben und insgesamt prächtig davon gelebt. Jetzt platzt die Blase - und zieht andere Branchen mit in den Abgrund.

Aus Madrid berichtet Reiner Wandler


"Ich mache Ihnen einen guten Preis", beschwört der Mann, der sich am Telefon mit José vorstellt, den vermeintlichen Interessenten. José hat eine Wohnung in Seseña, einem kleinen Ort mit 12.000 Einwohnern, der 40 Autominuten vor den Toren Madrids liegt. Jetzt will er die Wohnung loswerden, koste es was es wolle. Ein Makler hatte ihm die Immobilie als sicheres Investment für die Zukunft angepriesen. Doch die Versprechungen hatten sich in Luft aufgelöst, da war die Tinte unter dem Vertrag kaum getrocknet.

13.500 Wohnungen sollten in dem Neubaugebiet entstehen - Wohnraum für insgesamt 50.000 Menschen. Doch kaum auf halbem Wege wurde das Vorhaben gestoppt. Etliche Appartement-Blocks verschandeln jetzt als Rohbauten die Landschaft. Lediglich 5000 Wohnungen wurden fertiggestellt. Und nur ganze 750 Einwohner zählt das örtliche Melderegister.

Wer hier hergezogen ist, will weg. "Zu verkaufen", steht nicht nur an Josés Balkon. Er hatte daran gedacht, die Wohnung zu vermieten und so den Kredit abzuzahlen. Doch es fand sich niemand. Seit Monaten gibt er Verkaufsanzeigen in verschiedenen Zeitungen auf. Vergebens.

Seseña, bis vor kurzem das Symbol für das spanische Wirtschaftswunder schlechthin, steht plötzlich für etwas ganz anderes: den Niedergang der Bauindustrie, einer der Schlüsselbranchen Spaniens. Die goldenen Jahre des Immobiliengeschäfts sind vorbei.

Rabattschlacht gegen die Krise

Mehr noch: Die Krise hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Denn nirgendwo in Europa hat der Bausektor im vergangenen Jahrzehnt so geboomt wie in Spanien. Die Wohnungspreise stiegen bis zu 500 Prozent. Das Land spielte Monopoly und investierte in Wohnungen, um damit zu spekulieren. Jetzt platzt die Blase - und Verlierer sind diejenigen, die nicht rechtzeitig verkauft haben.

Diese Entwicklung bekommen auch die Großen der Immobilienbranche zu spüren. Auf der jüngsten Fachmesse in Madrid, der größten Spaniens, tobte eine regelrechte Rabattschlacht. "Ein Jahr ohne Raten", "Möbel im Wert von 12.000 Euro" oder "ein Kleinwagen" lauteten nur einige davon. Das Echo hielt sich in Grenzen.

Die Misere lässt sich auch in Zahlen ausdrücken: Im ersten Quartal 2008 wurden 28 Prozent weniger Wohnungen verkauft als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Erstmals seit zehn Jahren sinken die Preise für Neubauwohnungen. Bis zum Jahr 2011 soll der Preisverfall 20 Prozent betragen, so eine Studie der Deutschen Bank.

Mit der Krise im Bausektor, dem Motor des spanischen Wirtschaftswachstums, steigt die Zahl der Joblosen so rasant wie seit Anfang der neunziger Jahre nicht mehr. Mittlerweile liegt die Arbeitslosigkeit bei mehr als neun Prozent. Bis zum Jahresende soll sie, so die OECD, um einen weiteren Prozentpunkt steigen.

Zuversicht schwindet

Allein in den vergangenen zwölf Monaten meldeten sich 424.555 Spanier arbeitslos. Ein gutes Drittel davon kommt aus der Baubranche. Eine Tendenz, die sich angesichts der grassierenden Anzahl von Baupleiten noch verstärkt - und die Betroffenen hoffnungslos zurücklässt. Aussichten auf eine neue Anstellung haben nur wenige.

Auch die beiden anderen wichtigen Wirtschaftsbereiche leiden: der Tourismus und die Automobilbranche. Im Juni blockierten aufgebrachte Lkw-Fahrer die wichtigsten Routen des Landes, weil sie ihre Existenz durch die hohen Spritpreise bedroht sehen. Erst am gestrigen Donnerstag vermeldete die Fluggesellschaft Spanair die bevorstehende Entlassung von tausend Mitarbeitern. Die Zahl der Autozulassungen markiert inzwischen jeden Monat neue Tiefststände.

Diejenigen, die einen Job haben, verlieren ebenfalls die Zuversicht. Der ohnehin schon niedrige Durchschnittslohn wird durch eine Inflationsrate von fünf Prozent zusätzlich entwertet. Preistreiber sind wie überall in Europa hohe Sprit- und Lebensmittelpreise. Ein regelrechter Konsumstreik ist die Folge.

Auch die steigenden Zinsen machen den Spaniern zu schaffen. Dabei wirkt sich eine Besonderheit der spanischen Hausfinanzierung besonders verhängnisvoll aus: Anders als in Deutschland sind die Zinsen nicht auf Jahre hinaus festgeschrieben, sondern werden immer wieder neu den Marktpreisen angepasst. Auch Gutverdiener geraten damit leicht an die Grenze ihrer Belastbarkeit.

Zahl notleidender Kredite steigt

Hinzu kommt, dass Banken und Sparkassen in der Regel sehr leichtfertig Kredite verteilt haben. Eine Bescheinigung über Schwarzeinkünfte genügte oft als Ergänzung zum Lohnzettel. Angesichts des scheinbar programmierten Wertzuwachses wurden viele Immobilien sogar ohne Eigenkapital finanziert.

Entsprechend hoch ist inzwischen die Zahl notleidender Kredite. Noch machen die Zahlungsrückstände mit 6,1 Milliarden Euro zwar nur ein Prozent der gesamten verliehenen Gelder aus. Doch Experten gehen davon aus, dass der Anteil bis zum Jahresende auf das Fünffache ansteigen wird. Die Rücklagen der Kreditinstitute für solche Fälle wären dann in nur einem Jahr aufgebraucht. "Der Anteil der Untiefen in den Bilanzen macht mir Angst", resümiert Miguel Blesa, der Präsident der spanischen Sparkasse Caja Madrid.

Ein erstes prominentes Opfer dieser Entwicklung ist die traditionsreiche Immobilienfirma Martinsa Fadesa. Dem Konzern war es nicht gelungen, einen vergleichsweise geringen Betrag von 150 Millionen Euro aufzutreiben. Am Ende standen einem Börsenwert von rund 680 Millionen Euro Schulden von 5,4 Milliarden Euro gegenüber. Inzwischen führt der Insolvenzverwalter die Geschäfte. In dieser Situation ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis weitere Immobilienfinanzierer in Not geraten. Zwar sind anders als in Deutschland nur wenige spanische Investmentfonds in das Geschäft mit US-Subprime-Krediten verwickelt, doch die hausgemachte Krise ist mindestens ebenso gefährlich.

Zapatero verdrängt die Krise

Jetzt rächt sich diese Politik. Insgesamt stehen die Spanier mit einem Betrag in der Kreide, der dem Bruttoinlandsprodukt des Landes entspricht. 60 Prozent davon entfällt auf Hypotheken.

Wer einen Wohnungskredit bei einem Geldinstitut aufgenommen hat, aber seinen Lohn nicht bei der gleichen Bank bezieht, muss dieser Tage mit Anrufen rechnen. Der besorgte Kreditgeber fragt freundlich aber bestimmt, ob es nicht möglich wäre, die Einkünfte auf ein Konto überweisen zu lassen, dass den Kredit absichert. Andere Banken - allen voran die Deutsche Bank - versuchen mittels günstiger Bedingungen die Kredite solventer Kunden an sich zu binden, um so den Anteil kritischer Kreditmasse zu verringern.

An der wichtigsten Adresse scheint die Nachricht von der dramatischen Entwicklung nur langsam anzukommen: Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero hat das Wort "Krise" lange Zeit nicht in den Mund genommen. Und das, obwohl Volkswirte Spaniens Wirtschaft im zweiten Quartal schon in der Rezession sehen. "Schwierige Lage", "komplexe Situation" oder "Abnahme der Wachstumsgeschwindigkeit" taufte Zapatero das, was passiert. Er verbringe mehr Zeit damit, im Wörterbuch nach Synonymen für "Krise" zu suchen, als sich um die Lösung der Probleme zu kümmern, lästerten seine Gegner im Parlament.

Erst vor wenigen Tagen knickte schließlich auch Zapatero ein: Erstmals sprach er öffentlich von einer "Krise". Beruhigt hat das die Märkte keineswegs.



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