Entwicklungshilfe Hollands Radgeber

Strampeln statt Stau: Fahrräder können in den boomenden Schwellenländern Umweltprobleme lösen und drohende Verkehrsinfarkte verhindern. Die Niederlande senden deshalb Botschafter aus, die für das Rad als Verkehrsmittel werben.

Tom Godefroij: Entwicklungshelfer in Sachen Fahrrad
Benjamin Dürr

Tom Godefroij: Entwicklungshelfer in Sachen Fahrrad


Der Weg ins Büro ist noch weit für den Bürgermeister. Und anstrengend, wie eine Bergetappe mit Gegenwind. Achmetdschan Jesimov ist Oberhaupt von Almaty, der größten Stadt Kasachstans. Hier sind die Höhenunterschiede so groß, dass manche Stadtteile in unterschiedlichen Klimazonen liegen. Almaty hat 1,4 Millionen Einwohner, nur etwa Zehntausend davon fahren Rad, also etwa 0,7 Prozent der Bürger. Jesimov selbst ist schon bei vier Radrennen angetreten. Nun will er die ganze Stadt mobilisieren.

Almaty soll die Fahrrad-Stadt Zentralasiens werden, neben der Hauptstadt Astana. Deshalb haben die Bürgermeister der beiden Städte eine niederländische Telefonnummer gewählt: die von Tom Godefrooij und seinen Kollegen, den Fahrradbotschaftern in Holland. Mit der "Dutch Cycling Embassy" werben die Niederlande für das Radfahren, helfen weltweit beim Bau von Fahrradwegen und beraten Stadtverwaltungen, um drohende Verkehrsinfarkte zu verhindern.

Kasachstans Wirtschaft wächst jedes Jahr um mehr als sechs Prozent, eine Mittelschicht entsteht, die in die großen Städte zieht. Weil Almaty am Fuße eines Gebirges liegt und sich kaum noch erweitern lässt, wurde vor einigen Jahren einfach Astana zur Hauptstadt gemacht. Sie hat mehr Platz für Wohnviertel, Industrieparks - und Straßen für immer mehr Autos.

Wie in Kasachstan explodiert überall in den Entwicklungs- und Schwellenländern die Zahl der Kraftfahrzeuge. In Indien, so stellt der TÜV Süd in einem Bericht fest, "fährt die wachsende Mittelschicht voll auf Autos ab", bis 2015 soll sich die Anzahl der Fahrzeuge von heute 60 Millionen verdoppeln. Auf die Boomländer wie Kasachstan, Indien und Brasilien kommen damit ganz neue Probleme zu: Verkehrssicherheit, Straßeninfrastruktur, Umweltschutz.

"Fahrräder müssen weltweit eine größere Rolle in der Stadtplanung spielen"

Am anderen Ende der Welt, in Utrecht, sitzt Tom Godefrooij in seinem Büro. Er trägt kariertes Hemd mit Weste, eine Brille mit runden Gläsern und zwei kleine Ohrringe. "Eines ist klar", sagt er, "wenn jeder in Indien oder China mit dem Auto oder dem Motorroller fährt, funktioniert in den Städten bald nichts mehr." Deshalb versuchen Godefrooij und seine zwei Kollegen, Brasilianer, Inder und Kasachen aufs Fahrrad zu bringen. Vor eineinhalb Jahren haben die Holländer die "Dutch Cycling Embassy" gegründet, eine Public Private Partnership aus Regierung und Behörden, Rad-Industrie und NGOs.

"Fahrräder müssen weltweit eine größere Rolle in der Stadt- und Verkehrsplanung spielen", sagt Tom Godefrooij. Dafür reisen er und seine Kollegen um den Globus und halten Vorträge vor Stadtbaumeistern. Sie geben Seminare und entwerfen Konzepte für Radwege und eine nachhaltige Stadtentwicklung. Wenn Godefrooij auf anderen Kontinenten vor Stadtplanern spricht, erzählt er gerne von der holländischen "Fahrradkultur". Er erzählt, dass in den Niederlanden rund ein Drittel aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt werden (in Deutschland sind es nur zehn Prozent), und dass auch Banker im Anzug und Frauen im Minirock aufs Rad steigen. Würden diese Leute absteigen und mit dem Auto fahren, gäbe es zwei Prozent mehr Staus.

Deutlicher werden die Vorteile einer gelungenen Fahrrad-Politik beim Umweltschutz: Im vergangenen Jahr arbeitete "Dutch Cycling Embassy" mit der Stadtverwaltung Rio de Janeiros in Brasilien zusammen. Die Experten haben ausgerechnet, dass die CO2-Emissionen dort heute schon um acht Prozent niedriger sind, als sie ohne die Nutzung von Fahrrädern wären. Dabei gibt es nur rund 270 Kilometer Radwege und 600 Leih-Fahrräder in Rio. Würde die Stadtverwaltung die Fahrradwege um gut hundert Kilometer ausbauen oder die Zahl der Fahrräder auf 3000 erhöhen, könnten noch einmal 7,5 Prozent CO2 eingespart werden. "Wichtig ist deshalb, dass wir lokale Politiker an den Tisch holen", sagt Tom Godefrooij. Sie müsse man dazu bewegen, in Infrastruktur zu investieren und damit Radfahren attraktiv und sicher machen.

London soll Paradies für Fahrradfahrer werden

Bisher spiele aber das Auto noch eine zentrale Rolle in der Verkehrsplanung und -politik, meint auch Frank Schröter, Experte für Umweltschutz in der Verkehrs- und Stadtplanung an der TU Braunschweig. Projekte wie die "Dutch Cycling Embassy" aber könnten zu einem Umdenken beitragen. "Das Fahrrad wird immer wichtiger", erklärt Schröter. "Es ist die einzige Möglichkeit, um Probleme wie Staus und vor allem Umweltbelastungen in den Griff zu kriegen."

Die Niederlande und Dänemark, wo es auch eine "Cycling Embassy" gibt, seien international Vorbilder. 30 Millionen Euro pro Jahr investiert zum Beispiel Kopenhagen in seine Fahrradinfrastruktur. Eine Summe, die London bald toppen will: Im März kündigte Bürgermeister Boris Johnson an, dass er die Stadt zum Paradies für Fahrradfahrer umbauen will. Dafür sollen umgerechnet über eine Milliarde Euro in den nächsten zehn Jahren ausgegeben werden.

Natürlich hätten die Holländer gut reden, das Land sei schön flach, räumt Tom Godefrooij ein. Meist seien aber nicht Berge das Hindernis, sondern politischer Unwille oder kulturelle Hemmungen. "In Lateinamerika wird Radfahren nur als Sport gesehen." In Indien und China träumen die Menschen vom eigenen Auto, ein Fahrrad gilt als Zeichen von Armut. "Wenn es aber gute Fahrradwege gibt, könnte sich das ändern", hofft er. "Vor allem, wenn bald niemand mehr mit dem Auto fahren kann, weil alle Straßen verstopft sind."

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".



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gekkox 20.05.2013
1. Immer der gleiche Holzweg
Ich höre immer nur Radweg, Radweg und noch mal Radweg. Haben diese selbsternannten Botschafter nicht mal bessere Ideen? Radwege reduzieren den Autoverkehr nicht um ein Auto. Radwege nehmen den Radlern das Recht dort zu fahren, wo sie hingehören. Es wird immer mit tollen Zuwachsraten beim Radverkehr gesprochen - aber niemand sagt, dass die meisten dieser Radler zuvor schon Nachhaltige Verkehrsmittel (zu Fuss oder ÖPNV) genutzt haben. In Deutschland sind die Radwegnetze in Städten wie München mittlerweile an ihrem Limit angekommen, aber jetzt müsste der Schritt vom Radweg auf die Fahrbahn stattfinden, aber dazu fehlt der politische Wille. So lange es möglich war das Fahrrad auf Kosten der Fussgänger ins Stadtbild zu quetschen fanden es alle toll - jetzt wo man dem Autofahrer seine Rechte beschneiden müsste, kommt das ganze ins Stocken.
Hamberliner 20.05.2013
2. Re: immer deg gleiche Holzweg
Zitat von gekkoxIch höre immer nur Radweg, Radweg und noch mal Radweg. Haben diese selbsternannten Botschafter nicht mal bessere Ideen? Radwege reduzieren den Autoverkehr nicht um ein Auto. Radwege nehmen den Radlern das Recht dort zu fahren, wo sie hingehören. Es wird immer mit tollen Zuwachsraten beim Radverkehr gesprochen - aber niemand sagt, dass die meisten dieser Radler zuvor schon Nachhaltige Verkehrsmittel (zu Fuss oder ÖPNV) genutzt haben. In Deutschland sind die Radwegnetze in Städten wie München mittlerweile an ihrem Limit angekommen, aber jetzt müsste der Schritt vom Radweg auf die Fahrbahn stattfinden, aber dazu fehlt der politische Wille. So lange es möglich war das Fahrrad auf Kosten der Fussgänger ins Stadtbild zu quetschen fanden es alle toll - jetzt wo man dem Autofahrer seine Rechte beschneiden müsste, kommt das ganze ins Stocken.
Und die Behauptung, die seien alle Veganer, Nichtraucher, Sitzpinkler, Grün-Wähler und Mitglieder bei VCD und PETA hast Du vergessen. Solche Behauptungen belegt man mit Quellenangaben, oder man lässt sie bleiben. Radbenutzer wie nicht nur ich, sondern auch meine zahlreichen radelnden Kollegen, wollen unkompliziert und kostengünstig von A nach B kommen, die Motoren und Batterien unserer Motorräder und Autos vor vielen Kaltstarts und Kurzstreckenverkehr schonen, genießen dass uns der Benzinpreis nicht juckt, unser Flensburger Punktekonto schonen und dabei unser Sport-Defizit etwas ausgleichen. Andere Verkehrsteilnehmer zu behindern oder ganz einfach Leute zu ärgern ist nicht unser Ziel. Wir lassen uns nicht von irgendwelchen Taliban vereinnahmen und fahren - soweit vorhanden - auf dem Radweg.
_Flyn_ 20.05.2013
3. Motorroller?
Zitat von sysopBenjamin DürrStrampeln statt Stau: Fahrräder können in den boomenden Schwellenländern Umweltprobleme lösen und drohende Verkehrsinfarkte verhindern. Die Niederlande senden deshalb Botschafter aus, die für das Rad als Verkehrsmittel werben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/niederlande-werben-fuer-rad-als-verkehrsmittel-a-898759.html
Motorroller sollten doch in etwa genau so flexibel und agil im Verkehrsfluss sein wie Fahrräder...
gekkox 20.05.2013
4. @Hamberliner
Die Zahlen findest Du einfach in dem 1000x zitierten Modal-Split Angaben. Der Autoanteil ist dort seit Jahrzehnten quasi gleich - der Fussgängeranteil ist dafür enorm gesunken. Jetzt kannst Du 2 2 zusammen zählen. Und warum das Veganer sein sollen, dass verstehe ich nicht. Und wenn Du meinst, dass Du als Radfahrer einen Autofahrer behinderst, dann machst Du einen Denkfehler, aber Du kannst Dich gern weiter als drittklassiger Verkehrsteilnehmer als grünes Feigenblatt Deiner Stadt vereinnahmen lassen.
mikaiser 21.05.2013
5. Taliban?
@ Hamberliner: Welche Taliban? Was soll die Bemerkung am Ende eines ansonsten vernünftigen Beitrags? @ gekkox: In Berlin gibt es wesentlich mehr Radfahrer als zuvor. Der Ausbau der Rad-Infrastruktur geht sehr wohl auch zu Lasten des Autoverkehrs. Die Radwege-Benutzungspflicht wurde nur noch für gut ausgebaute Radwege beibehalten. Ansonsten kan der Radler zwischen Radstreifen und Fahrbahn wählen.
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