Anleihekäufe gegen Deflation Draghi bricht das nächste Tabu

Im Kampf gegen die drohende Deflation ist die Europäische Zentralbank bereit, eine Revolution zu wagen. Sie erwägt, in großem Stil Anleihen am Kapitalmarkt aufzukaufen. Dagegen hatte sich die Bundesbank gewehrt, nun lenkt sie womöglich ein.

Von


Frankfurt am Main/Hamburg - Die Europäische Zentralbank (EZB) bereitet den Weg für bisher beispiellose Maßnahmen im Kampf gegen die drohende Deflation. "Im EZB-Rat herrscht Einstimmigkeit, gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen unseres Mandats einzusetzen, wenn die Inflation zu lange sehr niedrig bleibt", sagte Notenbank-Präsident Mario Draghi am Donnerstag nach der monatlichen Sitzung des EZB-Rats in Frankfurt am Main. "Wenn nötig, können wir schnell handeln".

Abstrakter Notenbanker-Jargon, hinter dem sich womöglich eine kleine Revolution verbirgt. Denn erstmals betonte Draghi, dass man auch über ein Programm zum Aufkauf von Wertpapieren am Kapitalmarkt gesprochen habe. Man mache sich Gedanken darüber, wie genau ein solches Programm auszugestalten sei, um möglichst wirkungsvoll zu sein. Zudem habe man auch über einen Negativzins für Banken beraten, die ihr Geld bei der EZB parken.

Die für Notenbanker ungewöhnlich deutlichen Worte zeigen, wie ernst die EZB das Problem der drohenden Deflation, also einer Phase sinkender Preise, offenbar nimmt. Einzelne Länder, wie Griechenland und Spanien sind bereits in die Deflation gerutscht. Und die Euro-Zone als Ganzes ist zumindest ziemlich nah dran. Im März lag die Inflationsrate gerade mal bei 0,5 Prozent, die Verbraucherpreise waren also im Durchschnitt nur minimal höher als ein Jahr zuvor.

Für eine Volkswirtschaft ist das problematisch. Wenn die Preise erst einmal fallen, droht eine Abwärtsspirale, die auch mit niedrigeren Investitionen und sinkenden Löhnen einhergeht. Die EZB peilt deshalb eigentlich als eine Art Puffer eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent an - ein Wert, den sie jedoch schon seit Monaten deutlich unterschreitet.

Zuletzt hatte deshalb auch die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, Alarm geschlagen und die EZB zu ungewöhnlichen Schritten aufgerufen: "Eine potentiell längere Phase mit geringer Inflation kann die Nachfrage und das Angebot unterdrücken - und Wachstum sowie die Entstehung von Arbeitsplätzen verhindern", hatte Lagarde gesagt.

"Unterschiedliche Meinungen" über die Inflationszahlen

Nun machte Draghi klar, dass die Notenbanker eingreifen werden, falls die Inflationsrate nicht bald wieder steigt. Besonders spannend dürfte deshalb werden, wie sich die Teuerung im April entwickeln wird.

Fotostrecke

4  Bilder
Gefährlicher Preisverfall: Wie Deflation entsteht
Viele Ökonomen erwarten, dass der extrem niedrige Wert im März nur eine Ausnahme war, der unter anderem auf die späten Osterferien und die damit verschobenen Ausgaben in diesem Jahr zurückzuführen sei. Im laufenden Monat werde sich die Inflationsrate daher wieder stabilisieren.

Eine ähnliche Diskussion gab es offenbar auch im EZB-Rat, in dem sich monatlich die 18 Chefs der nationalen Notenbank und das sechsköpfige Direktorium der EZB treffen. Es habe "unterschiedliche Meinungen darüber gegeben, ob die jüngsten Zahlen den mittelfristigen Ausblick ändern", sagte Draghi nach der Sitzung. Man benötige nun mehr Informationen.

Wegen dieser Unsicherheit haben die Notenbanker auch den Leitzins, zu dem sich Banken bei der EZB Geld leihen können, erst einmal bei 0,25 Prozent gelassen. Auf diesem historisch niedrigen Niveau liegt der Satz bereits seit November. Experten halten eine weitere Zinssenkung nun aber für wahrscheinlich, falls sich die niedrigen Inflationsraten fortsetzen sollten. "Jede weitere negative Überraschung könnte zunächst eine Zinssenkung auslösen und dann, wenn der Schock sehr ernsthaft ist, sogar Wertpapierkäufe", kommentierte Christian Schulz von der Hamburger Berenberg Bank.

Der Widerstand der Bundesbank scheint gebrochen

Der Aufkauf von Anleihen am Kapitalmarkt wird im Fachjargon Quantitative Easing genannt und gilt als eine Art letzte Waffe im Kampf gegen Deflation und Wirtschaftsflaute. Indem eine Notenbank private oder staatliche Anleihen aufkauft, erhöht sie die Nachfrage nach diesen Papieren und senkt damit das gesamte Zinsniveau am Markt. Das gilt vor allem für die langfristigen Zinsen, die die Notenbank sonst mit ihrer normalen Geldpolitik kaum beeinflussen kann.

Niedrige Zinsen wiederum bedeuten billige Kredite und stützen die Konjunktur. Und wenn die Wirtschaft brummt, steigen auch die Preise wieder - so zumindest die Hoffnung hinter dem Quantitative Easing.

Während die Zentralbanken in den USA, Großbritannien oder Japan diese Waffe schon länger und weitgehend unbehelligt von öffentlichen Diskussionen einsetzen, galten die Ankäufe in Europa im Kampf gegen die Deflation bisher als tabu. Lediglich in der Euro-Krise nutzte man sie für kurze Zeit, um die Zinsen für Staatsanleihen der Krisenländer zu drücken - gegen den erbitterten Widerstand der Bundesbank, die darin verbotene Staatsfinanzierung witterte.

Auch beim Quantitave Easing war die Bundesbank bisher der Bremsklotz. Sie fürchtete die möglichen Nebenwirkungen einer solchen Politik. Durch das Quantitative Easing wird nämlich zusätzliches Geld in den Markt gepumpt, die Geldmenge steigt also. Das kann zu Spekulationsblasen auf einzelnen Märkten wie zum Beispiel bei Immobilien führen. Langfristig besteht auch die Gefahr einer zu hohen Inflation.

Ende März hatte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann seine harte Haltung in einem Interview aber deutlich aufgeweicht und Anleihekäufe nicht mehr ausgeschlossen - offenbar ein Manöver in Vorbereitung der jetzt erfolgten "einstimmigen" Ankündigung der EZB.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 331 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Herr_Peter 03.04.2014
1. Ist doch alles supi
Niedrige Zinsen, Minilöhne und nun auch noch eine Geldschwemme lassen die Wirtschaft brummen. Hat alles Frau Merkel gemacht!
dschmi 03.04.2014
2. Wie kann das sein?!
Die AfD hat dies vor Jahren prophezeit... Wie kann das sein? Die Medien sagten alle damals das es Panikmache sei von Rechtspopulisten... Wie kann das sein?!
Progressor 03.04.2014
3. Noch mehr Geld?
Wenn die EZB Anleihen am Kapitalmarkt kauft, dann bekommen Leute das Geld die doch gerade eben deutlich bewiesen haben, dass sie es nicht für Kosum oder Investitionen benötigen. Und wenn die Zinsen dann um Euroland sinken, ja mein Gott, dann werden halt Anleihen aus Sudafrika gekauft. Merke: Die Zentralbanken können die _nachfagewirksame_ Geldmenge nicht bestimmen. Genau das ist aber im Euroland nötig.
Baikal 03.04.2014
4. Ein Italiener läßt
eben Italien nicht im Stich und ein Goldman Sachs-Italiener die Finanzmafia nicht.
schwaebischehausfrau 03.04.2014
5. Die Bundesbank kapituliert...
..und damit ist nullkommagarnichts mehr übrig von vollmundigen Versicherungen vor der Euro-Einführung, "der Euro werde genauso hart + stabil wie die DM " sein und die EZB werde 1:1 die Stabilitätspolitik einer Bundesbank weiter fortführen. Wie naiv und dämlich müssen eigentlich Kohl und Konsorten gewesen sein um zu glauben, dass sich die wenigen Länder mit einer halbwegs seriösen Geldpolitik im Euroraum gegen die große Mehrheit derer durchsetzen könnten, die schon immer eine ausufernde Inflation befürwortet haben. Deutschland hat sich wie ein Anfänger ködern lassen und muß jetzt die Rechnng zahlen, indem es so oder so über "Rettungspakete" Target-Salden, Minizinsen und aufkommende Inflation in einer Transfer-Union gelandet ist und ausgenommen werden wird wie eine Weihnachtsgans. Der "Einheitskanzler" war in Wirklichkeit ein Ausbund an Naivität und der Super-Gau für Deutschlands Zukunft. Und Engländer, Schweden, Dänen lachen sich jeden Tag über die dummen Deutschen einen Ast...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.