Illegale Exporte Deutscher Elektroschrott verseucht Nigeria

Tausende Tonnen gebrauchter Kühlschränke und Elektronik werden aus Deutschland nach Nigeria verschifft, illegal. Mehr als 500.000 Nigerianer leben von einem Handel, der ihre Heimat vergiftet.

Ida Eri Sorbye

Von Ida Eri Sørbye, Marthe Vee, Freja Eriksen, Idris Akinbajo und Franziska Bauer



Die Aufkäufer


Die Billstraße, ungefähr fünf Kilometer vom Hamburger Hafen entfernt gelegen, ist Knotenpunkte eines weltweiten Milliardenhandels. Vor den Geschäften werden täglich alte Stereoanlagen und vergilbte Kühlschränke in Minivans verladen. Aus seinem Lager verkauft Muhammad Aziz seit elf Jahren gebrauchte Elektrogeräte. Die meisten seiner Kunden fliegen aus Westafrika ein. "Die Afrikaner kaufen vor allem Kühlschränke. Es ist heiß dort unten", sagt er.

Elektroschrott in der Hamburger Billstraße
Freja Eriksen

Elektroschrott in der Hamburger Billstraße

Aziz spürt die Güter in Internetanzeigen, auf Flohmärkten und bei privaten Anbietern auf, die Geräte aus zweiter Hand kaufen. Dann bietet er sie Händlern an, von denen viele aus Nigeria stammen. Sie füllen Container und Autos bis zum Anschlag mit gebrauchten Produkten aller Art.

"Wir nennen sie Abfalltouristen", sagt Henning Boje von der Wasserschutzpolizei in Hamburg über Aziz' Kunden. "Die reisen für drei Monate ein, kaufen Gebrauchtwaren auf, packen die Container voll und reisen dann wieder aus."

Mehr als die Hälfte ist Schrott

Wenn sie auseinandergenommen werden, enthalten alte Geräte gefährliche Chemikalien und Metalle wie PCB. Es ist aus diesem Grund illegal, den Elektromüll in Länder zu exportieren, die schlechtere Wiederverwertungsmethoden besitzen als das eigene. So bestimmt es das im EU-Recht verankerte Baseler Übereinkommen über die Kontrolle gefährlicher Abfälle.

Kein afrikanisches Land besitzt Methoden, um giftigen Elektroschrott angemessen zu recyceln. Obwohl Deutschland 2015 die Entscheidung traf, dass alle gebrauchten Produkte vor der Ausfuhr geprüft werden müssen, werden Tausende von Tonnen elektronischer Geräte jedes Jahr über die Grenzen geschleust.

Das Problem: In der Praxis können die Behörden bei Kontrollen kaum mit Sicherheit sagen, welche Geräte lediglich gebraucht und defekt sind - und welche tatsächlich nur noch Schrott.

Henning Boje von der Wasserschutzpolizei schätzt, dass mehr als die Hälfte der Gebraucht-Exporte aus Hamburg in Wahrheit Schrott sind.

Keine Statistik zeigt genau, wie viel gebrauchte Elektronik Deutschland jedes Jahr verlässt. Für das Jahr 2008 taxierte eine Untersuchung des Ökopol-Instituts das Volumen aber auf 155.000 Tonnen. Das europäische CWIT-Projekt - an dem unter anderem auch Interpol beteiligt war - geht von 1,3 Millionen Tonnen gebrauchter Elektronik aus, die jedes Jahr die EU verlasse - und zwar undokumentiert. Elektroschrott könnte 2017 zu einem der größten Zweige illegaler Ausfuhren des Kontinents werden.


Der Umschlagplatz


Jeden Tag kommen rund fünfzig Container mit gebrauchten elektronischen Artikeln an Westafrikas größtem Elektromarkt in Nigerias Millionenmetropole Lagos an. Die Händler am Alaba International Market sind daran gewöhnt, dass viele der eingeführten Produkte nicht intakt sind.

"Von hundert Computern, die hereinkommen, sind vielleicht dreißig perfekt. Bei siebzig gibt es irgendeine Schwierigkeit", sagt der Händler Carl. Seinen Nachnamen will er lieber nicht preisgeben.

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Illegaler Handel mit Nigeria: Giftiger Schrott

Seit fünf Jahren verkauft er an einem kleinen Schreibtisch unter einem Sonnenschirm gebrauchte Laptops, die aus den Containern entladen werden. Um ihn herum wimmelt es vor Menschen, verhedderten Kabeln, türmen sich DVD-Player.

Müllsammler nehmen Hauptplatinen von Hand auseinander

Jedes Jahr fallen in Nigeria 400.000 Tonnen Elektroschrott an. Weil das Land keine adäquaten Recyclinganlagen besitzt, übernimmt eine informelle Kette an Schrottarbeitern diese Funktion.

Rund fünfzig von ihnen arbeiten bei Tajudeen, in einem Hinterhof im Norden von Lagos. Sie ziehen mit Metallwagen durch die Straßen der Großstadt, lesen altes Metall auf und kaufen allerlei Elektronik ein. Die oft minderjährigen Arbeiter nehmen per Hand alte Hauptplatinen auseinander. Sobald die Geräte zerlegt sind, verkauft Tajudeen die wertvollen Materialien - Aluminium, Kupfer, Eisen und Gold - an private Käufer.

Ein riskanter Verdienst: Die Wiederverwertung sei gefährlich für die Arbeiter selbst und ihre Umgebung, sagt Oladele Osibanjo. Er ist Professor für Umweltchemie und Nigerias führender Experte für elektronischen Schrott. "Es ist nicht nur Elektronik, die weggeworfen wird, es sind die schädlichen Chemikalien."

Die Arbeiter werden krank davon

Die Ojota-Deponie liegt auf einer Ebene unterhalb der Stadtautobahn im Zentrum vom Lagos. Sie ist einer von vielen inoffiziellen Schrottplätzen. Hier werden große Elektrogeräte wie Kühlschränke und Waschmaschinen manuell zerlegt. Ein junger Arbeiter in Flipflops nimmt einen alten Motor mit Hammer und Brechstange auseinander. "Wir arbeiten mit Schrott. Davon leben wir: Schrottreichtum", sagt Ibrahim Soya, Ojotas Gewerkschaftsführer.


Die Schraub-Könige


"An solchen Orten fließen Chemikalien direkt in den Boden", kritisiert Umweltexperte Osibanjo. Die Arbeiter werden krank davon, weil sie ohne Sicherheitsausrüstung arbeiten. Doch auf Secondhand-Elektronik zu verzichten, sei auch keine Lösung, sagt er. Von 173 Millionen Verbrauchern in Nigeria könnten sich nämlich gerade einmal 20 Prozent Neuware leisten. Gebrauchte Ware habe deshalb für viele seiner Landsleute noch einen großen Wert.

Eine davon ist Elizabeth Amuzu. Sie arbeitet in einem kleinen Friseursalon in Lagos. Ihr Wasserkocher, Bügeleisen und Gefrierschrank sind alle gebraucht. Wie die junge Frau glauben viele Nigerianer, dass deutsche Artikel aus zweiter Hand qualitativ besser und günstiger sind als andere Neugeräte.

"Obwohl die Güter in einem Teil der Welt als Müll gelten, sieht sie ein anderes Volk als Ressource", sagt Wissenschaftler Segun Odeyingbo. Er hat fünf Monate lang Elektroschrott-Einfuhren in den Häfen von Lagos untersucht. Die meisten importierten defekten Produkte könnten relativ leicht wieder funktionsfähig gemacht und fünf bis sechs Jahre weitergenutzt werden. Mehr als 500.000 Leute lebten in Nigeria davon, elektrische Geräte zu reparieren, und sie seien sehr gut geschult.

Sie reparieren wie Genies

Professor Osibanjo träumt davon, den Status aller Arbeiter in Nigerias Elektroniksektor aufzuwerten: "Wir sollten sie aus der Armut herausholen, weil diese Leute wirkliche Genies sind." Das Talent der Schrauber sei eine Chance: Professioneller betrieben könnten sie in einem formellen Industriezweig sogar noch mehr Reparaturen und elementare Zerlegungen durchführen. Der Einsatz teurer Recyclinganlagen sei in Nigeria in der nahen Zukunft unwahrscheinlich.

Rüdiger Kühr, deutscher Uno-Experte für Elektroschrott, sieht das genauso. Nigeria habe "weder die Technologie, noch die Infrastruktur dafür. Um dies umzusetzen, müssten Milliarden investiert werden." Kühr ist Mitbegründer von StEP, einer Initiative, die das Schrottproblem bewältigen will. Europa müsse vermeiden, "dass unsere Elektronik als Gefahr für die Umwelt endet". Europäische Einrichtungen und Firmen könnten mit Ländern wie Nigeria kooperieren und E-Schrott zurückkaufen, sagt Kühr.

Das würde allerdings voraussetzen, dass Nigeria zum Verkauf bereit wäre - und Europa die kaputten Geräte zurücknähme. Bis es so weit ist, wird der Handel weiter florieren - und Schadstoffe werden Menschen und Umwelt in Westafrika belasten.

Diese Reportage wurde durch ein Stipendium von journalismfund.eu gefördert

Mehr zum Thema: Die Elektroschrott-Republik - Müllverwertung in Ghana



insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
reineralex 16.08.2017
1. Sind das Neuigkeiten?
Die Dinge sind seit vielen Jahren bekannt. Und? Passiert eh nichts; außer der Kauf eines noch so modernen Elektronikzeugs.
mrotz 16.08.2017
2.
Und ohne diesen "Müll" hätten die Nigerianer nichteinmal ein paar Groschen. Warum sollte unser Müll nicht in Nigeria verwertet werden. Das dortige Recycling kann ja nach und nach umweltschonender ausgebaut werden. mfg
peter.di 16.08.2017
3. Dann sollte Nigeria den Elektroschrott nicht nehmen
Wenn dann das Problem besteht, dass die 500.000 keinen anderen, besseren Job finden, dann sollte die Regierung Nigerias an diesem Problem arbeiten.
Marvel Master 16.08.2017
4.
Nur mal so hypothetisch gefragt. Angenommen man verschifft den Kram nicht mehr nach Afrika. Dann sind die 500.000 Leute dort arbeitslos und verhungern. Ok, kann man machen. Ein Thema was in die selbe Richtung geht wäre jetzt noch die Textilproduktion in Asien/etc. wo die Menschen dort zu unwürdigen Bedingungen und extrem schlechten Lohn schuften. Wir lassen also wieder Schuhe + Kleidung in Deutschland produzieren bei normalen Löhnen. Folge ist, dass die Leute in Asien kein Job mehr haben und auch verhungern. Es wird ja nur dort produziert, weil hier noch die Löhne so hoch sind. Adidas hat kürzlich angefangen seine Sportschuhe zum Teil in Deutschland wieder zu produzieren, weil Maschinen inzwischen dazu in der Lage sind. Jetzt könnte man mal über das Jahr 2030 nachdenken wenn Maschinen Kleider nähen, Taxis/LKWs fahren können oder auch mal Pakete ausliefern können. Das könnte noch interessant werden. ;-)
Kamillo 16.08.2017
5.
Zurückkaufen? Was ein Unsinn. Besser dafür sorgen, dass der Schrott erst garnicht dorthin gelangt!
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