Nobelpreis für US-Ökonomen Attacke gegen den Zocker Trump

Die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises gerät zum Plädoyer gegen die Erderwärmung: Die Preisträger fordern eine Strafsteuer auf C02 - und die Akademie sendet politische Botschaften an den US-Präsidenten.

William D. Nordhaus
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William D. Nordhaus

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Die königlich-schwedische Wissenschaftsakademie zeichnet seit Jahren mit gewisser Konsequenz Ökonomen mit dem Nobelpreis aus, deren Leistung auch darin besteht, anderen Wirtschaftswissenschaftlern Dinge nahegebracht zu haben, die breitere Bevölkerungsschichten zum gesunden Menschenverstand zählen würden.

2013 wurde so der US-Ökonom Robert Shiller ausgezeichnet, ein Verhaltensökonom, gewürdigt für die Erkenntnis, Finanzmärkte seien vielleicht doch nicht ganz so effizient und rational, wie bis dahin behauptet. Im vergangenen Jahr dann war Richard Thaler an der Reihe. Thaler, 72, galt sein halbes Leben seiner eigenen Zunft als wunderlicher Außenseiter - weil er nachweisen konnte, dass Menschen nicht in allen Situationen kühl kalkulierende Nutzenmaximierer sind, sondern regelmäßig der innere Schweinehund das Kommando übernimmt.

Nur vordergründig trivial

Die diesjährigen Preisträger scheinen dieses Vergabemuster zu bestätigen: Der Preis wird zwischen den beiden US-Ökonomen William D. Nordhaus, 77, und Paul A. Romer, 62, geteilt. Nordhaus hat die Erkenntnis in ökonomische Modelle gefasst, dass das Verfeuern fossiler Energieträger langfristig zu höheren Kosten führt als nur dem gezahlten Kaufpreis, nämlich zu Umweltzerstörung und Klimawandel.

Romer wiederum wird für - wie es in der Jurybegründung ein wenig verschwurbelt heißt - "die Integration technologischer Innovation in die langfristige makroökonomische Analyse" ausgezeichnet. Anders gesagt: Wachstum entstehe nicht nur durch mehr Einsatz von Kapital und Arbeit, sondern auch durch neue Erfindungen.

Ganz so trivial, wie es sich anhört, ist das allerdings nicht. Tatsächlich arbeitet sich die Jury nur langsam durch die ökonomische Grundlagenforschung der vergangenen Jahrzehnte. Romers und Nordhaus' Arbeiten stammen zum Großteil aus den Achtzigerjahren. Scheinbar allgemeingültig wirken ihre Erkenntnisse im Jahr 2018 auch deshalb, weil ihre Ideen das Denken heute maßgeblich mitbeeinflusst haben.

Zwei Brüder für das Klima

Besonders deutlich wird das bei Preisträger Nordhaus: Sein erstes wegweisendes Forschungspapier datiert auf das Jahr 1973 - also lange bevor öffentliche Debatten über den Klimawandel geführt wurden.

Nordhaus' Interesse an Nachhaltigkeit wurzelt tief. Sein Vater war Experte im Bereich Energierecht und setzte sich für die Belange amerikanischer Ureinwohner ein. Vor dem US Surpreme-Court setzte Nordhaus senior durch, dass Mitglieder des Stammes der Apachen an den Fördereinnahmen einer Ölfirma beteiligt wurden.

William Nordhaus älterer Bruder Bob schlug eine ähnliche Laufbahn ein. Er wurde Jurist und galt bis zu seinem Tod im Jahr 2017 als einflussreicher Umweltlobbyist in Washington. Im Jahr 1970 schrieb Bob Nordhaus im Weißen Haus an einem Gesetz namens "Clean Air Act" mit. Die schädliche Wirkung von C02 war damals noch nicht bekannt - der Jurist Nordhaus schrieb aber vorausschauend einen Passus zu noch unbekannten "Schadstoffen der Zukunft" in das Gesetz. 2009 konnte sich deshalb US-Präsident Barack Obama darauf berufen, bei einem Versuch, die Klimaschutzblockade der Republikaner mit dem bereits verabschiedeten alten Gesetz zum umgehen.

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Wirtschaftsnobelpreisträger: Männer, Männer, eine Frau

Der Forscher William Nordhaus wiederum stellte Anfang der Neunzigerjahre seine vielleicht wichtigste Arbeit vor, ein ökonomisches Modell. Er taufte es "DICE", das steht einerseits für "Dynamic Integrated Climate-Economy Modell". "Dice" ist aber auch der englische Begriff für ein Würfelspiel und als Begriff nicht zufällig gewählt, "weil wir mit unserer Zukunft zocken", wie Nordhaus einmal sagte. Nordhaus kam damals zu dem Schluss, dass jede Tonne ausgestoßenes Kohlendioxid langfristig 20 bis 30 Dollar an weiteren Kosten auslöse - und C02-Reduktion damit nicht nur ein Akt des Umweltschutzes, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll sei.

Darauf baut auch die Idee einer von Nordhaus befürworteten Kohlendioxidsteuer auf. Das Prinzip: Der Staat erhebt eine hohe Strafsteuer auf fossile Brennstoffe - reicht die daraus erzielten Einnahmen aber direkt an die Bürger weiter, unabhängig von deren Energieverbrauch. Eine solche Steuer wurde bereits vor einigen Jahren weitgehend erfolgreich in der Schweiz eingeführt und wird derzeit auch wieder in den USA diskutiert (mehr zu dem Konzept erfahren Sie hier ).

Romer wiederum hat sich in den vergangenen Jahren auch mit unverhohlener Kritik an seiner eigenen Zunft einen Namen gemacht. "Die Methoden und Schlussfolgerungen der Makroökonomie sind soweit verkommen, dass viele Arbeiten nicht mehr als wissenschaftliche Forschung durchgehen", schrieb er. Das gehe so schon seit drei Jahrzehnten.

Überkreuz mit der eigenen Zunft

Die schwedische Akademie hat Romer am Montag früh aus dem Bett geklingelt. Er ist Inhaber eines wichtigen Lehrstuhls an der Stern School of Business der New York University. Bei einer kurzen Fragerunde mit Journalisten widerholte Romer seine Kollegenschelte. Es fiel der Begriff "nebelige Mathe". "Mathematik ist eine Sprache, und wir alle sollten versuchen, sie zu klarer Kommunikation zu nutzen", sagte Romer. Bedauerlicherweise würden mathematische Formeln aber immer häufiger nicht zur Präzisierung einer Aussage verwendet, sondern um zu verschleiern, dass es dem Autor in Wahrheit nur um einen pseudowissenschaftlichen Nachweis für seine ideologische Agenda gehe.

Der Klimaökonom Nordhaus hingegen war kurzfristig nicht ans Telefon zu bekommen. An seiner Stelle beantwortete Romer einige Fragen zum Thema Klimawandel, die Frage bewegt auch ihn. Das größte Hindernis im Kampf gegen die Erderwärmung sei die Apathie der Menschen. Immer neue Horrorszenarien hinterließen bei vielen den Eindruck, "dass die Natur zu schützen so schwierig ist, dass sie es der Einfachheit halber lieber ignorieren".

Dabei lägen inzwischen mit Konzepten wie der Kohlendioxidsteuer gute Werkzeuge auf dem Tisch. "Und wenn wir erst einmal damit anfangen, werden wir überrascht sein, dass es gar nicht so kompliziert ist, wie wir dachten". Ähnlich sei es vor einigen Jahrzehnten mit dem Kampf gegen das Ozonloch gewesen. Der habe in der Öffentlichkeit ebenso aussichtslos gewirkt, sei inzwischen aber weitgehend erfolgreich.

Die letzte Frage musste dann aber die Akademie beantworten. Ob denn die aktuelle "politische Unsicherheit" eine Rolle bei der Auswahl der Preisträger gespielt habe. Das war eine diplomatische Umschreibung für: Ist der Preis ein gezieltes Signal gegen US-Präsident Donald Trump, der nichts vom Klimawandel hören will - und aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen ist?

"Ehrlicherweise denke ich, dass es da keinen starken Zusammenhang gibt", lautete der erste Teil der Antwort. Die Botschaft sei, dass es "globale Probleme gibt, zu deren Lösung die ganze Welt zusammenkommen muss. Länder müssen zusammenarbeiten."

Das wirkte dann allerdings doch wie ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Trump.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels hieß es, Romer sei Professor in Yale. Das ist nicht korrekt: Er unterrichtet an der Stern School of Business der New York University. Sein Kollege Nordhaus ist Professor in Yale. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 08.10.2018
1. Die frisch gekürten Nobelpreisträger
aus den USA sollten ihrem Präsidenten mal mit ganz einfachen Worten (sozusagen kindgerecht) den Klimawandel und dessen Folgen erklären. Vielleicht ist Trump ja doch lernfähig.
Benjowi 08.10.2018
2.
Politische Botschaften an den derzeitigen US-Präsidenten wegen der Erderwärmung? Das ist wohl eher vergebliche Liebesmüh-Erderwärmung kommt in dessen Weltbild nicht vor, schon gar keine von Menschen verursachte!
ch3_94 08.10.2018
3. Die frisch gekuerten Nobelpreistraeger
sollten dem Praesidenten einmal kindgerecht den Klimawandel erklaeren ........ Bitte nicht die Farbtafeln vergessen, und keinesfalls mehr als 3 Farben verwenden, sonst ist der Mann uebefordert
kuac 08.10.2018
4.
Eigentlich hat Trump den Preis für seine Entdeckung verdient, dass das Klimaproblem eine Erfindung der Chinesen ist, um die US Wirtschaft zu schaden!
palla-manfred 08.10.2018
5. C-O-2 ist kein Schadstoff - so wenig wie Sauer-und Stickstoff beim ...
A T M E N !!! - allerdings dann doch ein "TreibhausGas", weil es zur WachstumsFörderung in TREIB-Häusern eingeblasen wird - und für den "leidlich gemssenen" TemperaturAnstieg der letzten vier Dekaden kommt wohl eher der vervielfachte FLUG-Verkehr in 10 Km Höhe in Frage - dessen C-O-2 -Eintrag beläuft sich zurzeit in der GrössenOrdnung des gesamten BRD-Ausstosses - dieser widerum beträgt keine DREI Prozent (drei v. hundert) weltweit betrachtet - FLUG-Verbote nach 9/11 haben damals (2001) nachts eine verstärkte Abkühlung am Boden in den USA bewirkt ;-)
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