Nobelpreis-Träger Yunus Business statt Almosen

Die Grameen-Bank nimmt 20 Prozent Zinsen. Trotzdem bekam Muhammad Yunus für ihre Gründung den Friedensnobelpreis - denn das Geldinstitut vergibt Kleinstkredite an Mittellose, damit sie ein Kalb oder eine Nähmaschine kaufen. Millionen Arme wurden so schon Unternehmer.


Hamburg - Wenn Muhammad Yunus auf der Straße von einem verkrüppelten oder blinden Mann angebettelt wird, geht er grundsätzlich vorbei, ohne auch nur ein paar Cent aus der Tasche zu ziehen. "Manchmal fühle ich mich schrecklich. Aber dann halte ich mich selbst im Zaum", sagte der 66-Jährige mit dem schlohweißen Schopf und dem sanften Lächeln in einem Interview vor zwei Jahren. "Ich möchte das Problem lieber lösen als eine Hand zu reichen und die Person für einen Tag zu versorgen."

Yunus mit seiner Tochter Dhaka: "Ich fing an, mich selbst zu hassen"
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Yunus mit seiner Tochter Dhaka: "Ich fing an, mich selbst zu hassen"

Diesem Vorsatz folgt der Mann aus Bangladesch strikt. 1976 gründete die Grameen-Bank, die inzwischen Kleinstkredite an rund 6,6 Millionen arme Menschen vergeben hat. Die Kreditnehmer kaufen sich davon eine Nähmaschine, ein Kalb oder eine Wasserpumpe, um Trinkwasser zu verkaufen. Studien zufolge hat jeder zweite Grameen-Kunde mit einem eigenen Unternehmen den Sprung aus der Armut geschafft. Oft sind es kleine Beträge, deretwegen Menschen ein Leben lang zur Armut verdammt sind. Das ist die schlichte Logik hinter Yunus Geschäftsidee.

Nicht, dass er selbst Armut schon einmal am eigenen Leibe erfahren hätte. Der Vater war Goldschmied, und so machte Yunus zunächst eine recht typische Karriere für einen Sohn aus gutem Hause. Er studierte Volkswirtschaften und zog anschließend zum Promovieren an die Vanderbilt-Universität nach Tennessee, ausgestattet mit einem Fulbright-Stipendium. 1972 wurde er Professor an der Universität in seiner Heimatstadt Chitttagong. Er kümmerte sich um volkswirtschaftliche Rechnungen, die mit "astronomischen Summen hantierten", schrieb er später verächtlich. Ihm gegenüber im Hörsaal saßen Kinder wohlhabender Eltern. Er hatte sich perfekt von der Armut in seinem Lande isoliert.

Doch 1974 raffte nach der Unabhängigkeit von Pakistan eine Hungersnot Hunderttausende Menschen in Bangladesch dahin. Da wachte er auf. "Ich fing an, mich selbst zu hassen, die Arroganz, in der ich tat, als wüsste ich mit meinen eleganten Wirtschaftstheorien die Antwort."

Also machte er sich mit seinen Studenten auf in die Dörfer. In der Ortschaft Jobra hatte er die schicksalshafte Begegnung mit Sofia Katun - von ihr berichtet Yunus seitdem immer, wenn er nach dem Ursprung seiner Idee gefragt wird. Sie zeigte ihm, dass schon Summen, die sich im Kopf ausrechnen lassen, reichen, um Armut zu bekämpfen.

"Bankier der Armen" ist keine Beleidigung für ihn

Die Korbflechterin baute Stühle und Hocker. Doch die Weiden dafür konnte sie nicht bezahlen - diese musste sie sich von einem Händler besorgen, der dafür später ihre Produkte vertrieb. Den Großteil des Gewinns sackte er ein.

"Das war rundum und vollständig inakzeptabel", sagte der Professor später empört. Dabei reichten der Frau schon 27 Dollar, um die Weiden einmal selbst zu kaufen - und ihr Geschäft ab da allein zu betreiben. Das habe die Studentengruppe damals ausgerechnet. Und damit das Grameen-Projekt geboren.

Yunus gab einigen Frauen aus dem Dorf zunächst aus eigener Tasche Kredit. Als seine Studenten den Erfolg sahen, waren sie schnell bereit, ebenfalls bei der Kreditversorgung mitzuwirken. 1983 wurde Grameen offiziell zur Bank. Die Prinzipien, die heute für die Kredite gelten, sind ziemlich ungewöhnlich. So vergibt Grameen inzwischen fast nur noch Geld an Frauen - weil diese einfach sorgsamer mit dem Geld umgehen, sagt er. Eine Revolution in der vom Islam geprägten Gesellschaft in Bangladesch. Außerdem müssen sich jeweils fünf Kreditnehmerinnen zusammentun und regelmäßig beraten. Sie verpflichten sich, die Kinderzahl zu begrenzen, Wasser nur abgekocht zu trinken und möglichst viel Gemüse anzubauen.

Die Regeln, sagt Yunus, seien aus der täglichen Erfahrung im Kampf gegen die Armut heraus entstanden. Genau wie seine eigenen Überzeugungen - und sein Idealismus.

Als er seine ersten Kredite vergeben habe, sei er überrascht gewesen, das Geld so schnell zurück zu bekommen. Heute verweist er stolz auf die Ausfallrate bei seiner Bank: Die liege bei gerade mal einem Prozent. Auch Analphabeten können erfolgreich Unternehmen führen, davon ist Yunus jetzt fest überzeugt. Sie seien vom täglichen Überlebenskampf geschult.

Die erste Kundin musste später wieder betteln

Seine Ansichten haben manche Debatte in der Entwicklungshilfe provoziert. Er spricht sich gegen einen kompletten Schuldenerlass für Dritte-Welt-Länder aus - weil die Regierungen lernen müssten, Verantwortung zu tragen. Man müsse kein Mitleid mit den Armen haben, sagte Yunus in einem Reuters-Interview: "Sie können für sich selber sorgen." Die Bezeichnung "Bankier der Armen" empfindet er sicherlich nicht als Beleidigung.

Das Konzept der Grameen-Bank wurde inzwischen in mehr als 100 Staaten kopiert. Und Yunus konnte sogar noch ein zweites Unternehmen aufbauen: die Telefongesellschaft Grameen Phone. Bei dem Unternehmen können Frauen zu "Telephone Ladies" werden: Sie bekommen einen Kredit für ein solargespeistes Mobiltelefon, das sie verleihen können. Später erwerben sie Anteile an der Gesellschaft. Grameen Phone ist nach eigenen Angaben mittlerweile die größte Telekommunikationsgesellschaft des Landes.

Doch auch der Nobelpreisträger hat Kritiker. Die Zinsen von 20 Prozent für Grameen-Kredite seien zu hoch, sagen sie. Yunus kümmere sich außerdem nicht um die Ärmsten der Armen.

Vollkommen unberechtigt ist dieser Vorwurf nicht. Denn die Bank hilft nur Menschen, die arbeiten können. So musste Yunus erste Kundin, Sofia Katun, einem Artikel des "Stern" von 1995 zufolge später wieder betteln gehen, weil sie zu krank zum Arbeiten war.

Es sei wichtig, dass die Bank Gewinne erwirtschaftet, damit sie unabhängig bleibt - so verteidigte der Nobelpreisträger sein Konzept in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Und ergänzte: "Barmherzigkeit ist immer begrenzt. Business ist grenzenlos."

mit Reuters



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