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Nobelpreisträger Phelps: Mehr Kreativität, weg mit der Arbeitslosenversicherung!

Von Jochen Schönmann

Reformunwillen, rückwärtsgewandte Gewerkschaften, Arbeitslosenversicherung: Der US-Ökonom Edmund Phelps geht mit der deutschen Wirtschaftspolitik hart ins Gericht. In Mannheim erklärte der Wirtschaftsnobelpreisträger, was Europa braucht, um wettbewerbsfähig zu werden.

Mannheim - Besonders viel Freizeit hatte er noch nie. Aber seitdem Edmund Phelps im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Wirtschaft gewann, ist er so gut wie gar nicht mehr zu Hause. Gerade kommt er aus Korea, davor war er bereits in Deutschland, jetzt nochmals, morgen geht es weiter nach Mexiko, dann Venezuela. Seine Vorträge sind begehrt.

Ökonom Phelps: "Ich verstehe nicht, wie Sie in Deutschland jetzt daran denken können, mit Reformen aufzuhören"
AP

Ökonom Phelps: "Ich verstehe nicht, wie Sie in Deutschland jetzt daran denken können, mit Reformen aufzuhören"

Sonderlich gestresst sieht der 74-Jährige trotz aller Reisestrapazen trotzdem nicht aus. Entspannt sitzt er da, bei seinem Vortrag an der Universität Mannheim. Er nimmt sich viel Zeit zum Nachdenken. Man merkt ihm die innere Ruhe an, die Ruhe eines Mannes, der es niemandem mehr beweisen muss.

Der Professor der Columbia University, New York, gilt als der einflussreichste Ökonom der vergangenen 40 Jahre. Seine Arbeiten, für die er den Nobelpreis bekam, beschäftigen sich mit der Funktionsweise des Arbeitsmarktes und dem Phänomen der Arbeitslosigkeit. Nun möchte jedes Land in der Welt von ihm wissen, wie es um die eigene Wirtschaft steht.

Deutschland kennt der Ökonom nicht nur von seinen vielen Untersuchungen. Er war auch dreimal für jeweils ein Semester als Gastprofessor in Mannheim tätig. Entsprechend detailliert bringt der Professor seine Kritik vor. "Zweieinhalb Prozent nennen Sie einen Aufschwung?" Er zuckt die Achseln. "Vielleicht haben wir einfach unterschiedliche Blickwinkel."

Staatliche Krankenversicherung als Vorbild

"Ich verstehe nicht, wie Sie in Deutschland jetzt daran denken können, mit Reformen aufzuhören", ereifert er sich, "jetzt, wo es doch eigentlich überhaupt erst Sinn macht, richtig anzufangen."

Auf der anderen Seite des Atlantiks blickt man häufig spöttisch auf den europäischen Sozialstaat. Phelps hingegen ist ein Befürworter des europäischen Modells - zumindest prinzipiell. Die staatliche Krankenversicherung zum Beispiel hält er für vorbildlich. "So, wie wir es in den USA machen, funktioniert es einfach nicht", gibt er zu. "Die Honorare der Ärzte sind schlichtweg absurd."

Daraus zu schließen, Phelps könne sich auch für die deutschen Gewerkschafter begeistern, wäre allerdings falsch - im Gegenteil: "Eine absolute Horrorvorstellung ist für mich die Tatsache, dass man in Deutschland seinen Job kündigen und sich anschließend hinstellen und Arbeitslosengeld verlangen kann. Und man bekommt es auch noch!", erklärt er. Das sei ein geradezu unfassbarer Zustand. "Verstehen Sie mich nicht falsch, aber man kann in Deutschland überleben, ohne etwas zu tun - das ist doch nicht normal."

Die Folgen seien in Deutschland an jeder Ecke zu besichtigen, sagt der Gelehrte. Fehlende Motivation und Anspruchsdenken würden jede Eigeninitiative ersticken. Nicht nur Deutschland, ganz Europa fehle es an Dynamik, an Mut, an Veränderungswillen, an der Freude am Problemlösen, überhaupt an Ehrgeiz. Deutschland? Er zieht die Brauen nach oben. "Mal sehen, wie es mit dem sozialen Ausgleich in 20 Jahren aussieht." Phelps sieht das Land aufgrund der demografischen Entwicklung vor einem "riesigen Problemberg". "Umso mehr wäre es Zeit, jetzt mal richtig durchzustarten und die Dinge anzugehen", findet er.

Seine Rezepte sind bekannt: Weg mit dem öffentlichen Bankensektor, weg mit den Gewerkschaften, die notwendige gesellschaftliche Änderungen blockieren, weg mit Kündigungsschutz und Arbeitslosenversicherung, hin zu einem freien Arbeitsmarkt, der den Preis für Arbeit selbst bestimmt. "Die Extreme kann der Staat dann durch ein Kombilohnmodell ausgleichen. Das ist sozial, weil es Arbeit schafft."

Flammendes Plädoyer für mehr Offenheit und Neugierde

Für europäische Ohren klingt das ziemlich brutal. Phelps scheint schlichtweg mehr Vertrauen in die Fähigkeiten des Einzelnen zu haben, als man es in Europa gewohnt ist. In Mannheim breitet er seine schöne neue Wirtschaftwelt aus. Mit einer Strickleiter aus den Begriffen Wissen, Glück, Freiheit, Wille und Begeisterung, führt er die Zuhörer zu seinem Lieblingsziel: zu einer funktionierenden Wirtschaft, deren Prozesse im Einklang mit den arbeitenden Menschen ablaufen.

Es ist ein flammendes Plädoyer für Offenheit, Neugierde und für die Freude an der Herausforderung. "Unsere Welt besteht aus Kreativität und Abenteuer", sagt Phelps begeistert. Gerade hier in Europa wirbt er für mehr Vitalität, für Mut zum Risiko, Spaß am Versuchen und am Unternehmen. "Auf der Basis einer Versicherung werden sie nicht glücklich."

Die Voraussetzung, in dieser neuen Zeit glücklich zu werden, sei aber der gesellschaftliche Wille dazu. Ohne den komme keine Wirtschaft aus. Und ohne ein gemeinsames Ziel und den Glauben an einen konkreten Nutzen könne eine Gesellschaft nicht motiviert werden, glaubt der Ökonom. Der Öko-Konsens in Deutschland, einschließlich alternativer Energien und Bio-Lebensmittelbranche, könnte ein solches gesellschaftliches Ziel sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
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1.
sam clemens, 24.10.2007
Wenn Sie Dr. Marlboro fragen, wird der Ihnen auch sagen, dass Rauchen gesund ist. Weltwirtschaft wird man nicht begreifen, wenn man sich auf ein Erfolgs(?)-Modell festlegt.
2. Phelps ist widerlegt!
Tom Berger 24.10.2007
Dänemark beweist, dass Menschen genau dann ein glückliches Leben führen, wenn die Politik das exakte Gegenteil von Phelps Thesen verfolgt! Tom Berger
3.
volkmargrombein 24.10.2007
Zitat von sysopReformunwillen, rückwärtsgewandte Gewerkschaften, Arbeitslosenversicherung: Der US-Ökonom Edmund Phelps geht mit der deutschen Wirtschaftspolitik hart ins Gericht. In Mannheim erklärte der Wirtschaftsnobelpreisträger, was Europa braucht, um wettbewerbsfähig zu werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,513290,00.html
Um zur Versachlichung beizutragen, muss bemerkt werden, dass der Nobel-Preis für Wirtschaftswissenschaften nicht vom Nobel-Komitee verliehen wird, sondern von der schwedischen Finanzwirtschaft vergeben wird. Friedman war ebenfalls Nobel-Preisträger. Seine Arbeiten werden mehr und mehr in Zweifel gezogen, bzw. werden - auch in den USA - widerlegt. Auch die Theorien von Phelps werden neuerdings als Markt radikal und als reine Ideologie entlarvt. Der Polemik des Interviews folgend, kann man den Gedanken weiter verfolgen, dass es am sinnvollsten wäre, in allen Produktionen, die für den Weltmarkt bestimmt sind, einen Stundenlohn von 5,00 € zu zahlen. Den Rest bekommen die MA als Aufstockung. Dann würden weiterhin eine ganze Menge an Arbeitsplätzen entstehen! Und die Herrschaften von der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" wären glücklich! Nur wer das bezahlen soll, darüber bleibt man den Lesern die Antwort schuldig! Nur zu dumm, dass eine Menge der Niedriglohn - Jobs überhaupt nichts mit dem Export oder der " Globalisierung" zu tun haben. Anschließend würde eine Komission beim BDI eingerichtet, in der entschieden würde, welche Arbeiten in Zukunft als Niedriglohn-Jobs zu gelten haben. Das wäre so recht nach dem Geschmack von Herrn Sinn und Herrn Hundt. Auch zum Thema Hedge - Fonds kann man eine Reihe gut verdienender Firmen aufzählen, die durch Hedge - Fond und Private-Equitys fast ruiniert worden sind, bzw. die die Kaufsumme als Kredit selbst abarbeiten müssen. Da ist es ebenfalls berechtigt die Frage nach der Sittenwidrigkeit zu stellen. Es wäre sehr sinnvoll gewesen, wenn der Spiegel darauf hingewiesen hätte, dass Phelps eine Reihe Vorträge im Namen der INSM abhält.
4.
Bonner1313 24.10.2007
Der Mann gefällt mir, keine Frage, und seine Sicht spricht mir aus dem Herzen. Allein ist zu befürchten, dass wir es uns in Deutschland bereits zu bequem gemacht haben, indem uns der Sozialstaat über Jahrzehnte rosenblätterweich gebettet hat. Die vorgeschlagene Rosskur würde uns, dem kraftlosen Patienten, gänzlich das Ende bereiten. Schamvoll müssen wir eingestehen, dass die Dinge schlimmer stehen als Prof. Phelbs ahnt.
5.
zwottel 24.10.2007
Die Kritik an der europäischen Lethargie ist sicherlich nicht unberechtigt, was wir aber keinesfalls brauchen, sind amerikanische Verhältnisse mit Ghettoisierung, Verarmung breiter Gesellschaftsschichten und schwindelerregender Kriminalitätsrate. Und daß der Arbeitsmarkt im freien Spiel der Kräfte einen fairen Preis für die Arbeitskraft aushandelt, ist wohl ein ganz schlechter Witz! Die europäischen Gewerkschaften sind ja gerade entstanden, weil der Markt seine diesbezügliche Unfähigkeit unter Beweis gestellt hat. Bei 3,5 Mio., die dem Arbeitsmarkt als überschüssiges Reservoir zu Verfügung stehen, kann man sich die Lohn- und Gehaltsabstürze ja vorstellen. Kein Unternehmen bezahlt aus reiner Menschenliebe einen fairen Lohn, wenn es nicht muss; die mangelnde soziale Verantwortung der Konzerne ist doch gerade in Deutschland mehr als deutlich. Frage mich wirklich, warum einer den Wirtschaftsnobelpreis bekommt, der offensichtlich Zustände wie um die Mitte des 19. Jahrhunderts fordert. Nich besonders innovativ, wenn auch wirtschaftsfreundlich...
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