Nobelpreisträger Yunus: "Der Kapitalismus ist zum Spielcasino verkommen"

Weltweit taumeln die Finanzmärkte, Regierungen verstaatlichen Banken, helfen mit Geldspritzen - das alles ist nur eine Notlösung, sagt Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über mögliche Krisenrezepte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Yunus, seit Jahren werben Sie für soziales Unternehmertum - und prangern reine Gewinnmaximierung als schädlich an. Jetzt wankt das Finanzsystem...

Ökonom Yunus: "Und plötzlich stellte man fest: Diese Schlösser existieren ja gar nicht!"
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Ökonom Yunus: "Und plötzlich stellte man fest: Diese Schlösser existieren ja gar nicht!"

Yunus: Die jetzigen Ereignisse stimmen mich traurig. Da ist nichts, worüber ich mich freue. Der Kollaps bringt so viele Menschen in Not, die ganze Welt ist plötzlich so unsicher. Wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, dass so eine Finanzkrise nicht wieder passieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich das vor?

Yunus: Es gibt große Lücken im jetzigen Finanzsystem, die es zu schließen gilt. Der Markt ist offensichtlich nicht in der Lage, diese Probleme selbst zu lösen, so dass man jetzt zu den Regierungen rennt und um Nothilfe bittet. Das ist überhaupt kein gutes Zeichen, denn das zeigt, dass das Vertrauen in den Markt erschüttert ist. Im Moment gibt es aber leider keine andere Optionen als staatliche Übernahmen und staatliche Unterstützung. Das ist derzeit das gängige Mittel der Krisenbekämpfung, angefangen in den USA mit dem 700-Milliarden-Dollar-Paket. In Deutschland hat auch die Regierung längst eingegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie da ein Problem?

Yunus: Der Punkt ist, dass wir zügigst wieder zu Marktmechanismen zurückkehren müssen, die in der Krise greifen und Probleme lösen. Lösungen sollten aus dem Markt heraus kommen, nicht von Regierungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie sagen doch selbst, dass der Markt das nicht schafft.

Yunus: Genau hieran müssen wir arbeiten. Bislang geht es immer nur um Gewinnmaximierung und Wachstum - aber das führt zu dem, was wir gerade erleben. Wir müssen täglich kontrollieren, ob es irgendwo ein Wachstum im schädlichen Ausmaß gibt. Und wo man das feststellt, muss man sofort reagieren. Wenn etwas unnatürlich schnell wächst, muss man es stoppen. Warum zahlen Firmen nicht in einen Fonds ein, der alle riskant gewordenen Papiere aufkauft? Ich kann mir sogar ein Geschäftsmodell dafür vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Einerseits fordern Sie eine Marktlösung, andererseits kritisieren sie zu schnelles Wachstum. Das klingt so, als hielten Sie den profitorientierten Kapitalismus für gescheitert.

Yunus: Keineswegs. Der Kapitalismus mit all seinen Marktmechanismen muss überleben, das ist gar keine Frage. Ich kritisiere aber, dass es heute nur eine Art von Geschäftsanreiz gibt, nämlich den Anreiz der Profitmaximierung. Es bräuchte aber auch den Anreiz, soziale Leistung zu vollbringen. Es muss viel mehr Unternehmen geben, deren Ziel in erster Linie nicht höchst möglicher Gewinn ist, sondern höchst möglicher Nutzen für die Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben, dass das zwei sich widersprechende Anreize sind? Die von Ihnen gegründete Grameen Bank, mit der Sie 2006 den Friedensnobelpreis erhalten haben, ist doch auch sozial und maximiert Profite?

Yunus: Es ist ein soziales Unternehmen, das Gewinn macht, aber nicht die Maximierung des Gewinns zum Ziel hat. Es geht mir nicht darum, alle profitorientierte Firmen zu soziale Unternehmen zu machen. Das sind zwei unterschiedliche Kategorien von Firmen, und es wird immer Unternehmer geben, deren Ziel es ist, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Das ist auch in Ordnung. Aber so viel Geld wie möglich zu verdienen, kann doch nur ein Mittel zum Zweck sein, nicht Selbstzweck. Man muss das Geld doch für etwas Sinnvolles einsetzen - und ich werbe dafür, es zur Verbesserung der Lebensqualität aller Menschen zu verwenden.

SPIEGEL ONLINE: Was hat ein Mehr an sozialen Unternehmen mit der Finanzkrise zu tun?

Yunus: Wenn es mehr sozial orientierte Firmen gäbe, hätten mehr Menschen Möglichkeiten, ihr Leben zu gestalten. Die Märkte wären ausbalancierter als heute.

SPIEGEL ONLINE: Sie reden von der Rettung der Welt durch Nächstenliebe...

Yunus: Es gibt viele Philanthropen in der Welt, Menschenfreunde, die anderen mit Unterkünften, Bildung und so weiter helfen. Aber das ist eine Einbahnstraße: Das Geld wird ausgegeben und kommt nie wieder zurück. Würde man dieses Geld in ein soziales Unternehmen investieren, würde es im Wirtschaftskreislauf bleiben und viel mehr bewirken, weil es nach Marktkriterien verwendet und damit eine gewisse Marktmacht entwickeln würde.

SPIEGEL ONLINE: Wen machen Sie als den Schuldigen der Krise aus?

Yunus: Den Markt mit seinen jetzigen unzureichenden Regeln. Der heutige Kapitalismus ist zu einem Spielcasino verkommen. Der Finanzmarkt ist getrieben von Gier. Es wird in einem Ausmaß spekuliert, das katastrophale Auswirkungen hat. Das sind alles Dinge, mit denen es ein Ende haben muss.

SPIEGEL ONLINE: Die jetzige Finanzkrise begann als Kreditkrise - Hausbesitzer in den USA konnten ihre Kredite nicht mehr bedienen. Bei der Grameen Bank, die Mikrokredite vergibt, sprechen Sie von einer Rückzahlquote von fast 100 Prozent. Sehen Sie Ihre Bank als Vorbild für die gesamte Finanzwelt?

Yunus: Der grundlegende Unterschied ist, dass unser Geschäft sehr nah an der realen Wirtschaft ist. Wenn wir einen Kredit von 200 Dollar vergeben, gibt es irgendwo eine Kuh, die davon gekauft wird. Wenn wir 100 Dollar verleihen, kauft jemand davon vielleicht Hühner. Hinter dem Geld steckt also ein Gegenwert. Geldwirtschaft und Realwirtschaft müssen miteinander in Beziehung stehen. In den USA hat sich die Finanzwirtschaft gänzlich von der Realwirtschaft losgelöst. Es wurden Luftschlösser gebaut - und plötzlich stellte man fest: Diese Schlösser existieren ja gar nicht! Das war der Moment, in dem das Finanzsystem kollabierte.

SPIEGEL ONLINE: Also müssen doch Regierungen ins Marktgeschehen eingreifen und strengere Gesetze machen?

Yunus: Es muss Regeln geben, aber keine Regierung darf die Entwicklungen am Markt bestimmen. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass die Theorie der "unsichtbaren Hand" nach Adam Smith, die alle Marktprobleme löst, nicht aufgeht. Diese "unsichtbare Hand" ist in den vergangenen Tagen völlig verschwunden. Was wir erleben, ist also ein krasses Marktversagen.

Das Interview führte Hasnain Kazim

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