Nobelpreisträger Yunus: "Wir können Armut in die Museen verbannen"

Globalisierung ist gut - aber damit die Armen von ihr profitieren, braucht sie neue Regeln, schreibt Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus in seinem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE. Für Kanzlerin Merkel findet er lobende Worte.

Wohlstand und Stabilität der Welt sind in Gefahr. Sie sind in Gefahr, weil 60 Prozent der Menschheit von nur sechs Prozent der Einnahmen leben. Man muss Bundeskanzlerin Angela Merkel loben: Sie hat das Thema Armut ganz oben auf die Tagesordnung des G-8-Gipfels in Heiligendamm gesetzt. Deutschland als Gastgeberland sorgt dafür, dass der Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheiten in der Welt die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Der Schwerpunkt ist Afrika.

Yunus (zu Besuch in Berlin im Kanzleramt): "Man muss Bundeskanzlerin Angela Merkel loben"
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Yunus (zu Besuch in Berlin im Kanzleramt): "Man muss Bundeskanzlerin Angela Merkel loben"

Das dieses Jahr gegründete Africa Progress Panel, das die Einhaltung der G-8-Verpflichtungen gegenüber Afrika kontrollieren soll und dessen Mitglied ich bin, empfiehlt, dass Afrika keine neuen Hilfsinitiativen braucht. Afrika benötigt die Umsetzung der bereits beschlossenen Maßnahmen. Letztlich müssen afrikanische Regierungen und Institutionen die Entwicklung ihres Kontinents selbst in die Hand nehmen. Hilfe der G-8-Staaten ist dabei willkommen.

Die Globalisierung ist dabei hilfreich. Ich unterstütze Globalisierung und bin davon überzeugt, dass sie armen Menschen mehr nützt als jede andere Entwicklung. Aber es muss die richtige Form von Globalisierung sein. Derzeit kommt es mir vor, als sei Globalisierung eine hundertspurige Autobahn, die die Welt umspannt. Wenn die Nutzung dieser Autobahn für alle gebührenfrei ist, werden darauf nur große Lastwagen aus starken, reichen Staaten fahren - die Rikscha aus Bangladesch wird von der Straße gefegt.

Um eine Win-win-Situation zu erreichen, brauchen wir Verkehrsregeln, eine Polizei und eine Verkehrsbehörde für diese globale Autobahn. Das Gesetz 'Der Stärkste bestimmt alles' muss durch Regeln ersetzt werden, die den Armen ihre Platz und ihren Anteil an allem haben, ohne von den Starken weggedrängelt zu werden. Globalisierung darf auf keinen Fall Finanzimperialismus werden.

Die meisten Probleme in der heutigen Welt haben ihre Wurzeln in der zu engen Definition von Kapitalismus. Unsere Vorstellung von Kapitalismus ist geprägt vom Gedanken des Freihandels: Je freier der Markt, desto besser löst der Kapitalismus ein Problem - egal welches, egal wie, egal zu wessen Nutzen. Außerdem nutze ein System, in dem jeder individuell nach Gewinn strebt, der Allgemeinheit am meisten.

Zur Person
Muhammad Yunus wurde 1940 in der Hafenstadt Chittagong in Bangladesch geboren. Er wuchs als drittes von insgesamt 14 Kindern einer wohlhabenden Familie auf, sein Vater war Juwelier und Goldschmied. Yunus studierte Wirtschaftswissenschaften in Bangladesch und in den USA. 2006 wurden er und die von ihm gegründete Grameen-Bank mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. "Früher musste ich schreien, damit mich wenige Menschen hören", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Jetzt reicht es, wenn ich flüstere, und die ganze Welt hört mir zu."
Das kapitalistische Wirtschaftssystem nimmt an, dass Unternehmer eindimensional denkende Menschen sind - Menschen, die ihr berufliches Leben nur einer einzigen Mission verschrieben haben, nämlich Profite zu maximieren. Unzählige Probleme existieren nur deshalb, weil wir unternehmerisches Handeln nur an diesem einen Maßstab messen. Politische, emotionale, soziale, spirituelle und ökologische Dimensionen, die im Leben eines Unternehmers ebenfalls eine Rolle spielen, finden überhaupt keine Berücksichtigung.

Der Erfolg der freien Marktwirtschaft hat uns so nachhaltig beeindruckt, dass wir es nie gewagt haben, ihre Grundannahmen in Frage zu stellen. Stattdessen haben wir hart an uns selbst gearbeitet, bloß, damit wir in das vorgegebene Muster der Profitorientierung passen und damit die Marktmechanismen weiter so geräuschlos funktionieren.

Aber in Wahrheit ist das nur die halbe Geschichte. Wir könnten den Charakter des Kapitalismus radikal verändern, indem wir die Ziele, die wirtschaftliches Handeln verfolgen sollen, neu definieren - und zwar breiter. Auf diese Weise könnten viele bisher ungelöste soziale und wirtschaftliche Probleme innerhalb des freien Marktes gelöst werden.

Ein soziales Unternehmen zahlt keine Dividende

Nehmen wir an, ein Unternehmer habe zwei Motive für sein Handeln, nicht nur eins. Diese zwei Motive schließen sich zwar gegenseitig aus, aber beide sind faszinierend: die Maximierung von Gewinnen einerseits und etwas Gutes für die Menschen und die Welt zu tun andererseits. Jedes dieser zwei Motive führt zu einer unterschiedlichen Art von Handeln. Nennen wir das eine ein Profit maximierendes Unternehmen, das andere ein soziales Unternehmen.

Das soziale Unternehmen wäre eine neue Form von Unternehmen auf dem Markt, das das Ziel verfolgt, die Welt zu verändern. Investoren, die ihr Geld in sozialen Unternehmen anlegen, bekämen ihre Investitionen später zurück, ohne Dividenden zu verlangen. Sämtliche Gewinne würden in die Firma reinvestiert, um deren Marktanteil zu vergrößern und die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Ein soziales Unternehmen würde keine Verluste machen, aber auch keine Dividenden auszahlen.

Sobald soziale Unternehmen anerkannt wären, würden bestehende Firmen dieses Modell kopieren und ihre Stiftungsaktivitäten in diese Bahn lenken. Und im Gegensatz zum Non-Profit-Sektor, der auf Spenden angewiesen ist, wäre ein soziales Unternehmen unabhängig von finanziellen Hilfen, es würde sogar Überschüsse produzieren, die aber in das Unternehmen zurückfließen. Selbst in reichen Ländern würden junge Menschen dieses Wirtschaftskonzept attraktiv finden, weil sie etwas bewegen könnten, indem sie kreativ sind.

Das wäre die Lösung für sämtliche sozialen und ökonomischen Probleme der Welt. Es wäre die Lösung im Kampf gegen Armut - und eine Lösung für den Frieden, denn Armut ist eine Bedrohung für den Weltfrieden. Die orthodoxe Form von Kapitalismus, die heutzutage gepredigt und gelebt wird, ist dagegen nicht in der Lage, diese Probleme zu lösen.

Heute sind Regierungen in Entwicklungsstaaten schnell dabei, von Privatisierung zu reden - sei es im Gesundheits- oder Bildungsbereich oder anderswo. Ich befürworte Privatisierung ausdrücklich. Aber ich frage trotzdem: Von welchem privaten Sektor reden wir? Profitorientierte private Firmen haben ihre ganz eigene Agenda, die in krassem Widerspruch steht zu der Agenda von Armen, Frauen oder der Umweltbewegung. Die Wirtschaftstheorie sieht leider keine Alternative zum profitorientierten Privatsektor vor.

Dabei können wir eine sehr starke Alternative bilden: einen vom sozialen Bewusstsein geprägten privaten Sektor. An der Börse könnten Aktien von sozialen Unternehmen gehandelt werden. Für Investoren wäre das eine Möglichkeit, ihr Geld sozial anzulegen.

Auf dem G-8-Gipfel sollten wir über soziale Unternehmen nachdenken, über multinationale soziale Unternehmen, die im Namen der Armen wirtschaften. Wir können eine Welt frei von Armut erschaffen, denn Armut wird nicht von den Armen verursacht.

Wenn wir wollen, können wir Armut in die Museen verbannen.

Übersetzt von Hasnain Kazim

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1. von der theorie zur praxis
double_pi, 05.06.2007
hallo, Muhammad Yunus ist in meinen augen einer der wenigen menschen, die unserem weltumspannenden, menschenverachtenden system noch etwas gutes geben, was 99% der menschheit (mich eingeschlossen) nicht von sich sagen kann! seine ideen klingen nicht wirklich kompliziert, man fragt sich wieso kaum andere wirtschaftsexperten auf solche ideen kommen. ich würde gerne an der verbreitung seiner konzepte und ideen mitarbeiten! gibt es da möglichkeiten oder organisationen, die dies ermöglichen und diese ziele verfolgen?
2.
Stefan Albrecht, 05.06.2007
Es ist sicher schön und auch sachlich richtig, was Herr Yunus schreibt. Allerdings halte ich es für außerordentlich träumerisch. Dabei halte ich träumen für wichtig, denn ohne zu träumen kann man keine neuen Ziele kreieren. Allerdings bin ich nicht ganz so träumerisch eingestellt wie der Autor. Er geht davon aus, daß es reicht soziale Unternehmen zu kreieren und dann geht das alles seinen Weg. Er zäumt damit aus meiner Sicht das Pferd von hinten auf, denn Unternehmen sind ja nicht Profitgierig, weil es jemand so eingerichtet hat, sondern weil deren Mitarbeiter so profitgierig sind: Sobald jemand die Möglichkeit hat, Karriere zu machen, tut er das für gewöhnlich, auch auf Kosten von anderen. Wenn er es nicht tut, macht es einer von den 10% Ignoranten, die sich in jedem Unternehmen finden. Aus meiner Sicht kann ein solches Unternehmen nur dann funktionieren, wenn Regierungen konsequent diejenigen Personen (!) bestrafen, die nicht sozial sind, z. B. mit Enteignung und jene belohnen, die sozial sind. Vielleicht kann damit eine Kultur kreiert werden, welche die einzelnen Mitarbeiter der Unternehmen sozialer werden läßt. Dies kann aber eine Regierung nicht allein bewerkstelligen, es muss eine kulturelle Entwicklung stattfinden. Aus meiner Sicht haben z. B. Serien wie Derrick, in denen immer der Gerechte gewinnt, einen großen kulturellen Einfluss (auch wenn das albern klingt). Wenn man das Fernsehen aber heute sieht, wird es immer schriller und die heutigen Stars sind Leute wie Paris Hilton, die eigentlich gar nichts anderes tut als saufen, reich zu sein und sich dabei von der Polizei erwischen zu lassen oder Britney Spears, das schlecht erzogene verzweifelte Kind. Die kulturelle Entwicklung ist eher rückläufig. Wir leben immer mehr in einer irrealen Welt, die von immer schlechter arbeitenden und immer hektischeren Medien eine immer perfektere Facette erhält, welche allerdings keinerlei Bezug mehr zur Realität hat. Insofern habe ich relativ wenig Hoffnung, dass eine positive kulturelle Entwicklung stattfindet, welche ich aber andererseits für unabdingbar halte um dem Traum des von Herrn Yunus ein wenig näher zu kommen
3. Rechtssicherheit ist Grundlage
grief 05.06.2007
Meines Erachtens werden in dem Artikel das Hauptproblem der Armut in den Entwicklungsländern nicht angesprochen. Preisdruck und Verdrängungswettbewerb der multinationalen Großkonzerne spielen eine untergeordnete Rolle. Das Hauptproblem liegt an den gesellschaftlichen Strukturen der Entwicklungsländer. Korrupte Diktaturen und gesellschaftliche Umstürze garantieren keine Rechtssicherheit und Stabilität; unabdingbar für eine erfolgreiche Wirtschaft und Investitionen auch aus dem Ausland. China ist ein Beispiel, daß nicht unbedingt eine Demokratie nach westlichen Vorstellungen benötigt wird; auch ein autoritäres Regime kann Fortschritte bringen. Angesichts der hohen Rohstoffpreise hätten rohstoffreiche Staaten wie z.B. der Kongo durchaus die Möglichkeit der Armut zu entkommen (Aufbau einer verarbeitenden Industrie) und Modell für andere Staaten des Kontinents zu werden.
4.
Til 05.06.2007
Klingt naiv, aber nett. Könnt' man ja mal probieren. Aber wer fängt an? Wir wollen ja hier und jetzt auf nix verzichten. Das wir dabei langfristig alle Gewinner wären, ist den oberen Zehntausend wohl zu abstrakt. Schade, Welt. Hätte so schön sein können.
5. ökonomisch
VPolitologeV, 05.06.2007
Als Detail am Rande. Es ist hochgradig effizient, 60% der Menschheit mit nur 6% der Einnahmen leben zu lassen. Und weil das so effizient ist, wird sich auch nicht viel an der Arm-Reich-Kluft tun, bis wir unser Denken umgestellt haben. Die Reichen werden demzufolge deshalb reich sein, weil bisher keine effizientere Lösung für die ganzen Ressourcen gefunden wurde.
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