Wohlstand und Stabilität der Welt sind in Gefahr. Sie sind in Gefahr, weil 60 Prozent der Menschheit von nur sechs Prozent der Einnahmen leben. Man muss Bundeskanzlerin Angela Merkel loben: Sie hat das Thema Armut ganz oben auf die Tagesordnung des G-8-Gipfels in Heiligendamm gesetzt. Deutschland als Gastgeberland sorgt dafür, dass der Kampf gegen Armut, Hunger und Krankheiten in der Welt die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Der Schwerpunkt ist Afrika.
Das dieses Jahr gegründete Africa Progress Panel, das die Einhaltung der G-8-Verpflichtungen gegenüber Afrika kontrollieren soll und dessen Mitglied ich bin, empfiehlt, dass Afrika keine neuen Hilfsinitiativen braucht. Afrika benötigt die Umsetzung der bereits beschlossenen Maßnahmen. Letztlich müssen afrikanische Regierungen und Institutionen die Entwicklung ihres Kontinents selbst in die Hand nehmen. Hilfe der G-8-Staaten ist dabei willkommen.
Die Globalisierung ist dabei hilfreich. Ich unterstütze Globalisierung und bin davon überzeugt, dass sie armen Menschen mehr nützt als jede andere Entwicklung. Aber es muss die richtige Form von Globalisierung sein. Derzeit kommt es mir vor, als sei Globalisierung eine hundertspurige Autobahn, die die Welt umspannt. Wenn die Nutzung dieser Autobahn für alle gebührenfrei ist, werden darauf nur große Lastwagen aus starken, reichen Staaten fahren - die Rikscha aus Bangladesch wird von der Straße gefegt.
Um eine Win-win-Situation zu erreichen, brauchen wir Verkehrsregeln, eine Polizei und eine Verkehrsbehörde für diese globale Autobahn. Das Gesetz 'Der Stärkste bestimmt alles' muss durch Regeln ersetzt werden, die den Armen ihre Platz und ihren Anteil an allem haben, ohne von den Starken weggedrängelt zu werden. Globalisierung darf auf keinen Fall Finanzimperialismus werden.
Die meisten Probleme in der heutigen Welt haben ihre Wurzeln in der zu engen Definition von Kapitalismus. Unsere Vorstellung von Kapitalismus ist geprägt vom Gedanken des Freihandels: Je freier der Markt, desto besser löst der Kapitalismus ein Problem - egal welches, egal wie, egal zu wessen Nutzen. Außerdem nutze ein System, in dem jeder individuell nach Gewinn strebt, der Allgemeinheit am meisten.

Der Erfolg der freien Marktwirtschaft hat uns so nachhaltig beeindruckt, dass wir es nie gewagt haben, ihre Grundannahmen in Frage zu stellen. Stattdessen haben wir hart an uns selbst gearbeitet, bloß, damit wir in das vorgegebene Muster der Profitorientierung passen und damit die Marktmechanismen weiter so geräuschlos funktionieren.
Aber in Wahrheit ist das nur die halbe Geschichte. Wir könnten den Charakter des Kapitalismus radikal verändern, indem wir die Ziele, die wirtschaftliches Handeln verfolgen sollen, neu definieren - und zwar breiter. Auf diese Weise könnten viele bisher ungelöste soziale und wirtschaftliche Probleme innerhalb des freien Marktes gelöst werden.
Ein soziales Unternehmen zahlt keine Dividende
Nehmen wir an, ein Unternehmer habe zwei Motive für sein Handeln, nicht nur eins. Diese zwei Motive schließen sich zwar gegenseitig aus, aber beide sind faszinierend: die Maximierung von Gewinnen einerseits und etwas Gutes für die Menschen und die Welt zu tun andererseits. Jedes dieser zwei Motive führt zu einer unterschiedlichen Art von Handeln. Nennen wir das eine ein Profit maximierendes Unternehmen, das andere ein soziales Unternehmen.
Das soziale Unternehmen wäre eine neue Form von Unternehmen auf dem Markt, das das Ziel verfolgt, die Welt zu verändern. Investoren, die ihr Geld in sozialen Unternehmen anlegen, bekämen ihre Investitionen später zurück, ohne Dividenden zu verlangen. Sämtliche Gewinne würden in die Firma reinvestiert, um deren Marktanteil zu vergrößern und die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Ein soziales Unternehmen würde keine Verluste machen, aber auch keine Dividenden auszahlen.
Sobald soziale Unternehmen anerkannt wären, würden bestehende Firmen dieses Modell kopieren und ihre Stiftungsaktivitäten in diese Bahn lenken. Und im Gegensatz zum Non-Profit-Sektor, der auf Spenden angewiesen ist, wäre ein soziales Unternehmen unabhängig von finanziellen Hilfen, es würde sogar Überschüsse produzieren, die aber in das Unternehmen zurückfließen. Selbst in reichen Ländern würden junge Menschen dieses Wirtschaftskonzept attraktiv finden, weil sie etwas bewegen könnten, indem sie kreativ sind.
Das wäre die Lösung für sämtliche sozialen und ökonomischen Probleme der Welt. Es wäre die Lösung im Kampf gegen Armut - und eine Lösung für den Frieden, denn Armut ist eine Bedrohung für den Weltfrieden. Die orthodoxe Form von Kapitalismus, die heutzutage gepredigt und gelebt wird, ist dagegen nicht in der Lage, diese Probleme zu lösen.
Heute sind Regierungen in Entwicklungsstaaten schnell dabei, von Privatisierung zu reden - sei es im Gesundheits- oder Bildungsbereich oder anderswo. Ich befürworte Privatisierung ausdrücklich. Aber ich frage trotzdem: Von welchem privaten Sektor reden wir? Profitorientierte private Firmen haben ihre ganz eigene Agenda, die in krassem Widerspruch steht zu der Agenda von Armen, Frauen oder der Umweltbewegung. Die Wirtschaftstheorie sieht leider keine Alternative zum profitorientierten Privatsektor vor.
Dabei können wir eine sehr starke Alternative bilden: einen vom sozialen Bewusstsein geprägten privaten Sektor. An der Börse könnten Aktien von sozialen Unternehmen gehandelt werden. Für Investoren wäre das eine Möglichkeit, ihr Geld sozial anzulegen.
Auf dem G-8-Gipfel sollten wir über soziale Unternehmen nachdenken, über multinationale soziale Unternehmen, die im Namen der Armen wirtschaften. Wir können eine Welt frei von Armut erschaffen, denn Armut wird nicht von den Armen verursacht.
Wenn wir wollen, können wir Armut in die Museen verbannen.
Übersetzt von Hasnain Kazim
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