Nokias Fluchtgründe Run auf Rendite, Rendite, Rendite

Nokia verlässt Deutschland - und Experten geben den Finnen Recht. Betriebswirtschaftlich spricht aus ihrer Sicht viel für die Produktionsverlagerung nach Rumänien: Das Unternehmen habe kaum eine andere Wahl.

Von Tobias Dorfer und


Hamburg - Was hat Rumänien, was Deutschland nicht hat? Diese Frage stellen sich die 2300 Mitarbeiter des Nokia-Werks in Bochum, seit das Unternehmen die Verlagerung der Produktion nach Osteuropa bekannt gab. Wahlkämpfende Politiker stellen sich auf die Seite der Beschäftigten - und geben dem finnischen Handy-Konzern betriebswirtschaftliche Ratschläge. Bei Lohnkosten, die nur fünf Prozent der Gesamtkosten ausmachten, lohne sich der Standortwechsel doch gar nicht, rechnet NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) vor.

Haben sich die Finnen etwa verkalkuliert?

Keineswegs, sagen Analysten und Ökonomen. Nokia habe gute Gründe für die Entscheidung. Dan Biehler, Analyst bei der Unternehmensberatung IDC, listet drei konkrete Vorteile des Standorts in Rumänien auf:

  • steuerliche Anreize, etwa durch niedrigere Gewerbesteuern oder die Schaffung von Sonderwirtschaftszonen
  • niedrigere Löhne und Abgaben
  • größere Nähe zu den Wachstumsmärkten in Osteuropa.

Jeder einzelne Punkt bringe Nokia nur "geringe Verbesserungen", sagt Biehler. "Aber es addiert sich."

Das sieht auch Holger Schäfer so. Er ist Arbeitsmarktforscher am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Das hohe Lohnniveau in Deutschland sei für eine Standortentscheidung wie im Falle Nokia nicht allein entscheidend. "Die direkten Arbeitskosten sind bei uns sicherlich sehr hoch", sagt Schäfer - so koste eine Arbeitsstunde im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland durchschnittlich 27 Euro statt fünf Euro in Ungarn. Daneben spielten aber andere Standort-Faktoren eine ebenso wichtige Rolle.

"In solchen Fällen sind nicht die Lohn-, sondern die Gesamtkosten die ausschlaggebende Ursache", sagt Schäfer. Dazu gehörten vor allem die wachsenden Ausgaben für Energie und Logistik. "Und natürlich muss man auch die Steuerbelastung und Bürokratie - zum Beispiel die Dauer von Zulassungsverfahren - einbeziehen."

Das Nokia-Management selbst hatte die Schließung des Bochumer Handy-Werks mit zu hohen Personalausgaben begründet. Gleichzeitig bezifferte das Unternehmen diese Kosten aber nur auf fünf Prozent der gesamten Herstellungskosten eines Gerätes. "Da gibt es also noch ganz andere Überlegungen", sagt Schäfer. "Nokia wird nicht einfach so eine ganze Fabrik verlagern."

Einen weiteren Grund für die Entscheidung nennt Mirko Maier von der Landesbank Baden-Württemberg: Anders als gehofft hätten sich kaum Zulieferer um das Werk in Bochum angesiedelt. "Balda zum Beispiel hat Werke in Deutschland geschlossen und konzentriert sich nun auf die Fertigung in China", sagt der Analyst.

Die Arbeitnehmer widersprechen dieser Darstellung: "Bisher hat Nokia keinen einzigen guten Grund für die Standortentscheidung genannt", sagt Wolfgang Nettelsroth von der IG Metall in Nordrhein-Westfalen. Mit einem Gutachten will die Gewerkschaft nun beweisen, dass der Bochumer Standort sogar günstiger produzieren könne als das Werk in Rumänien.

Der Trend spricht allerdings gegen Deutschland. Denn Nokia steht mit seinen Plänen nicht alleine da. "Es ist nichts Neues: Die Branche verlässt Deutschland", sagt Analyst Biehler. Als Beispiele nennt er BenQ und Motorola, die ebenfalls nicht mehr hier produzieren. Mit Nokia geht nun der letzte Handyhersteller aus dem Land.

Allerdings: Verluste schreibt Nokia in Deutschland nicht, anders als seinerzeit BenQ. Die Produktionsverlagerung erfolgt deshalb nicht aus purer Not - es geht dem Unternehmen vielmehr darum, die Rendite hoch zu trimmen. Nokia habe das Ziel für die Gewinnmarge von 17 auf 20 Prozent angehoben, sagt Analyst Biehler. Dies habe das Unternehmen auf der Hausmesse "nokia world 2007" in Amsterdam mitgeteilt.

Mirko Maier von der Landesbank Baden-Württemberg hält das Gewinnziel ebenfalls für extrem hoch. "Selbst ein Weltmarktführer wie Nokia muss sich da ganz schön strecken." Die Lohnkosten machten zwar nur einen geringen Teil der Gesamtkosten aus - sie seien aber eine der wenigen Schrauben, an denen das Unternehmen noch drehen könne.

Dabei könnte auf die Beschäftigten in Deutschland noch viel mehr zukommen, schätzt Analyst Biehler. "Bochum ist nur ein Teil des Sprungs." Viel größere Sorgen bereite dem Unternehmen die Sparte Nokia Siemens Networks (NSN). Auch hier würden Arbeitsplätze verlagert. Schon im vergangenen Jahr hatte NSN in Deutschland die Streichung von 2800 bis 2900 Stellen angekündigt.

Wie viel Geld kriegt Nokia in Rumänien?

Umstritten ist nach wie vor die Frage der Subventionen: Bekommt Nokia in Rumänien öffentliche Gelder oder nicht? Die Europäische Kommission schließt dies aus: "Wenn eine staatliche Beihilfe in Regionen außerhalb von Bukarest größer ist als 37,5 Millionen Euro, dann muss sie zur Prüfung anmeldet werden", sagt Kommissionssprecher Jens Mester. Eine solche Anmeldung liege in Brüssel nicht vor.

Das heißt aber auch: Geringere Summen könnten durchaus geflossen sein - der Landrat der Region sagte SPIEGEL ONLINE, insgesamt hätten rumänische Stellen für die Erschließung des Nokia-Geländes 30 Millionen Euro aufgewendet. Ob Rumänien den Handy-Konzern direkt subventioniert, ist in Brüssel nicht bekannt. Nokia selbst äußert sich dazu nicht.

Eines steht aber fest: Sollte Nokia in Rumänien Geld erhalten, dann stammt dies mit hoher Wahrscheinlichkeit von deutschen Steuerzahlern: Von 2007 bis 2013 schießt die EU Rumänien etwa 19 Milliarden Euro zu - und Deutschland ist größter Nettozahler der Gemeinschaft.

Vielleicht wird Nokia aber auch gar nicht lange in Rumänien bleiben. "Die Lohnvorteile haben nicht lange Bestand", sagt Maier von der Landesbank Baden-Württemberg. Schließlich steigen die Gehälter in Osteuropa rasant. "Bald steht Nokia wieder vor der Entscheidung, was zu tun ist."

Mit Material von dpa



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