Nordkorea Die bizarre Kapitalisteninsel und ihr gefallener König

Der obskure chinesische Unternehmer und Multimillionär Yang Bin wollte eine kapitalistische Sonderwirtschaftszone in Nordkorea schaffen - und verärgerte mit seinem Alleingang das chinesische Regime. Jetzt wurde er festgenommen.


Yang Bin: Obskurer Orchideenhändler
AFP

Yang Bin: Obskurer Orchideenhändler

Peking - Sie sollten Yang Bins Königreich werden, die 132 Quadratkilometer der nordkoreanischen Stadt Sinuiju nahe der chinesischen Grenze. Vergangene Woche hatte der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il den chinesischen Unternehmer dazu auserkoren, eine kapitalistische Sonderwirtschaftszone zu erschaffen und zu regieren, die im Land der Steinzeitkommunisten einer Revolution gleichkäme.

Ob diese Revolution kommt, ist seit Freitag mehr als fraglich. Denn China ist nicht begeistert davon, wie eigenmächtig Yang sein Ziel im Nachbarstaat Nordkorea verfolgt. Am Freitag nahm die Polizei in Shenyang im Nordosten Chinas den 39-Jährigen fest. Der offizielle Grund: Yang habe Steuern in Höhe von umgerechnet 1,2 Millionen Euro hinterzogen.

Am Donnerstag noch hatte Yang öffentlich versichert, er werde die Steuern nachzahlen. Doch es geht den chinesischen Behörden wohl weniger um die Steuern, sondern vielmehr darum, Yang auszubremsen.

Diktator Kim-Jong-Il: Kapitalismus hinter Mauern
DPA

Diktator Kim-Jong-Il: Kapitalismus hinter Mauern

Zwar hatte China die Pläne zur Schaffung der Sonderregion auf der anderen Seite seiner Grenzstadt Dandong stets begrüßt. Schließlich fordert das Land seit Jahren von den nordkoreanischen Genossen, sich dem Westen zu öffnen. Doch offensichtlich war Peking nicht in das Projekt der Sonderwirtschaftszone einbezogen worden, das der Unternehmer Yang als "private Angelegenheit" zwischen ihm und Pjöngjang beschrieben hatte.

Das Büro - ein holländischer Königspalast

Yang ist eine schillernde Figur. Der Unternehmer ist laut "Forbes" mit 900 Millionen Dollar der zweitreichste Mann des Landes, fährt in Shenyang abwechselnd im Ferrari oder Rolls Royce durch die Straßen und residiert in einem Büro, das dem holländischen Königspalast nachempfunden ist. Der in Nanjing geborene Chinese wurde mit fünf Jahren Waise, studierte in den Niederlanden und nahm die niederländische Staatsbürgerschaft an. Mit Orchideenzucht und Export groß geworden, investiert er heute vermehrt in Landwirtschaftsprojekte in Nordkorea. In China leitet er ein unübersichtliches Geschäftsimperium, das aus seiner Firma Euro-Asia entstanden ist.

Für die nordkoreanischen Pläne bedeutet die Festnahme Yangs einen großen Rückschritt. Mit dem kapitalistischen Experimentierfeld einer Sonderwirtschaftszone, in der westliche Investoren Milliarden Dollar investieren sollten, wollte Nordkorea seine desaströse wirtschaftliche Lage verbessern - und der bekannte Unternehmer Yang sollte dem Projekt die nötige Publicity verleihen. Vielleicht hat Nordkoreas "geliebter Führer" Kim Jong Il zu sehr auf den zwielichtigen Yang gesetzt.

Die Sonderwirtschaftszone wollte sich Yang nach seinen bizarren Vorstellungen vom kapitalistischen Paradies errichten. "Total kapitalistisch" sollte die Zone werden. Zuerst würden chinesische Arbeiter eine Mauer hochziehen, die Sinuiju vom Rest Nordkoreas trennen soll, sagte der Unternehmer bei der Vorstellung des Projekts. Dann wolle er die vorhandene Stadt "plattmachen". Die derzeit 400.000 Einwohner will er hinauswerfen, ins Landesinnere umsiedeln und durch 200.000 "Experten" ersetzen. Zahlungsmittel soll der US-Dollar sein, es soll eigene Gesetze, eigene Gerichte und eine eigene Exekutive geben - und am liebsten würde sie Yang ausschließlich mit Ausländern besetzen. Mit Zollfreiheit und geringen Steuern soll die Zone Handel, Produktion und Tourismus erblühen lassen. Einreisevisa soll nur eine Volksgruppe benötigen - die einheimischen Nordkoreaner.

Doch trotz des Bilds einer blühenden Wirtschaftswunderinsel, die Yang malt, bleibt klar: Nordkorea ist alles andere als ein Land, in das Unternehmen gerne investieren. Gegenüber potenziellen Investoren hätte Yang viel Überredungskunst aufbieten müssen, um sie in das völlig verarmte Land zu locken. Die Energieversorgung ist dürftig, das Straßennetz völlig marode. Auch sauberes Wasser ist keineswegs Standard. Zudem gibt so gut wie keinen Internetzugang.

Möglicherweise hat Yang nun viel Zeit, sich über die Risiken seines Projekts näher Gedanken zu machen - in einem der berüchtigten chinesischen Gefängnisse. Er habe keine Ahnung, wo sich sein Chef im Moment befinde, sagte ein Sprecher Yangs am Freitag nach der Festnahme.

Hendrik Ankenbrand



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