Notbremsung und Achsbruch Bahn rechtfertigt Verhalten der Zugbegleiter vor ICE-Unfall

Die Bahn wehrt sich gegen Vorwürfe wegen des Kölner ICE-Unfalls: Das Zugpersonal habe auf Hinweise von Reisenden reagiert und den Zug per Notbremsung gestoppt. Trotzdem sprang der ICE kurz darauf aus den Gleisen - die Staatsanwalt will nun Fahrgäste und Zugbegleiter rasch befragen.


Köln - Wegen des Kölner ICE-Unglücks ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft. Die Bahn muss sich gegen Vorwürfe verteidigen, Zugbegleiter hätten nicht auf Hinweise von Passagieren geachtet, die ungewöhnliche Geräusche während der Fahrt bemerkten - der Konzern bestreitet das: Das ICE-Personal habe die Hinweise der Reisenden keineswegs einfach abgetan.

Nach den Hinweisen seien die Mitarbeiter selbst misstrauisch geworden und hätten bei der Ausfahrt vom Kölner Hauptbahnhof die Notbremse gezogen, sagte eine Bahnsprecherin. Anschließend sei der ICE 518 mit einem Achsenbruch aus dem Gleis gesprungen: "Ob das eine die Ursache des anderen ist, wird derzeit ermittelt."

Bahnmitarbeiter und Polizistin an ICE in Köln: Was löste den Unfall aus?
DDP

Bahnmitarbeiter und Polizistin an ICE in Köln: Was löste den Unfall aus?

Der Kölner Staatsanwaltschaft zufolge hatten die Bahnreisenden allerdings bereits nach der Abfahrt aus dem Frankfurter Flughafen auf die Geräusche aufmerksam gemacht. Die Zugbegleiter hätten geantwortet: "Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, das hat nichts zu bedeuten." Die Behörde hat deshalb Ermittlungen wegen des Verdachts auf Gefährdung des Bahnverkehrs gegen Unbekannt aufgenommen. Die Kölner Staatsanwaltschaft bestätigte dem SPIEGEL, dass in diesem Zusammenhang gegen noch unbekannte Mitarbeiter des Konzerns ermittelt werde.

Einem Sprecher der Ermittler zufolge wird geprüft, ob es einen Zusammenhang zwischen den Geräuschen und dem späteren Entgleisen des Zuges gab oder nicht. Falls dem so sei, müsse man sich fragen, "ob da falsch reagiert wurde", sagte der Sprecher. Unter anderem sollen nun die Reisenden befragt werden und möglichst rasch auch die Zugbegleiter. Am Wichtigsten sei jedoch das Gutachten zur genauen Unfallursache, das die Ermittler bereits in Auftrag gegeben haben. Möglicherweise, so die Vermutung der Staatsanwaltschaft, fuhr der Zug mit Rad- oder Achsendefekt auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Köln, auf der regulär Geschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometer pro Stunde erreicht werden.

Die 250 Fahrgäste waren bei dem Unfall in Köln unverletzt geblieben. Sie konnten über den Bahnsteig aussteigen, weil der Zug nur wenige Meter in Richtung Dortmund weitergefahren war. Allerdings blockierte der entgleiste ICE über Stunden den gesamten Zugverkehr.

Experten des Eisenbahnbundesamtes und der Bundespolizei untersuchen jetzt den Vorfall und forschen nach den Ursachen des Unfalls. Auch der ICE-Hersteller Siemens Chart zeigen beteiligt sich der Bahn zufolge an der Ursachenforschung. Für Fragen nach der Haftung sei es aber noch zu früh. Eine Siemens-Sprecherin lehnte einen Kommentar ab und verwies an das Staatsunternehmen.

Tausende Bahnreisende von Verspätungen betroffen

Die Bahn hat zudem mehrere Züge der neuesten ICE-Generation, zu der auch der entgleiste Zug gehörte, in die Werkstätten gerufen, um Sicherheitsmängel auszuschließen. Von den insgesamt 67 ICE-3-Zügen würden 61 überprüft, so der Konzern. Der Konzern betonte, bei der Aktion handle es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Vorstand Karl-Friedrich Rausch sagte, man gehe "auf Nummer sicher". Die Sicherheit der Fahrgäste habe "oberste Priorität". Er bat die Bahnkunden um Verständnis für "einzelne Zugausfälle und Komforteinschränkungen".

Tatsächlich müssen Bahnreisende bundesweit mit Zugausfällen und Verspätungen zurecht kommen. Insgesamt wurden 90 Zugverbindungen gestrichen, damit sind 15 Prozent des Fernverkehrs betroffen. Einschränkungen habe es vor allem im Ruhrgebiet, Köln und Frankfurt am Main sowie bei der ICE-Verbindung Frankfurt-Paris gegeben, hieß es bei der Bahn. Der "überwiegende Teil" der deutschen Fernverbindungen sei von den Zugausfällen aber nicht betroffen gewesen. Bahnkunden können sich über Fahrplanänderungen über die kostenlose Telefonauskunft 08000/996633 und die über die Internetseite des Konzerns  informieren.

ase/AP/dpa/ddp



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Meinungsmarktbeiträger 11.07.2008
1. Erfahrungen mit der Bahn
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Über "Service, Sicherheit, Komfort" konnte ich mich nie beklagen. Wenn ich - meist wiederwillig und aus beruflichen Gründen - mit dem ICE unterwegs war, dann fand ich es im nachherein immer wieder sehr angenehm. Bahnfahren ist nach meinem Empfinden allerdings nach wie vor viel zu teuer und deswegen so wenig attraktiv.
der_durden 11.07.2008
2. Nichts gelernt...
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Die DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Rochus 11.07.2008
3. Entgleisung in Köln
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Da ist die Bahn mal wieder erwischt worden: Profit geht über Sicherheit. Radreifen werden erneuert, wenn sie den Kunden um die Ohren fliegen, verrottete Bahnschwellen, wenn sie endlich zerbröseln und defekte Lager, wenn's nicht anders mehr geht. Bahnkunden brauchen einen sehr guten Draht zu einem leistungsfähigen Schutzengel. Jeder anderer Spediteur hätte schön längst seine Lizenz verloren. Rochus
derweise 11.07.2008
4. Würzburg, Köln
Vor Würzburg entgleiste der Hochgeschwindigkeitszug (!) ICE, weil einige Schafe auf dem Gleis waren. Das hätte schon stutzig machen müssen bezüglich der Erfüllung von sicherheitstechnischen Anforderungen. Nun ist wieder eine Engleisung: wegen Materialproblemen. Hier scheint die Routineüberprüfung nicht ausreichend. Gab es bei der Konstruktion des ICE überhaupt ein Sicherheitskonzept? Gibt es eine laufende Überwachung von Materialverschleiß usw.? Der ICE stellt eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit dar!
fraunicole 11.07.2008
5.
Zitat von der_durdenDie DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Mit der Privatisierung wird das Risiko noch größer werden. Profit ist Profit. Sicherheit kostet...
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