NS-Zwangsanleihe Deutsches Paar zahlt Reparationen an Griechenland

Die Bundesregierung wehrt sich gegen Entschädigungszahlungen an Griechenland. Das geht nicht, finden zwei Deutsche - und leisten vor Ort einfach selbst einen Anteil zur Tilgung der NS-Zwangskredite.

Motiv aus YouTube-Video: Nina Lange und Ludwig Zaccaro in Griechenland
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Motiv aus YouTube-Video: Nina Lange und Ludwig Zaccaro in Griechenland

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Hamburg/Athen - Ludwig Zaccaro und Nina Lange wollten einfach nicht länger warten. Während Politiker in Deutschland über die von Griechenland geforderten NS-Entschädigungen streiten, sind die beiden Deutschen einfach in die griechische Stadt Nafplio gereist, um deren Bürgermeister Dimitris Kostouros zu treffen. Zaccaro und Lange haben selber die Geldsumme gezahlt, die sie ihrer Ansicht nach Griechenland aufgrund der NS-Zwangskredite schulden: 875 Euro.

"Wir finden: Deutschland sollte erst einmal seine Schuld gegenüber Griechenland bezahlen", sagte Lange auf einer Pressekonferenz, die in einem Video auf YouTube veröffentlicht wurde. Auf dem Tisch vor ihr liegt ein weißes Din-A4-Blatt, mit Kugelschreiber steht darauf geschrieben: "Solidarity to Greece" ("Solidarität mit Griechenland").

"Wir haben gesagt: Als symbolischen Akt, um ein Umdenken zu initiieren, fangen wir einfach mal an, als kleine Leute, und geben eine Pro-Kopf-Rückzahlung an Griechenland," so Lange. Deshalb hätten sie im Rathaus gefragt, wo sie das Geld hingeben können und gesagt, dass sie die Medien informieren möchten: "Denn es soll in Deutschland ein Beispiel geben, damit vielleicht andere Deutsche auch umdenken."

Bürgermeister Kostouros hat Lange und Zaccaro gebeten, den Betrag einer gemeinnützigen Organisation zu spenden, die die Armen in der Stadt unterstützt und freie Essensausgaben anbietet.

"Das deutsche Paar hat uns gesagt, das Geld komme aus ihren kleinen Ersparnissen", sagt Christina Apostolopoulou, eine Sprecherin der Organisation Pyle Politisimou (etwa: "Tor zur Kultur"): "Ihr Beitrag ist von unschätzbarem Wert. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Spender zu finden, damit wir die 100 armen Familien ernähren können, die wir unterstützen. Aber es mangelt uns oft an Bargeld." Die Organisation werde das Geld nutzen, um Nahrungsmittel für diese Familien zu kaufen. "Wir sind sehr ergriffen", so die Sprecherin. "Sie haben die wahre Bedeutung von Solidarität aufgezeigt."

"Wir lieben Griechenland und seine Art zu leben", erklärte Lange in dem Video. "Uns gefällt die Gastfreundschaft, die Freundlichkeit, Offenheit und Geduld der Griechen. Und wir sind beschämt über die Arroganz unserer Medien und unserer Politiker gegenüber Griechenland", fügte die Deutsche hinzu. Weiter führt sie aus: "Unsere Medien, unsere Politiker tun so, als ob nur Griechenland Europa und Deutschland etwas schuldet. Aber es ist umgekehrt."

Deutschland schulde Griechenland Reparationszahlungen vom Weltkrieg und die Rückzahlung des Zwangskredits von 1942, sagt Lange. Die Höhe der Reparationszahlungen sei wohl beziffert auf um die 300 Milliarden Euro, sagte Lange weiter, der Zwangskredit mit Zinsen belaufe sich - je nach Berechnung - auf vielleicht 70.000 Euro: "Wir haben einfach mal die 70.000 Euro vom Zwangskredit genommen. Wir haben sie durch die Anzahl unserer Landsleute geteilt." So hätten sie ausgerechnet, dass für die Deutschen pro Kopf ein Betrag von 875 Euro zustande käme: "Nur, um diesen Zwangskredit zurückzubezahlen", betont Lange, "nicht mal die Reparationszahlungen."

"Wir haben nicht so viel Geld", sagt Lange. Aber den - nach ihren Berechnungen - Anteil für eine Person hätten sie mitgebracht. Bei den Zahlen indes ist in Langes Ausführungen ein bisschen was durcheinander gegangen: Gutachten beziffern den heutigen Wert der umstrittenen Zwangsanleihe auf rund zehn Milliarden Euro, das entspricht - geht man von 80 Millionen Deutschen aus - rund 125 Euro pro Kopf.

"Wir gehören nicht zur reichen Schicht in Deutschland, ich bin Rentner", ergänzt Zaccaro Langes Ausführungen, "meine Frau arbeitet 30 Stunden in der Woche und von dem Geld leben wir".

"Wir haben im Fernsehen gesehen, wie der griechische Finanzminister den Herrn Schäuble getroffen hat", erzählt er weiter. "Und wie sich der Herr Schäuble geäußert hat. Wir waren entsetzt." Und das sei auch der Auslöser für diese Aktion, da Schäuble die Forderung von Griechenland als verjährt bezeichnet habe, und das gebe es nicht.

Und dann sei kurz danach die Schlagzeile in der "Bild"-Zeitung gewesen: "'Bild'-Leser meinen - Keinen Euro mehr für Griechenland". Zaccaro: "Das finde ich unverschämt."



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