"Obszönes" Web-Tagebuch Delta Airlines feuert "Königin des Himmels"

Wegen angeblich unangemessen aufreizender Fotos auf ihrer privaten Webseite hat die US-Fluggesellschaft Delta Airlines eine Stewardess entlassen. Die jedoch will sich das nicht bieten lassen. Sie verklagte Delta auf zehn Millionen Dollar Schadenersatz.

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Screenshot von Simonettis Webtagebuch: 500.000 Besucher in elf Monaten

Screenshot von Simonettis Webtagebuch: 500.000 Besucher in elf Monaten

Austin - Ein wenig schräg ist sie schon, die Webseite von Ellen Simonetti. Zwar erinnert der zartrosa Rahmen des "Tagebuchs einer Stewardess" an einschlägige Angebote, die sonst nur über Dialer zu erreichen sind und die Telefonrechnung in die Höhe treiben. Doch die Fotos machen schnell klar: Wer Offenherziges sucht, ist hier falsch. Das Laszivste lässt gerade einen Blick auf ein winziges Stück vom Spitzen-BH der blonden Stewardess zu, die sich selbst "Königin des Himmels" nennt. Wer darin etwas Unanständiges entdeckt, fiele bei manchen Abbildungen in der "Apotheken-Umschau" in Ohnmacht.

Das sahen die Manager von Delta Airlines ganz anders. Sie erkannten die Bluse mit dem geöffneten Knopf als Teil der hauseigenen Uniform - und hatten prompt den Grund für eine fristlose Kündigung parat. Frau Simonetti habe gegen klare Regeln von Delta verstoßen, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft. Darin heiße es, dass die Verwendung von Delta-Markenzeichen ohne Genehmigung untersagt sei. Das gelte auch für die Uniformen.

Screenshot II: Zipfel eines Spitzen-BHs

Screenshot II: Zipfel eines Spitzen-BHs

Simonetti jedoch will den Rausschmiss nicht so einfach hinnehmen. "Ich habe zu keinem Zeitpunkt von irgendeinem Vorgesetzten den Hinweis bekommen, dass so etwas nicht erwünscht ist, ich hätte die Seite sofort abgeschaltet", sagte die 29-Jährige einem Reporter von BBC News. Auch habe sie sorgfältig darauf geachtet, dass an keiner Stelle ein Hinweis auf ihren Arbeitgeber zu finden ist. Tatsächlich ist in den Web-Tagebuch - blog genannt - nur von einer "Anonymous International Airline" die Rede.

Doch die Vorwürfe, die Simonetti gegen Delta richtet, wiegen noch wesentlich schwerer. Sie fühlt sich von ihren Vorgesetzten sexuell diskriminiert. Kollegen - hauptsächlich Männer - hätten zuvor häufiger Bilder von sich in Delta-Uniformen im Internet veröffentlicht, ohne dass ihnen daraus Konsequenzen erwachsen wären. Sie verlangt deshalb Schadenersatz in Höhe von zehn Millionen Dollar. Ein Anwaltsbüro sei bereits beauftragt, die Klageschrift zu verfassen.

Screenshot III: Laszivere Bilder in der "Apotheken-Umschau"

Screenshot III: Laszivere Bilder in der "Apotheken-Umschau"

Sollte es wirklich zu einem Gerichtsverfahren kommen, könnte Delta in arge Erklärungsnot geraten. Denn Simonetti betreibt ihr Internet-Tagebuch bereits seit Januar, ohne dass die Fluggesellschaft eingeschritten wäre. Das sei damals ohne weiteres möglich gewesen sagt Simonetti, denn sie habe ihren Arbeitgeber eigens darauf hingewiesen. Ihr Tagebuch war so erfolgreich - seit dem Start haben bis gestern bereits knapp 25.000 Surfer die Seite besucht - dass die Stewardess nach Werbekunden Ausschau hielt. Auch Delta habe sie in diesem Zusammenhang ein Angebot gemacht, sagt sie.

Außerdem kommt die Kündigung gerade in einer Zeit, in der Delta verzweifelt darum bemüht ist, seine Personalkosten zu verringern. Denn die Fluggesellschaft steht kurz vor der Insolvenz. Erst Ende Oktober hatte sie sich mit der Pilotengewerkschaft auf Gehaltskürzungen im Gesamtumfang von einer Milliarde Dollar geeinigt und damit den Antrag auf ein Gläubigerschutzverfahren abgewendet. Um die Motivation für eine Kündigung - und damit ihre Rechtmäßigkeit - zu ergründen, spielen solche Umstände durchaus eine gewichtige Rolle.

Auf der anderen Seite ist die grundsätzliche Frage, ob ein privates Internet-Tagebuch die Rechte des Arbeitgebers in der Weise verletzen kann, dass er deshalb kündigen darf. Eindeutig ist dies bisher weder im Gesetz noch in der Rechtsprechung geregelt. "Ein Problem besteht bei der Abgrenzung, was privat ist und was nicht", erklärt ein US-Rechtsexperte. Die Bilder, die Simonetti in Uniform zeigten, seien jedenfalls ganz einfach mit jeder Suchmaschine zu finden, also quasi öffentlich. Ein weiterer entscheidender Punkt sei dann die Frage, ob Delta auf Simonettis Webseite zu identifizieren ist.



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