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OECD-Studie: Soziale Ungleichheit in Deutschland wächst rasant

Die Kluft zwischen Arm und Reich reißt in Deutschland immer weiter auf. Einer neuen OECD-Studie zufolge haben sich Einkommensunterschiede und Armutsquote drastisch verschlimmert - schneller als in den meisten anderen Industrieländern der Welt.

Berlin - Das Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich hat sich in Deutschland deutlich vergrößert. Die Einkommensunterschiede und der Anteil armer Menschen an der Bevölkerung wuchsen in der Bundesrepublik schneller als in den meisten anderen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Das geht aus der am Dienstag veröffentlichter OECD-Studie "Mehr Ungleichheit trotz Wachstum?" hervor.

Der Anstieg zwischen 2000 und 2005 habe die Zunahme in den vorherigen 15 Jahren übertroffen. Während die Armutsquote in Deutschland Anfang der neunziger Jahre noch rund ein Viertel geringer war als im OECD-Mittel, liegt der Anteil der Menschen, die in relativer Armut leben, der Studie zufolge mittlerweile knapp über dem OECD-Schnitt.

Langzeitarmut (Armut über drei und mehr Jahre) ist hingegen ein Phänomen, das in Deutschland seltener als in anderen Ländern auftritt. Nur etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen - was der Hälfte des OECD-Durchschnitts entspricht. Ebenso ist das Niveau der Entbehrung von Grundbedürfnissen (Haushaltsgüter, Freizeit oder zufriedenstellende Wohnsituation) in Deutschland niedriger als in den meisten anderen Ländern.

Die Einkommensunterschiede, die im internationalen Vergleich lange Zeit eher gering gewesen waren, haben der Studie zufolge fast das OECD-Niveau erreicht. Abgesehen von Frankreich, Spanien, Irland, Griechenland und der Türkei hat in allen 30 OECD-Ländern die Einkommensungleichheit zwischen 1985 und 2005 zugenommen, heißt es in der Untersuchung.

Die OECD macht mehrere Entwicklungen für die Zunahme von Einkommensungleichheit und Armut in Deutschland verantwortlich. Seit Mitte der neunziger Jahre hätten sich die Löhne und Gehälter drastisch auseinander bewegt.

Außerdem trage in der Bundesrepublik die Arbeitslosigkeit mehr als in den meisten OECD-Ländern zur ungleichen Einkommensverteilung bei. Zwischen 1995 und 2005 sei der Anteil der Menschen, die in Haushalten ohne jedes Erwerbseinkommen leben, auf 19,4 Prozent gestiegen - der höchste Wert innerhalb der OECD.

Der Studie zufolge haben auch Veränderungen der Haushaltsstruktur zu mehr Ungleichheit in Deutschland geführt. In den vergangenen Jahren habe sich die Zahl der Single-Haushalte und Alleinerziehenden deutlich erhöht - und kleinere Haushalte benötigten ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als größere, um denselben Lebensstandard zu erreichen.

Michael Förster, einer der Hauptautoren der Studie, erwartet für Deutschland allerdings ein vorläufiges Ende des Trends zu mehr Ungleichheit. Für das Jahr 2007, das in der Studie noch nicht erfasst ist, "erwarten wir einen Rückgang der Unterschiede bei Einkommen und Armut", sagte Förster. Grund dafür sei vor allem die verbesserte Lage am Arbeitsmarkt - die durch die aktuelle Finanzkrise und die drohende Rezession allerdings wieder in Frage gestellt ist.

Warum wächst die Arm-Reich-Kluft? Wer ist am stärksten betroffen? SPIEGEL ONLINE dokumentiert die zentralen Befunde der Studie.

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OECD-Studie: Deutschlands Wohlstandsgefälle


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