Öffentlicher Dienst Ver.di legt Deutschland lahm - Hunderte Flüge gestrichen

Chaos an Deutschlands Flughäfen: Hunderte Verbindungen fallen aus, Tausende Passagiere stehen wütend in Warteschlangen. Vielerorts sind es nur wenige Gewerkschafter, die den Betrieb komplett lahmlegen.


Hamburg - München, Stuttgart, Frankfurt: Deutschlandweit kommt es an Flughäfen zu massiven Behinderungen. Allein in München wurden von 462 geplanten Starts und Landungen 100 abgesagt - hauptsächlich innerdeutsche Lufthansa-Verbindungen. In Frankfurt sind 80 Flüge ausgefallen, jeweils 40 Starts und 40 Landungen. Hier gingen rund 2000 Beschäftigte in den Streik. Die Aktionen treffen vor allem die Flugzeugabfertigung am Boden und die Sicherheitskontrollen. Vor den Schaltern bildeten sich lange Schlangen von Passagieren. Allein die Lufthansa hat 300 Flüge gestrichen.

Mit dem bundesweiten Warnstreik erhöht die Gewerkschaft Ver.di den Druck auf die Arbeitgeber im Öffentlichen Dienst. Morgen findet eine neue Verhandlungsrunde in Potsdam statt.

Vielerorts genügten wenige Gewerkschaftsmitglieder, um den Betrieb lahmzulegen. So gingen in Stuttgart nur 120 Beschäftigte in den Ausstand - trotzdem mussten zahlreiche Flüge annulliert werden. Zu massiven Behinderungen kam es auch am Flughafen Hannover. Laut Ver.di ließen hier 150 bis 250 Mitarbeiter bei Technik, Feuerwehr, Gepäckabfertigung und Bundespolizei die Arbeit ruhen. In Hannover findet derzeit die Computermesse Cebit statt. In Köln-Bonn wurden rund 50 Flüge annulliert. Bei zahlreichen anderen Flügen kam es zu Verspätungen.

Großkampftag ist für Ver.di heute auch in Berlin. Hier stehen Busse und U-Bahnen still. Gut 12.000 Beschäftigte der Verkehrsbetriebe BVG sind dem Streikaufruf der Gewerkschaft gefolgt. Seit dem frühen Morgen geht nichts mehr, nur noch die S-Bahnen fahren. Nach Angaben der Polizei stiegen zahlreiche Pendler aufs Auto um. Zusätzlich sorgte der am Morgen einsetzende Schneefall für Behinderungen. Auch die S-Bahnen waren voller als sonst. Am Verkehrsknotenpunkt Bahnhof Friedrichstraße musste die Polizei eingreifen, um die Menschenströme zu dirigieren.

Der Tarifkonflikt im Öffentlichen Dienst droht damit vollends zu eskalieren. Außer auf Flughäfen und in Nahverkehrsbetrieben ruht heute erneut die Arbeit in Kliniken, Kitas, Stadtreinigungsbetrieben und Verwaltungen. Allein in Nordrhein-Westfalen sollen sich laut Ver.di mehr als 70.000 Beschäftigte an den Warnstreiks beteiligen.

Ver.di fordert für die bundesweit 1,3 Millionen Angestellten des Bundes und der Kommunen acht Prozent höhere Gehälter, mindestens aber 200 Euro mehr im Monat. Die Arbeitgeber bieten bisher fünf Prozent - verteilt auf zwei Jahre - bei gleichzeitiger Verlängerung der Wochenarbeitszeit.

Gewerkschaftschef Frank Bsirske erhöhte heute den Druck auf die öffentlichen Arbeitgeber. "Wir fangen erst an", sagte er der "Neuen Presse". Der bisherige Verlauf der Warnstreiks habe gezeigt, dass die Beschäftigten auch bereit seien, "in einen unbefristeten Arbeitskampf zu gehen, wenn die Arbeitgeber weiter blockieren".

Das bisherige Angebot von Bundesregierung und Kommunen sei "schamlos und ein billiges Täuschungsmanöver. Wenn man die vorgeschlagene Verlängerung der Arbeitszeit einrechnet, müssten die Arbeitnehmer für die Lohnerhöhung noch Geld mitbringen", sagte Bsirske.

In Rheinland-Pfalz gingen heute Morgen vor allem Mitarbeiter der Nahverkehrsbetriebe in den Ausstand. Nach Angaben eines Ver.di-Sprechers kam der Verkehr in Kaiserslautern und Ludwigshafen fast vollständig zum Erliegen. In Trier sei nur die Hälfte der Busse im Einsatz, in Mainz führen etwa 30 Prozent nicht. Auch Beschäftigte von Kliniken und Entsorgerdiensten hätten die Arbeit niedergelegt.

Besonders hart trifft es aber vor allem die Flughäfen. Die Frankfurter Betreibergesellschaft Fraport rief die Passagiere auf, frühzeitig zum Airport zu kommen. Es seien erhebliche Behinderungen im Flugverkehr möglich. Daneben hat Ver.di auch die Flughäfen in Nürnberg, Münster-Osnabrück und Saarbrücken lahm gelegt. Die Lufthansa hatte vorsorglich 142 Flüge gestrichen.

In Hannover zog der Tarifkonflikt auch die Cebit in Mitleidenschaft. Wegen der weltgrößten Computermesse wurden heute Morgen etwa 70 Maschinen erwartet, ein Drittel mehr als üblich.

Die Arbeitgeber attackierten die Streiktaktik von Ver.di. Gerd Landsberg, der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, sagte der "Bild"-Zeitung: "Die Warnstreiks erreichen eine neue Dimension. Flughäfen lahmzulegen ist völlig unverhältnismäßig und gefährdet den Standort Deutschland." Landsberg forderte eine neue Debatte über das Warnstreikrecht: Man müsse künftig die Frage stellen, wo die Verhältnismäßigkeit ende. Ein neues Angebot der Arbeitgeber vor der letzten Verhandlungsrunde am Donnerstag halte er für ausgeschlossen, sagte Landsberg. Wenn sich die Gewerkschaft weiter so verhalte, sei eine Schlichtung unausweichlich.

Andere Arbeitgeber zeigten sich moderater. Man habe nie gesagt, dass die offerierten fünf Prozent das letzte Angebot seien, sagte der Präsident der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände, Thomas Böhle, im WDR. "Sie können ja nicht in Verhandlungen reingehen und sagen: Das, was wir bieten, ist das letzte Angebot. Man sucht einen Kompromiss." Nur wenn das nicht klappe, gehe es in die Schlichtung.

Unter einem anderen Tarifkonflikt leiden derweil die Bürger Berlins. Hier geht es um die Auseinandersetzung zwischen Ver.di und den Verkehrsbetrieben BVG. Das Land Berlin war aus der Tarifgemeinschaft der Arbeitgeber ausgestiegen, deshalb hat der BVG-Streik eigentlich nichts mit den Verhandlungen im Öffentlichen Dienst zu tun. Doch zeitlich passt er Ver.di gut ins Konzept.

Am Morgen traten Bus- und Bahnfahrer in einen unbefristeten Streik. Busse, U-Bahnen und Straßenbahnen blieben um 2 Uhr in den Betriebshöfen. Von den Arbeitsniederlegungen sind auch Besucher der weltgrößten Reisemesse ITB betroffen, die heute in Berlin beginnt. Der Streik soll mindestens bis zum 14. März dauern. "Wir haben einen Ersatzverkehr eingerichtet, aber es ist wirklich ein Not-Ersatzverkehr", sagte eine BVG-Sprecherin. "Wir hoffen, dass der Streik nicht bis Freitag nächster Woche dauert." Die BVG will mit dem Ersatzverkehr Fahrgästen ermöglichen, S-Bahnen zu erreichen, die trotz des Streiks fahren.

In der kommenden Woche könnte sich aber auch dies ändern: Wegen des Tarifkonflikts bei der Deutschen Bahn droht die Lokführergewerkschaft GDL mit einem neuen, unbefristeten Streik ab Montag - und der könnte dann auch die S-Bahn treffen. Bei der BVG fordert Ver.di acht bis zwölf Prozent mehr Geld für die Beschäftigten. Das Arbeitgeber-Angebot sieht eine stufenweise Erhöhung des Gehalts um sechs Prozent bis Ende 2010 vor.

wal/AFP/dpa/Reuters/ddp/AP

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