Öger-Tours-Käufer Lebedew "Potential des deutsch-russischen Marktes ausschöpfen"

Nach dem TUI-Einstieg des Stahlmilliardärs Alexej Mordaschow will nun der Moskauer Magnat Lebedew das Hamburger Touristikunternehmen Öger Tours übernehmen. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er über den Deal - und sein Interesse an weiteren deutschen Unternehmen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Lebedew, ist der Öger-Tours-Deal endgültig in trockenen Tüchern?

Lebedew: Ich habe vor zwei Wochen mit Herrn Öger eine endgültige Vereinbarung unterzeichnet. Jetzt muss noch das Bundeskartellamt zustimmen. Ich denke, dass wir das Okay innerhalb eines Monats bekommen. Faktisch sehe ich keine Hindernisse mehr. Eine Absichtserklärung gibt es schon rund ein Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld nehmen Sie in die Hand? Es ist von 125 Millionen Euro die Rede. Stimmt das?

Lebedew: Darüber haben wir Stillschweigen vereinbart. Wir haben auch nicht alles gekauft. Der türkische Teil bleibt in den Händen von Öger.

SPIEGEL ONLINE: Geht es Ihnen eigentlich nur darum, Ihr Geld aus Russland herauszubringen?

Lebedew: Keinesfalls. Sonst würde ich in meinem Heimatland nicht groß in die Landwirtschaft und in den sozialen Wohnungsbau investieren. Im Übrigen: Jedes große und ambitionierte Unternehmen muss international aufgestellt sein. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass mich der russisch-deutsche Markt besonders interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Pläne haben Sie mit Öger Tours?

Lebedew: Wir wollen das Geschäft von Öger in Deutschland und Europa weiterentwickeln und gleichzeitig ihre Plattform und ihren ausgezeichneten Ruf in der Türkei und Ägypten nutzen, um noch mehr russische Touristen in diese Länder zu verschicken. Und nicht nur in diese Länder, auch in andere. Warum nicht auch in die Mongolei, wo ich gerade Urlaub mache? Ein phantastisch interessantes und schönes Land. Aber ich erlebe gerade am eigenen Leib, wie schwer es selbst von Russland oder über Russland ist, in die Mongolei zu kommen, und wie unterentwickelt die touristische Infrastruktur ist.

SPIEGEL ONLINE: Trauen Sie sich zu, Marktführer bei Auslandsreisen russischer Touristen zu werden?

Lebedew: Jedenfalls wollen wir einer der großen Spieler in diesem Segment werden und einen anständigen Marktanteil erobern. Es wäre dumm zu behaupten, dass wir von Null anfangen. Öger ist gut vertreten in der Türkei und in Ägypten. Wir sind durch unsere Fluglinie Blue Wings und unsere Bank in einer guten Position, was Lufttransport und Finanzierung in Russland betrifft. Wir können über Öger in der Türkei und Ägypten eine große Anzahl von Hotelnummern buchen und unsere Kunden mit unseren Fliegern selbst dahin bringen. Wir müssen in Russland nicht unbedingt einen Reiseveranstalter dazukaufen. Wir können unseren Kunden Angebote machen, die 20 bis 30 Prozent billiger liegen. Bisher ist der russische Markt zu sehr in der Hand von Monopolisten.

SPIEGEL ONLINE: Erhoffen Sie sich Synergien durch den Öger-Einstieg?

Lebedew: Natürlich. Wir fliegen schon von Düsseldorf nach St. Petersburg und Moskau - und von Moskau nach Ägypten und in die Türkei. Jetzt schließen wir den Kreis. Blue Wings hat gegenwärtig zehn Flugzeuge, dazu haben wir noch einen Vertrag mit EADS über den Kauf von 20 neuen Airbus-Flugzeugen. Die Lieferung beginnt 2009 und soll 2011 abgeschlossen. Die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft, die der deutsche und der russische Markt bieten, wenn man sie zusammen sieht. Wir reden von 220 Millionen Menschen. Das gilt übrigens nicht nur für die Touristikbranche, sondern auch für die Bank- und Flugindustrie und andere Bereiche.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch weitere deutsche Unternehmen im Visier?

Lebedew: Wir wollen jetzt erst einmal die Tourismusindustrie miteinander verknüpfen. Vielleicht gelingt das auch in anderen Bereichen. Meine Holding kauft heute schon viele Maschinen und Ausrüstung in Deutschland, und zwar für unsere Sparten Holzverarbeitung, Bauindustrie und Landwirtschaft. Es liegt in unserem Interesse, dort die Zusammenarbeit zu verstärken. Wir bauen mit großer Geschwindigkeit das Filialnetz unserer Nationalni Reserve Bank aus. Es kann benutzt werden, um den Verkauf deutscher Technik und Hochtechnologie in Russland zu befördern. Wir suchen dafür auch nach einem deutschen Partner.

SPIEGEL ONLINE: Warum verkauft Herr Öger an einen Russen?

Lebedew: Das müssen Sie natürlich an erster Stelle ihn selbst fragen. Ich denke allerdings, dass auch er das Synergiepotential sieht. Dazu kommt, dass wir bei der Fluglinie Blue Wings schon lange vertrauensvoll und erfolgreich zusammenarbeiten. Ich denke auch, dass unser Unternehmen im Westen keinen schlechten Ruf hat.

SPIEGEL ONLINE: Im Westen haftet Ihnen aber auch der Ruf eines ehemaligen Auslandsaufklärers des sowjetischen Geheimdienstes KGB an. Sie arbeiteten damals an der Botschaft der UdSSR in London.

Lebedew: Da gibt es nichts, für das ich mich schämen müsste. Die englische Auslandsaufklärung jedenfalls hat ein normales Verhältnis zu mir. Und wenn das anders wäre, dann hätten sie mich schon zerlegt. Das ist ein Teil meines Lebens. Ich schaue darauf wie jeder Mitarbeiter der Auslandsaufklärung in anderen europäischen Ländern. Wäre ich Lehrer oder Arzt gewesen, wäre das für mich ganz genauso.

Das Interview führte Matthias Schepp in Moskau

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