Ökonom Edmund Phelps: Der missverstandene Nobelpreisträger

Als der US-Ökonom Edmund Phelps vor einigen Tagen den Nobelpreis für Wirtschaft gewann, wurde er vielfach als Kritiker des Wohlfahrtsstaats und als Gegner aktiver Arbeitsmarktpolitik dargestellt. Doch diese Deutung ist irreführend und gefährlich, schreibt der Volkswirt Willi Semmler.

New York - Viele hatten damit gerechnet: Dass Edmund Phelps für seine wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten in diesem Jahr den Wirtschaftspreis zum Andenken an Alfred Nobel erhält, kommt nicht überraschend. Schon mehrfach hat die Königlich-Schwedische Akademie andere Ökonomen für deren Grundsatzforschung zur Marktwirtschaft ausgezeichnet - etwa den Gleichgewichtstheoretiker Kenneth Arrow oder den Erforscher des Wachstums, Robert Solow.

Nobelpreisträger Phelps in New York: Was kann, was soll die Politik gegen Arbeitslosigkeit tun?
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Nobelpreisträger Phelps in New York: Was kann, was soll die Politik gegen Arbeitslosigkeit tun?

Vielfach sind dann aber verzerrend vereinfachende Statements über die Arbeiten dieser Nobelpreisträger erschienen. So auch diesmal bei der Würdigung von Edmund Phelps.

In ihrer Begründung für die Preisverleihung fasste die Schwedische Akademie den vermeintlichen Kern seiner Forschung mit folgenden Worten zusammen: "Die langfristige Rate der Arbeitslosigkeit ist nicht von der Inflationsrate bestimmt, sondern durch die Arbeitsmärkte. Stabilisierungspolitik kann nur die kurzfristigen Fluktuationen der Arbeitslosigkeit beeinflussen."

Angesichts der andauernd hohen Arbeitslosigkeit gerade in vielen Ländern Europas ist diese Einschätzung gleich aufgegriffen, oft wiederholt und kritisch auf den "alten Kontinent" und Länder wie Deutschland und Frankreich bezogen worden. Phelps wurde als strikter Angebotstheoretiker und als Erfinder des Gesetzes von der "natürlichen Arbeitslosenquote" dargestellt, deren Unterschreiten zwangsläufig zu einer Beschleunigung der Preissteigerung führe.

Glaubt man diesen Darstellungen, dann steht der frisch gebackene Nobelpreisträger Phelps für folgende Thesen:

  • Allein die unflexiblen Arbeitmärkte sind Ursache der Arbeitslosigkeit.
  • Eine langfristige Senkung der Arbeitslosigkeit geht immer mit einer höheren Inflationsrate einher.
  • Eine aktive Arbeitsmarktpolitik von staatlicher Seite oder Versuche der Notenbank, eine Senkung der Arbeitslosenrate zu verfolgen, sind zwecklos und sogar schädlich.

Dies sind Vereinfachungen, die oft von konservativer oder liberaler Seite stammen – und die vor allem den späteren Werken des verdient preisgekrönten Ökonomen nicht gerecht werden. Zum einen hat Phelps seit den späten sechziger Jahren, in denen seine besonders bekannten Arbeiten entstanden, zahlreiche andere Themen wie zum Beispiel den Aufbau von Humankapital erforscht.

Zum anderen hat er auch aufgezeigt, dass die Funktionsweise von Arbeitsmärkten sehr wohl durch aktive Eingriffe von staatlicher Seite verbessert werden kann. Eines seiner jüngeren Werke heißt denn auch "Rewarding Work" – ein doppeldeutiger Titel, den man zugleich mit "Wie man Arbeit belohnt" und "Erfüllende Arbeit" übersetzen könnte.

"Lasst ihnen den Wohlfahrtsstaat"

Phelps hat sich vor allem in den vergangenen 15 Jahren bemüht, Lösungen für das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit zu finden. Dabei erforschte er auch den Nutzen staatlich gezahlter Lohnsubventionen für schwer vermittelbare Arbeitskräfte. Seine Ideen sind in Deutschland in die Diskussion über den Kombilohn eingegangen.

In diesen neueren Arbeiten zeigt Phelps, dass die hohe Arbeitslosigkeit in Europa nicht primär durch einen rigiden Arbeitsmarkt, strengen Kündigungsschutz und durch die Wirkungen des Wohlfahrtsstaats verursacht wurde - sondern viel eher durch mangelhafte Unternehmensdynamik und Innovation. Als Phelps jüngst bei einem Auftritt an der Columbia-Universität in New York gefragt wurde, ob der Wohlfahrtsstaat das Problem Europas sein, antwortete er lakonisch: "Ich glaube das nicht. Lasst die Europäer ihren Wohlfahrtsstaat haben."

Nun ist es in der Tat richtig, dass vor allem Phelps' Arbeiten aus den Jahren 1967 bis 1969 ihren Weg in die Wirtschaftslehrbücher gefunden haben – damals befasste er sich mit der besagten "natürlichen Rate" der Arbeitslosigkeit. Seine Forschungen waren in ihrer Zeit bahnbrechend, und sie sind mikroökonomisch viel besser fundiert als die Arbeiten des Nobelpreisträgers Milton Friedman zum gleichen Thema.

Phelps' Arbeiten zur "natürlichen Arbeitslosenquote" richteten sich gegen die in der Politik jener Zeit verbreitete Annahme, dass man die Arbeitslosenquote problemlos senken könne – wenn man im Gegenzug eine höhere Inflation in Kauf nehme. Diese Idee, dass man sich politisch entweder für Inflation oder für Arbeitslosigkeit entscheiden könne, fand ihren Ausdruck in einem Ausspruch, der dem ehemaligen Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) zugeschrieben wird: "Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit."

Phelps hielt damals dagegen, dass eine unangemessen expansive Geldpolitik die Arbeitslosigkeit zwar kurzfristig senken kann. Langfristig führe sie aber zu höherer Inflation bei wieder ansteigender Arbeitslosigkeit, weil sich die Akteure der Wirtschaft lernend an die neuen Inflationsraten anpassen.

"Ich bin heute weniger von dieser Theorie beeindruckt"

Nun wäre es aber grundfalsch, aus Phelps' Theorie der "natürlichen Arbeitslosenquote" abzuleiten, dass die Notenbanken das Problem der Arbeitslosigkeit vollständig ausblenden sollten. Die strukturelle, natürliche Rate der Arbeitslosigkeit ist nicht in Stein gemeißelt und kann langfristig schwanken – auch als Folge von Geldpolitik.

So hat die US-Notenbank unter Alan Greenspan mit dazu beigetragen, die Arbeitslosigkeit zu senken, ohne dass die Inflationsrate anstieg. In Europa war es umgekehrt: Hier lagen die Zinssätze in Rezessionszeiten in den neunziger Jahren sehr hoch, so dass auch hier die Notenbanken einen Einfluss auf die Arbeitslosigkeit ausübten, der über rein kurzfristige Effekte hinausgeht.

Auch Phelps ist von seiner früheren Position etwas abgerückt. Bereits Ende der neunziger Jahre zeigt er mit seinem Co-Autor Gylfi Zoega, dass sich die "natürliche" Rate der Arbeitslosigkeit im Laufe der Zeit sehr wohl nach oben oder unten verändern könne. Er hat inzwischen in eigener Sache gewarnt, seine Theorie überzuinterpretieren.

In einem Interview, das er kurz nach Gewinn des Nobelpreises der "New York Times" gab, sagte er: "Ich bin heute weniger von dieser Theorie der natürlichen Rate der Arbeitslosigkeit beeindruckt." Die Theorie, so sagte er, hinterlasse bei vielen Menschen den Eindruck, "dass es keine Hoffnung gibt, sie erscheint als eine Art Naturgesetz, das von der Gesellschaft nicht rückgängig gemacht werden kann."

Phelps selbst hat in den vergangenen 15 Jahren politische Vorschläge vorbereitet, um die Langzeitarbeitslosigkeit zu verringern. Denn die Politik, das zeigt er, steht diesem Problem keineswegs machtlos gegenüber.

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