Lernen von Joseph Schumpeter: Der Unordnungspolitiker

Von Frank Arnold

Kapitalismus ist Chaos - mit diesem Gedanken erschütterte Joseph Schumpeter vor über hundert Jahren die Grundfesten der Ökonomie. Heute ist sein Konzept von der schöpferischen Zerstörung aktueller denn je: Nur Unternehmen, die sich fortwährend in Frage stellen, bleiben stabil.

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Joseph Schumpeter: Mit dem Begriff der schöpferischen Zerstörung seiner Zeit weit voraus

Was für eine Skandalnudel: Als Professor duellierte sich Joseph Schumpeter mit dem Bibliotheksleiter. Als österreichischer Finanzminister zeigte er sich öffentlich mit Prostituierten. Eine von ihm geführte Bank ging pleite.

Und auch als Wissenschaftler konnte er mit Ordnung wenig anfangen. Der Österreicher war der erste einflussreiche Nationalökonom, der vor 100 Jahren vehement die Ansicht vertrat: Ein dynamisches Chaos sei viel eher die Norm für eine gesunde Volkswirtschaft als stetiges Gleichgewicht. Bis heute ist der Prozess der schöpferischen Zerstörung untrennbar mit dem Namen Joseph Schumpeter (1883-1950) verbunden.

Durch sein 1911 erschienenes Buch "Die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" lenkte er die Aufmerksamkeit auf das Thema Innovation. Jahrzehnte bevor es zum Standardthema in fast allen Unternehmen wurde - und zur Standardfloskel in den Sonntagsreden fast aller Wirtschaftsminister. Schumpeters Kernidee: Kapitalismus ist Unordnung, die fortwährend durch innovative Unternehmer mit neuen Ideen in den Markt getragen wird. Aus dieser Unordnung entstehen Fortschritt und Wachstum.

Wie Apple Sony das Geschäft wegnahm

Damit war er seiner Zeit weit voraus. Heute besitzt schöpferische Zerstörung mehr Relevanz denn je. Innovation ist zum zentralen Thema für jede Organisation geworden. In einer Zeit stetigen Wandels ist nicht Größe das relevante Kriterium für die Stärke eines Unternehmens, sondern Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Rahmenbedingungen.

Das Unternehmen Sony liefert ein Beispiel für die Folgen, wenn einer Organisation der Sinn für schöpferische Zerstörung fehlt. In den 1980er Jahren hatte das Unternehmen mit dem Walkman für Kassetten einen Welterfolg. Rund zwei Jahrzehnte lang dominierte Sony den Markt. Die Organisation verpasste es aber, die Bedrohung durch Apple richtig zu erkennen, geschweige denn darauf mit aller vorhandenen Marktmacht zu reagieren.

2007 vermeldete Apple, 100 Millionen iPods verkauft zu haben, und die Presse sprach vom "Walkman des 21. Jahrhunderts". Die Dominanz des iTunes Stores wurde 2009 auf unglaubliche rund 70 Prozent Marktanteil am legalen amerikanischen Musik-Downloadmarkt geschätzt.

Dabei hat sich auch Sony an der Entwicklung von digitalen Musikplayern versucht. Doch das Unternehmen glaubte zu lange, dass allein die Hardware der Schlüssel zu Herz und Brieftasche des Kunden sei, während Apple mit schöpferischer Zerstörungskraft erkannte: Es ist die intelligente Verknüpfung von Hard- und Software mit passenden Medieninhalten, die den Erfolg ausmacht. Mit allem, was um den iPod herum geboten wurde, angefangen bei den leicht zu nutzenden Verknüpfungen mit dem Webshop iTunes bis hin zu seiner Bedeutung als Lifestyle-Symbol, machte Apple aus einem guten ein exzellentes Produkt, das zum Welterfolg wurde.

Heute erhalten gerade jene Organisationen ihre Stabilität, die sich fortwährend weiterentwickeln. Alle Regeln, Systeme, Prozesse, Produkte und Dienstleistungen haben irgendwann ihren Zweck erfüllt und müssen deshalb erneuert werden - oder sie haben ihn nicht erfüllt und müssen deshalb erst recht ersetzt werden.

Innovationen werden nie nur freudig aufgenommen

Unternehmerisches Handeln gilt als riskant. Stimmt! Aber Innovationen sind mit weniger Risiko verbunden, als überholte Dinge immer weiter zu optimieren. Es nutzt dem letzten Hersteller von Kutschen nichts, wenn er seine internen Prozesse und sein Marketing optimiert, während die Menschen Automobile verlangen. Unternehmerisch handelnde Führungskräfte sehen, entgegen dem Klischee des risikofreudigen Entrepreneurs, Risiken nicht als Selbstzweck. Im Gegenteil, sie tun viel dafür, um Risiken zu erkennen und unter Kontrolle zu bringen. Aber in einer Zeit immer schnellerer Veränderungen haben Führungskräfte die Wahl, entweder nur auf diese Veränderungen zu reagieren, oder aber den Wandel selbst aktiv zu gestalten.

Schumpeters Konzept: In modernen Unternehmen ist es lebendiger und wichtiger denn je.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Nicht Schumpeter sondern ein gewisser Karl Marx
Xircusmaximus 01.04.2012
Zitat von sysopCorbisKapitalismus ist Chaos - mit diesem Gedanken erschütterte Joseph Schumpeter vor über 100 Jahren die Grundfesten der Ökonomie. Heute ist sein Konzept von der schöpferischen Zerstörung aktueller denn je: Nur Unternehmen, die sich fortwährend in Frage stellen, bleiben stabil. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,823853,00.html
hat die zyklischen Krisen der Kapitalverwertung entdeckt. .... Kapitalismus ist Unordnung, die fortwährend durch innovative Unternehmer mit neuen Ideen in den Markt getragen wird. Aus dieser Unordnung entstehen Fortschritt und Wachstum..... .... Ein Zitat, laut Artikel von Schumpeter, daß etwas behauptet aber nichts erklärt. Unternehmer sind eben nicht von sich aus kreativ und wagemutig, sondern der totale Krieg der freien Konkurrenz, zwingt die Marktteilnehmer dazu sich stetig etwas Neues einfallen zu lassen. . Siehe Zitat von Karl Marx Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose "bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritter- |465| lichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen {8} aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.................... .... Bourgeoisie mit heutigen Worten bedeutet in etwa = Arbeit-geber, Besitz-Bürger, Investor, Aktionär usw.
2. Wow
Eluis 01.04.2012
Zitat von sysopCorbisKapitalismus ist Chaos - mit diesem Gedanken erschütterte Joseph Schumpeter vor über 100 Jahren die Grundfesten der Ökonomie. Heute ist sein Konzept von der schöpferischen Zerstörung aktueller denn je: Nur Unternehmen, die sich fortwährend in Frage stellen, bleiben stabil. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,823853,00.html
Mal was vernünftiges im SPON, kaum zu glauben. Wenn sich unsere Politikerdarsteller wie z.B. aktuell im Fall Schlecker mal anstatt immer aufs Retten (Optimierung der Kutschenproduktion) mal ein Buch dieses hervorragenden Wissenschaftlers und Ökonomen mal vornehmen würden und dementsprechend handelten, wäre schon viel geholfen.
3. Juhuuu !
Sacha_Gortchakoff 01.04.2012
Zitat von sysopCorbisKapitalismus ist Chaos - mit diesem Gedanken erschütterte Joseph Schumpeter vor über 100 Jahren die Grundfesten der Ökonomie. Heute ist sein Konzept von der schöpferischen Zerstörung aktueller denn je: Nur Unternehmen, die sich fortwährend in Frage stellen, bleiben stabil. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,823853,00.html
Dann bin ich ja doch ein guter Unternehmensberater ! :)
4. Schlecker-Rettung
Sacha_Gortchakoff 01.04.2012
Zitat von EluisMal was vernünftiges im SPON, kaum zu glauben. Wenn sich unsere Politikerdarsteller wie z.B. aktuell im Fall Schlecker mal anstatt immer aufs Retten (Optimierung der Kutschenproduktion) mal ein Buch dieses hervorragenden Wissenschaftlers und Ökonomen mal vornehmen würden und dementsprechend handelten, wäre schon viel geholfen.
Es müsste eigentlich Bedarf an einer Tante-Emma-Ladenkette bestehen. Das müsste eigentlich sogar ein Renner sein...
5. Schumpeter hielt Kapitalismus nicht für überlebensfähig
Xircusmaximus 01.04.2012
Zitat von sysopCorbisKapitalismus ist Chaos - mit diesem Gedanken erschütterte Joseph Schumpeter vor über 100 Jahren die Grundfesten der Ökonomie. Heute ist sein Konzept von der schöpferischen Zerstörung aktueller denn je: Nur Unternehmen, die sich fortwährend in Frage stellen, bleiben stabil. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,823853,00.html
Der aus dem mährischen Triesch stammende österreichische Nationalökonom und Finanzpolitiker war nämlich weit davon entfernt, schöpferische Zerstörung als ein erfreuliches oder auch nur überwiegend wohltätiges Moment in den modernen Volkswirtschaften zu beschreiben. Er sah sie vielmehr als eine latente Gefahr für blühende Wirtschaften an und empfahl ihre Einhegung und Minimierung. . Viel Unfug ist in der letzten Zeit mit dem Wort von der "schöpferischen Zerstörung" angerichtet worden. Kommentatoren, die angesichts der Verheerungen, die die Finanzkrise angerichtet hat, Trost spenden wollten, erinnerten sich an dieses von Joseph Schumpeter geprägte Wort und versuchten, die Vorkommnisse mit seiner Hilfe in ein rosiges Licht zu tauchen. Der Schuß ging aber gewissermaßen nach hinten los. Nicht die aktuellen Zerstörungen wurden gerechtfertigt, sondern der Begriff des Schöpferischen wurde blamiert. . Die Opfer der Finanzkrise empfinden derlei Sprüche als reinen Zynismus. Sie wehren sich gegen das eigene Zerstörtwerden im Namen von irgendwelchen künftigen Aufschwüngen. "Wenn so die schöpferische Kraft des Kapitalismus aussieht", sagen sie, "wenn zunächst einmal alles kaputt geschlagen werden muß, bevor es wieder besser wird, dann weg mit einem solchen Kapitalismus und weg mit einer solchen Schöpferkraft! Wir sind doch nicht blöd."
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Zum Autor
  • Frank Arnold ist Berater und Autor des Buches "Management - Von den Besten lernen". Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler leitet die Züricher Unternehmensberatung Arnold Management GmbH, spezialisiert auf die Gestaltung von Veränderungsprozessen in Unternehmen.

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