Ökonom Joseph Stiglitz "Banken haben total versagt"

Die globale Finanzkrise erschüttert die Bankenbranche. Doch das Schlimmste kommt erst noch, sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz im Interview - und wundert sich, mit welchem Gleichmut die Steuerzahler für die Fehler der Geldkonzerne geradestehen.


manager-magazin.de: Professor Stiglitz, wir stecken mitten in einer der schlimmsten Finanzkrisen, die Generationen von Menschen seit dem Zweiten Weltkrieg durchstehen mussten. Warum musste es so weit kommen?

Ökonom Stiglitz: "Eine Pleite wäre nicht gesund"
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Ökonom Stiglitz: "Eine Pleite wäre nicht gesund"

Stiglitz: Weil die Banken sie selbst heraufbeschworen haben. Deshalb erstarren wir in der fatalsten Wirtschaftslage nach dem Krieg, und wir werden noch tiefer nach unten gezogen. Es sieht wirklich schlimm aus. Und warum? Weil die Banken ihr eigenes Geschäft nicht verstanden haben. Weil sie sehr, sehr schlechte Risikoanalysen zu dessen Grundlage gemacht haben.

mm.de: Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sagt, dass sie genau die über Jahre immer weiter verfeinert hätten.

Stiglitz: Das müssen sie im Stillen gemacht haben. Selbst die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat die Geldhäuser erst kürzlich aufgefordert, sie sollten ihre Risikovorsorge verbessern. Basel II wird die Mahnung genannt, die gerade die Banker der Wall Street so gar nicht hören wollen.

mm.de: Aber Risikoanalysen sind doch das Kerngeschäft der Banker. Und das muss denen noch mal vorgeschlagen werden?

Stiglitz: Das ist schockierend, nicht wahr? Es gibt tatsächlich keine einzige Entschuldigung für diese Burschen. Die hatten einfach keine rechte Ahnung von ihrem eigenen Geschäft. Sie haben total versagt. Unser Finanzsystem ist jetzt unsicherer als nach dem Zweiten Weltkrieg. Und wissen Sie, was beinahe noch schlimmer ist?

mm.de: Was könnte noch schlimmer sein, als dass die Banken die Grundlagen ihres Geschäftes nicht verstanden hätten?

Stiglitz: Ja, das fragen Sie sich zurecht. Aber unglücklicher Weise waren die Banker in dieser Zeit auch noch ausgesprochen kreativ, dieses unverstandene Geschäft mit immer neuen Finanzinnovationen auszubauen. Doch die hatten immer nur zum Ziel, den eigenen Profit zu steigern. Nicht ein einziges neues Produkt aber sollte den Finanzmarkt sicherer machen. Und wenn solche Ideen aufkamen, haben sie die auch noch mit allen Mitteln bekämpft.

mm.de: Welche Idee hätte das Finanzsystem denn beispielsweise sicherer gemacht?

Stiglitz: Neue Darlehensvarianten etwa. Argentinien beispielsweise wollte sich in höchster Not Kredit besorgen, dessen Zinsen sich nach der Höhe des jeweiligen Wirtschaftswachstums richteten. In schlechten Zeiten niedriger, in guten höher. Die Wall Street hat das verhindert, weil sie ihre Profite bedroht sah. Höhere finanzielle Sicherheit für andere Marktteilnehmer spielte für sie keine Rolle.

mm.de: Haben diese Einstellung jetzt auch Amerikas Hausbesitzer zu spüren bekommen, die in Schwierigkeiten geraten sind, weil sie die Kredite für ihre Gebäude nicht mehr zurückzahlen können?

Stiglitz: Exakt so ist es. Die Banker haben Wege gefunden, Leuten Kredite für Häuser anzudrehen, die sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten. Aber Innovationen, wie mit diesen Risiken umgegangen werden soll, haben sie keine einzige fertiggebracht. Sie haben mit ihren Kunden gespielt.

mm.de: Wie lange wird die Krise anhalten?

Stiglitz: Noch eine ganze Weile, weil uns das Schlimmste erst noch bevorsteht. Ich bin sehr pessimistisch. Die Banken werden große Probleme haben, ihr verloren gegangenes Kapital wiederzubeschaffen.



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