Ökonom Lars-Hendrik Röller "Freier Handel ist die beste Konjunkturspritze"

Milliarden für den Straßenbau, Rettungspakete für Banken - diese Anti-Krisen-Pläne der Politik greifen zu kurz, kritisiert Lars-Hendrik Röller. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Präsident der Management-Hochschule ESMT, wie kluge Liberalisierung Impulse für mehr Wachstum bringen könnte.


SPIEGEL ONLINE: Herr Röller, gerade hat die Bundesregierung ein zweites Konjunkturprogramm mit Milliardeninvestitionen etwa in den Straßenbau versprochen. Kann die Politik nur so gegen die Wirtschaftskrise ankämpfen?

Röller: Nein. Gerade im Rahmen der internationalen Welthandelsorganisation WTO könnte man viel erreichen, indem man zum Beispiel neue, faire Spielregeln für den freien Welthandel festsetzt. Das könnte die Konjunktur weltweit maßgeblich beleben. Das Abkommen würde eine wirtschaftliche Dynamik entwickeln. Der Exportnation Deutschland käme das natürlich zugute.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Minister streiten sich seit Jahren über die Liberalisierung ...

Röller: Leider. Auch 2008 werden sie nichts mehr verabschieden. Da wurde eine Chance vertan.

SPIEGEL ONLINE: Die internationale Gemeinschaft versagt?

Röller: Auf jeden Fall steigt der Druck. Im Sommer waren die Verhandlungen ja bereits gescheitert, dann hat man auf dem G-20-Gipfel einen zweiten Versuch angeregt. Die Interessen sind einfach sehr unterschiedlich. Als Ökonom hoffe ich, dass wir zu einer schnellen Lösung kommen, weil man damit wichtige Wachstumsimpulse geben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Hätten die Staaten der Welt überhaupt eine Chance, der Krise gemeinsam beizukommen?

Röller: Das ginge schon, man müsste einen gemeinsamen Versuch starten. Die WTO-Verhandlungen laufen jetzt schon sieben Jahre - wenn man jetzt nicht zu einem Ergebnis kommt, wann dann? 2008 sind viele Handelsbarrieren sogar eher wieder größer geworden. Dabei kann man über freien Handel Wachstumsimpulse schaffen, wenn er mit vernünftigen Spielregeln abläuft - also beispielsweise Kinderarbeit ächtet und den Umweltschutz beachtet. Unter diesen Bedingungen ist der freie Handel eine der besten Konjunkturspritzen, die man sich vorstellen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wo könnte die Politik sonst noch ansetzen?

Röller: Bei der Regulierung. Gerade im Bereich der Infrastruktur und IT könnte man auf einige Regeln verzichten. Man sollte nicht zu vieles regulieren und so die Rahmenbedingungen für Investitionen schaffen. Schon dadurch kann man positive Wachstumseffekte erzielen.

SPIEGEL ONLINE: Aber zu wenig Regulierung hat dazu geführt, dass Regierungen weltweit ihren Banken und Unternehmen mit Milliarden helfen müssen.

Röller: Es geht nicht um mehr oder weniger Regulierung, sondern um effektivere. In der Finanzbranche gibt es eindeutig zu wenig effektive Regulierung. Das ist gefährlich. Ein anderes Thema sind die EU-Beihilfen, das ist eine bestimmte Form der Subvention. Wenn bestimmte Branchen in Schwierigkeiten geraten, muss man aber aufpassen, dass dadurch nicht der Wettbewerb verzerrt wird. Das würde langfristig unserer Volkswirtschaft schaden.

SPIEGEL ONLINE: Zu spät - die Milliarden fließen doch längst!

Röller: Das stimmt. Aber die Beihilfen wurden intensiv geprüft. Es ging los mit dem Rettungspaket für Banken, das in Brüssel genehmigt wurde, jetzt ist die Autoindustrie dran. Ein anderes Problem dabei ist, dass es in den USA keine Subventionskontrolle gibt wie in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Bringt das dann nicht Nachteile für europäische Unternehmen?

Röller: Genau das ist der Punkt. Innerhalb von Europa ist es für alle fair, weil für alle dieselben Spielregeln gelten. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass die europäischen Interessen im internationalen Wettbewerb nicht verletzt werden, wo andere beziehungsweise weniger ausgearbeitete Spielregeln gelten. Dafür ist unter anderem die WTO zuständig. Hier müssen wir als Europäer unsere Interessen bündeln und durchsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind Konflikte mit den USA absehbar: Immerhin hat deren neuer Präsident Barack Obama angekündigt, dass er den Autobauern des Landes mit Milliarden helfen will.

Röller: So ist die Welt. Allerdings kann es nicht sein, dass in Amerika marode Industrien am Leben erhalten werden - das geht letztendlich auf Kosten der guten Produkte, die in Europa hergestellt werden. Da müssen wir handeln, denn gemeinsam sind wir Europäer stark. Ich sehe gute Chancen, dass sich die EU da durchsetzt.

Das Interview führte Corinna Kreiler



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