Protest gegen Notenbankschelte: Top-Ökonomen starten Aufruf zur Unterstützung der EZB

Von Stefan Kaiser

Die Politik der Europäischen Zentralbank hat die Euro-Krise beruhigt - aber in Deutschland viel Kritik hervorgerufen. Sogar das Verfassungsgericht befasst sich mit der Rechtmäßigkeit des Anleihenkaufs. Führende Ökonomen wollen die EZB nun unterstützen und starten einen weltweiten Aufruf.

EZB-Präsident Draghi: "Eine der geschicktesten Ankündigungen seit Jahrzehnten" Zur Großansicht
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EZB-Präsident Draghi: "Eine der geschicktesten Ankündigungen seit Jahrzehnten"

Hamburg - Mario Draghi bekommt prominenten Zuspruch für seinen Kurs in der Euro-Krise. Führende Ökonomen haben einen internationalen Aufruf gestartet, um das umstrittene Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) zu unterstützen.

Genau ein Jahr ist es her, dass Draghi die Wende in der Euro-Krise brachte: Am 26. Juli 2012 versprach der EZB-Chef, alles zu tun, um den Euro zu retten. Wenig später demonstrierte er, was er damit meinte: Ein unbegrenztes Programm zum Aufkauf von Staatsanleihen (OMT) sollte die Krisenländer der Euro-Zone vor Pleite-Spekulationen retten - und die Währungsunion vor dem Zusammenbruch bewahren.

Die Ankündigung wirkte sofort - ohne dass die EZB sie wirklich umsetzen musste. Draghis Worte reichten aus, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Doch gerade in Deutschland stieß die Politik der Notenbank auf heftige Kritik. Ökonomen warnten vor Inflation, Juristen sahen die Unabhängigkeit der Notenbank gefährdet. Mehrere Kläger zogen sogar vor das Bundesverfassungsgericht, um das Anleihekaufprogramm zu stoppen. Das Verfahren läuft noch.

Nun hat eine Gruppe von Ökonomen einen Aufruf zur Unterstützung der EZB-Politik gestartet. Mit dabei sind der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sowie die frühere Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro. Auch die renommierten Professoren Francesco Giavazzi, Richard Portes und Charles Wyplosz gehören zu den Erstunterzeichnern. Seit Donnerstag wird der Aufruf an Ökonomen in der ganzen Welt verschickt.

"Die Angriffe sind schädlich für Europa"

"Wir wollen zeigen, dass es international eine überwältigende Mehrheit für das OMT-Programm gibt", sagte DIW-Chef Fratzscher SPIEGEL ONLINE. In Deutschland sei die Politik der EZB bisher sehr einseitig dargestellt worden.

Fratzscher weiß, wovon er redet. Als er Anfang Juni als Sachverständiger zur Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe geladen war, schien er mit seiner zustimmenden Haltung weitgehend isoliert. Die anderen geladenen Ökonomen, allesamt Deutsche, sahen das EZB-Programm eher kritisch. Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, warnte damals, Deutschland hafte mit einer dreistelligen Milliardensumme für die Risiken der Notenbankpolitik.

Nun will Fratzscher zeigen, dass der Eindruck aus Karlsruhe täuschte: "Wir haben schon weit über 100 Unterzeichner, viele davon in Deutschland", sagte der frühere EZB-Ökonom. Auch Nobelpreisträger seien dabei.

In dem Aufruf, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, zeigen sich die Wissenschaftler "tief besorgt über die Angriffe einiger Ökonomen, Politiker und Beobachter in Deutschland", die auf die EZB und deren Politik zielten. "Wir betrachten diese Angriffe als inhaltlich falsch, in ihrer Absicht fehlgeleitet und schädlich für Europa und die Weltwirtschaft." Sie seien weder in europäischem noch in deutschem Interesse.

Stattdessen gibt es großes Lob für Draghi und dessen EZB-Kollegen: "Die Ankündigung des OMT-Programms im Sommer 2012 ist eine der geschicktesten und erfolgreichsten Ankündigungen in der Geldpolitik seit Jahrzehnten." Ohne einen einzigen Euro auszugeben, sei es der EZB gelungen, das Vertrauen in die Nachhaltigkeit des Euros und die Aussichten der Wirtschaft im Euro-Raum zu verbessern.

Das sehen allerdings nicht alle Ökonomen so. Ifo-Präsident Sinn jedenfalls reagierte verhalten auf den Aufruf: "Niemand bestreitet, dass sich die Kapitalmärkte beruhigen lassen, wenn man den Käufern der südlichen Staatspapiere mit Hilfe des OMT kostenlosen Versicherungsschutz anbietet", sagte er SPIEGEL ONLINE. Eine solche Lösung sei zwar "für Schuldner und Gläubiger gleichermaßen attraktiv", allerdings nicht für die Steuerzahler der bislang "noch gesunden Länder Europas". Diese müssten am Ende die Verluste der EZB tragen.

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insgesamt 679 Beiträge
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1. Ah, díe Gehirnwäsche geht jetzt unter neuem Vorzeichen weiter:
si tacuisses 26.07.2013
Zitat von sysopDie Politik der Europäischen Zentralbank hat die Euro-Krise beruhigt - aber in Deutschland viel Kritik hervorgerufen. Sogar das Verfassungsgericht befasst sich mit der Rechtmäßigkeit des Anleihenkaufs. Führende Ökonomen wollen die EZB nun unterstützen und starten einen weltweiten Aufruf. Ökonomen starten Aufruf zur Unterstützung der EZB - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/oekonomen-starten-aufruf-zur-unterstuetzung-der-ezb-a-913369.html)
Die Ökonomen der Alternative für Deutschland macht man medial fertig, weil sie klar machen, dass diese Schuldenpolitik ins Chaos führen muss. Hier tönen einige Betroffene ( DIW ) dass der Goldman Gesocks-Statthalter bei der EZB alle bestens im Griff habe und es sehr gut mache? Sind die alle besoffen ?
2. Mh
HAL3000 26.07.2013
Zitat von sysopDie Politik der Europäischen Zentralbank hat die Euro-Krise beruhigt - aber in Deutschland viel Kritik hervorgerufen. Sogar das Verfassungsgericht befasst sich mit der Rechtmäßigkeit des Anleihenkaufs. Führende Ökonomen wollen die EZB nun unterstützen und starten einen weltweiten Aufruf. Ökonomen starten Aufruf zur Unterstützung der EZB - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/oekonomen-starten-aufruf-zur-unterstuetzung-der-ezb-a-913369.html)
Einfach nur die feist grinsenden Hackfressen der Verantwortlichen anschauen - und guuut merken. Es kommt der Tag der Abrechnung, nur eine Frage der Zeit...
3.
peter234 26.07.2013
Ich bin mir sicher, dass der Rest der Welt es ganz toll findet wenn Deutschland möglichst viel der Eurokosten begleicht.
4.
mapel911 26.07.2013
"sollte die Krisenländer der Euro-Zone vor Pleite-Spekulationen retten" Die Pleite-Spekulanten verlieren, die Staatsanleihe-Spekulanten gewinnen. Zinsen, Zinsen, Zinsen.
5. Gut - fehlt nur Vorkaufsrecht für Private
rkinfo 26.07.2013
Die EZB sichert die Geldbeschaffung der Staaten aber sieht könnte damit auch private Kleinanleger bedienen. 3-6% für mehrjährige Geldanlagen wären für viele von Vorteil. Heiten leisten sich Banken die Staatspapiere und die sind eh wiederum bei Pleite gesichert.
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