Ökonomen-Warnung "Die Märkte bleiben bis mindestens Ende 2009 nervös"

Die Finanzkrise ist auf einem neuen Höhepunkt - wie lange dauert sie noch? Drei Experten geben Antworten: Die Ökonomen Walter, Straubhaar und Carstensen sprechen im SPIEGEL-ONLINE-Interview über die Börsenturbulenzen und die Folgen für Deutschlands Konjunktur.


SPIEGEL ONLINE: Herr Walter, die Finanzkrise hält uns seit Monaten in Atem - wann ist sie endlich vorbei?

Walter: Nicht vor Ende 2009 - so lange wird das Auf und Ab weitergehen, die Märkte werden volatil, nervös bleiben. Wir brauchen Zeit, um richtige Bewertungen, neue Regulierungen und auch neue Risikomanager zu finden, das geht nicht in ein paar Monaten.

SPIEGEL ONLINE: Die amerikanischen Banken mussten Belastungen in Milliardenhöhe einräumen. Was kommt noch auf deutsche Banken zu?

Walter: Wir sind noch nicht durch, soviel ist sicher. Was aber genau an Belastungen kommt, wissen wir nicht. Wir wollen nichts verbergen, sondern uns fehlen tatsächlich akzeptable Bewertungen. Wir müssen vor allem herausfinden, auf welchen Geschäftsfeldern wir in Zukunft Geld verdienen können, denn mit Verbriefungen und Kredithebeln wird das nicht mehr wie bisher funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Wird die internationale Finanzkrise auch die deutsche Wirtschaft beeinflussen?

Walter: Ja, das wird sie. Die USA kriegen zwar nicht unbedingt eine technische Rezession, aber es wird einen sehr langen und breiten Abschwung geben. Wenn ein Viertel der Weltwirtschaft darbt, kriegt auch der Rest etwas davon ab. Das wird Deutschland mit einer Zeitverzögerung von ein bis anderthalb Jahren beim Handel, bei den Kreditbedingungen und beim Wechselkurs zu spüren bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Welches Wirtschaftswachstum erwarten Sie dann für 2008 und 2009?

Walter: Ich erwarte 1,5 Prozent.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Straubhaar, seit Monaten sind die internationalen Finanzmärkte außer Kontrolle - wann hat das ein Ende?

Straubhaar: Das weiß niemand ernsthaft. Ich denke, dass die Börsenkurse auch in den nächsten Tagen volatil bleiben werden. Allerdings muss man die Finanzmärkte von den übrigen Märkten unterscheiden: Die realwirtschaftliche Seite war stabil und wird das auch bleiben, die für Deutschland robuste Konjunktur wird sich fortsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Die amerikanischen Banken haben trotzdem in den vergangenen Tagen Verluste in Milliardenhöhe bekanntgegeben. Wird das auch die deutschen Banken treffen?

Straubhaar: Vor drei Tagen hätte ich noch gesagt, dass die deutschen Banken das Gröbste überstanden haben. Nach der gestrigen Warnung von Deusche-Bank-Chef Ackermann bin ich mir da nicht mehr so sicher, das klingt nicht beruhigend. Vielleicht kommt da doch noch etwas, von dem bisher nur Insider wissen.

SPIEGEL ONLINE: Hat das auch Folgen für die deutsche Wirtschaft?

Straubhaar: Es wird in der einen oder anderen Form zu Wachstumsverzögerungen kommen. Die direkten Folgen werden sich aber in Grenzen halten, weil andere Faktoren wie etwa der private Konsum und der Export weiter unverändert robust sind. Die indirekten Folgen werden sich erst 2009 bemerkbar machen, der schwache Dollar wird etwa dazu führen, dass der Renminbi und der Yen aufwerten, die Exporte in die USA dadurch nachlassen und die Währungsreserven weniger wert werden. Das wird auch bei uns zu Wachstumsverlangsamung führen.

SPIEGLE ONLINE: Um wie viel wird die deutsche Wirtschaft 2008 und 2009 noch wachsen?

Straubhaar: Da sind wir noch am Rechnen, da wir erst in drei Wochen unsere Frühjahrsprognose vorstellen. Für 2008 wird das wahrscheinlich eine leichte Anpassung nach unten ergeben, nachdem wir im Dezember noch von 1,7 Prozent ausgegangen sind. Für 2009 werden wir das Wachstum dann aber spürbar von unserer optimistischen Dezember-Prognose von zwei Prozent nach unten korrigieren müssen.

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SPIEGEL ONLINE: Die Kreditkrise nimmt seit Monaten kein Ende - wann ist sie endgültig vorbei?

Carstensen: Das kann niemand abschließend beantworten. Aber die Krise wird uns noch eine ganze Weile in Atem halten. Das liegt auch an der Schwäche der US-Wirtschaft, die nicht morgen schon vorüber sein wird. Wir müssen uns daher darauf einstellen, dass uns das ganze Jahr 2008 hindurch neue Meldungen über zusätzlichen Abschreibungsbedarf und weitere Liquiditätsengpässe von den amerikanischen Banken erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Die amerikanischen Banken leiden unter Belastungen in Milliardenhöhe, was kommt bei deutschen Banken?

Carstensen: Bei den gegenwärtigen Kursen dürften wohl bei den deutschen Banken inzwischen die meisten Fakten auf dem Tisch liegen. Aber wenn die Kurse weiter einbrechen, kann neuer Abschreibungsbedarf entstehen. Insbesondere könnten weitere US-Wertpapiere in den Abwärtssog geraten. Vieles wird davon abhängen, wie sich die Märkte in den USA in den kommenden Monaten entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Schlägt die Krise dann auch auf die deutsche Wirtschaft durch?

Carstensen: Direkt spürbare Folgen der jüngsten Krise, die durch den Beinahezusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns ausgelöst wurde, auf die deutsche Gesamtwirtschaft gibt es nicht. Aber sie ist das Symptom der tiefer gehenden Krise am US-Häusermarkt, die letztlich darauf zurückzuführen ist, dass die USA jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben. Das Pendel schlägt jetzt zurück. Die amerikanischen Haushalte können nicht mehr wie bisher ihren Konsum auf Kredit finanzieren, also werden sie auch ihre Importe drosseln müssen. Das senkt die Nachfrage nach deutschen Produkten. Den gleichen Effekt hat die Abwertung des Dollars, denn dadurch werden deutsche Exportprodukte im Dollarraum teurer. Zwar sind die Auftragsbücher zurzeit noch gut gefüllt. Aber bei Nachfolgeaufträgen kann es schwierig werden. Das wird dann im Laufe des Jahres die deutsche Wirtschaft dämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Welches Wirtschaftswachstum erwarten Sie für 2008 und 2009?

Carstensen: Wir befinden uns gerade mitten in der Überarbeitung unserer bisherigen Prognose, die von 1,6 Prozent Wachstum in 2008 und 1,5 Prozent in 2009 ausgeht. Da wir die Folgen der US-Krise erst mit Verzögerung in Deutschland spüren werden, ist speziell der Wert für 2009 mit Risiken behaftet.

Die Interviews führte Susanne Amann



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