Ökonomenstreit um Euro-Rettung Unterstützer distanzieren sich von Protestaufruf

Der Ökonomenstreit um den richtigen Umgang mit der Euro-Krise spitzt sich zu. Die Unterzeichner des ursprünglichen Protestaufrufs, Hans-Werner Sinn und Walter Krämer, wehren sich gegen die Kritik aus Politik und Wissenschaft. Den ersten Unterstützern des Aufrufs wird die Sache offenbar unangenehm.

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: Er verteidigt seine Kritik an der Krisenpolitik
dapd

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: Er verteidigt seine Kritik an der Krisenpolitik


Hamburg - Soll der europäische Rettungsfonds ESM nicht nur Staaten, sondern auch Banken retten? Diese Frage hat die deutschen Wirtschaftswissenschaftler in zwei Lager gespalten, die sich seit der vergangenen Woche heftig verbal bekämpfen.

Auf der einen Seite steht der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer. Er hat einen Protestaufruf gegen die Politik der Bundesregierung verfasst, den mittlerweile mehr als 200 Ökonomen unterschrieben haben. Zu den ersten Unterzeichnern gehörte Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts.

Auf der anderen Seite steht eine Gruppe um den Ökonomen Frank Heinemann, der auch die ehemalige Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro angehört. Anders als die Unterzeichner des ersten Aufrufs halten sie es für richtig, eine sogenannte Bankenunion einzuführen, in der auch der ESM als Restrukturierungsfonds eine Rolle spielen könne. Auch ihr Aufruf hat bereits mehr als hundert Unterstützer - darunter offenbar auch einige, die vorher bereits den Sinn-Text unterschrieben hatten.

Der Gegenaufruf sei "in Inhalt und Ton überzeugender"

Laut "Financial Times Deutschland" ("FTD") hätten mindestens neun Wirtschaftswissenschaftler beide Texte unterzeichnet. Auf den Widerspruch angesprochen, argumentierten sie laut "FTD", dass eine Bankenunion durchaus sinnvoll sein könnte - sofern sie "gut gemacht" sei. Einer der Doppelunterzeichner, Wolfram Richter von der TU Dortmund, sagte, der Aufruf von Heinemann und Hellwig sei "in Ton und Inhalt überzeugender", habe ihn aber "leider erst nach Unterzeichnung des Sinn-Aufrufs" erreicht.

Der Aufruf von Sinn und Krämer war sowohl in der Politik als auch bei anderen Ökonomen auf heftige Reaktionen gestoßen. Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte ihn als "unverantwortlich" bezeichnet. Auch namhafte ausländische Wissenschaftler kritisieren den Brief nun scharf. "Der Brief ist voll hitziger Rhetorik und arm an sachlichen Details", sagte Barry Eichengreen von der US-Universität Berkeley der "FTD". Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik warnte, "es würde zum Kollaps des Euro führen, wenn man dem Rat dieser Ökonomen folgen würde".

Sinn und Krämer verteidigten unterdessen ihre Haltung. "Der Jubel der Finanzmärkte über die Bereitschaft Deutschlands, die Verluste mit seinem Geld auszugleichen, sollte die deutschen Bürger genauso sorgenvoll stimmen wie uns", warnen die Autoren in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Politische Versprechen über verbindliche Regeln und Bedingungen seien, das habe die europäische Erfahrung gelehrt, dagegen im Ernstfall wenig wert. "Das Spiel hat sich mittlerweile so häufig wiederholt, dass wir nicht verstehen, woher die deutsche Regierung und einige unserer Kollegen die Hoffnung nehmen, dieses Mal könnte alles anders sein."

stk

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bvoll 10.07.2012
1. Das Volk soll entscheiden!
Wir können mit der Entscheidung über die Zukunft des Euros nicht solange warten, bis sich die Wissenschaftler einig geworden sind. Es könnte Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis die wissenschaftliche Diskussion abgeschlossen ist. . Beibehaltung oder Abschaffung des Euros, dass muss eine Volksabstimmung ergeben. Anders lässt sich der innere Frieden nicht bewahren.
Gebr.Engels 10.07.2012
2.
Zitat: "Der Aufruf von Sinn und Krämer war sowohl in der Politik als auch bei anderen Ökonomen auf heftige Reaktionen gestoßen. Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte ihn als "unverantwortlich" bezeichnet. Auch namhafte ausländische Wissenschaftler kritisieren den Brief nun scharf. "Der Brief ist voll hitziger Rhetorik und arm an sachlichen Details", sagte Barry Eichengreen von der US-Universität Berkeley der "FTD". Der Harvard-Ökonom Dani Rodrik warnte, "es würde zum Kollaps des Euro führen, wenn man dem Rat dieser Ökonomen folgen würde". Immer noch besser hitzige Rhetorik und "wenig sachliche Details" (ist man ja aus Fernsehdiskussionen von allen seiten her gewohnt) als Jahrzentelang die Arbeitnehmer zu entrechten und sie als Zeitleihmis mit Billigjobs abzufertigen damit der Binnenmarkt abgewürgt wird, und die "Märkte" zufrieden sind. Widerlich was für eine Sklavenhaltermentalität einige Ökonomen und Politiker haben.
Thaeve 10.07.2012
3.
Zitat von sysopdapdDer Ökonomenstreit um den richtigen Umgang mit der Euro-Krise spitzt sich zu. Die Initiatoren des ursprünglichen Protestaufrufs, Hans-Werner Sinn und Walter Krämer, wehren sich gegen die Kritik aus Politik und Wissenschaft. Den ersten Unterstützern des Aufrufs wird die Sache offenbar unangenehm. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,843524,00.html
Mir geht das schon länger so. Wer am Sonntag das Interwiew von Sinn gesehen hat, dem sträubten sich die Nackenhaare. Ich halte Prof. Unsinn nachwievor für einen Marktradikalen, und nicht weniger hat er Sonntag verlangt. Wenn Banken pleite sind, sind sie pleite. Es ist nicht einzusehen, warum der Steuerzahler die haftenden Aktionäre raushaut. Ich würde Sinn allerdings nicht in bestimmende Positionen hieven, wenn es darum geht NACH dem Platzen der BigBubble die Weltwirtschaftsordnung neu zu definieren. Da käme noch weniger Kontrolle und noch mehr Marktfreiheit bei raus und wohin das langfristig führt erleben wir ja grad. Gier ist nicht gut. War es nie, wird es nie sein. Gier kann einen für den Augenblick nach oben spülen können, um oben zu bleiben braucht es Moral.
bayern2004 10.07.2012
4. Prof. Sinn
Er ist ein Wissenschaftler, der sich offen die Meinung sagen traut und das schätze ich an ihm. Alle anderen verstecken sich hinter Parteibücher und wissenschaftlichen Abhandlungen, die keiner versteht. Deutschland und Europa braucht mehr dieser Sinns!!
einsteinalbert 10.07.2012
5. wie gehabt . . . .
die Nager und das sinkende Schiff. Es ist - leider - zu befürchten, dass das höchste deutsche Gericht, sich nicht zu einer klaren und umissverständlichen Entscheidung durchringen wird. Doch ganz egal wie die Entscheidung auch ausfällt . . . das Ende des Euro ist quasi jetzt schon absehbar und programmiert. " Angezählt " ist er längst schon.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.