Revolution der Ökonomen Jugend lahmt

Junge Menschen prangern Missstände an, entwerfen dynamisch Neues und verbessern die Welt, während wir Älteren an unseren Gewohnheiten festhalten? Stimmt gar nicht - das lässt eine Umfrage unter Ökonomen vermuten.

Wirtschaftsstudenten
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Junge Leute sollen bestimmungsgemäß ja eher befähigt sein, Innovationen zu folgen, Neues zu machen und zumindest aus dem auszubrechen, was die Alten aus Gewohnheit machen, obwohl es nicht mehr funktioniert. Also für Fortschritt stehen. Sagt man. Nun ist das zweifellos so, wenn es um die Kenntnis angesagter YouTuber, die Entdeckung des Fingerabdrucksensors an Papas Mobiltelefon und viele andere umwerfend nützliche Errungenschaften des Menschen geht, die Kevin der Omi erfolglos zu erklären versucht.

Aber gilt das auch, wenn es ums Weltverbessern geht? Sagen wir in der echten Wirtschaftswelt? Eigentlich schon, sollte man denken. Bedarf gibt es genug - etwa herauszufinden, wie eine Wirtschaft mehr herstellt und gleichzeitig weniger Leute schlecht bezahlt. Oder wie man die hohen Schulden alle abbaut. Oder Autos so baut, dass sie mit Strom fahren, ohne unsere Autoindustrie zu versenken. Oder wie man Wirtschaftsprofessoren davon abhält, urige Theorien zu entwickeln über angeblich rationale Menschen, die es so sowieso nicht gibt.

Wer sonst als die ungebundenen Jungen ohne Kind, Katze, Haus und Auto sollten den Mumm haben, da mal ordentlich Revolte zu machen? Zumal es in diesem Fall ja tatsächlich Studenten waren, die vor zwei Jahren mit einem globalen Appell gegen die öde Einseitigkeit der Ökonomenlehre für Wirbel sorgten.

Nur ein Drittel findet Ökonomen vertrauenswürdig

Nun ist die Realität ja nicht immer so, wie man denkt. Wie die Auswertung nach Altersklassen einer großen Umfrage unter Deutschlands Ökonomen gerade ergeben hat, sind es gar nicht die Jungen, die ihre Wirtschaftswissenschaft erneuern wollen - sondern die Alten. Trotz dramatischen Vertrauensschwunds, unvorhergesehener Jahrhundertfinanzkrise und falsch eingeschätzter Folgen des Mindestlohns.

Während mehr als die Hälfte der mindestens 55-Jährigen einräumt, dass die Zunft in einer Legitimationskrise steckt, finden das bei den unter 35-Jährigen nur 36 Prozent. Was in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Standing in der Bevölkerung steht, von der nur noch ein Drittel findet, dass Ökonomen vertrauenswürdig sind. Nur 17 Prozent der Jungen sehen in der großen Finanzkrise auch eine Krise des Marktfundamentalismus - unter den Älteren ist die Quote glatt doppelt so hoch.

Nun bieten solche Ergebnisse, die nächste Woche auf der großen Ökonomen-Jahrestagung in Augsburg vorgestellt werden, natürlich eine Menge Spekulationsmöglichkeiten. Könnte sein, dass die alte Lehre doch nicht so schlecht ist, wie alle immer denken - und Finanzkrise oder Mindestlohnfehlprognose, naja, etwas unglückliche Ausreißer waren. Beim heiligen Sinn! Was nur die Jungen verstanden haben, klar.

Könnte allerdings auch sein, dass junge Leute, wenn sie so zu studieren anfangen, in einer etwas festgefahrenen Lehre dann halt auch erst mal dazu tendieren, zu wiederholen, was die Alten bisher so gesagt und gelehrt haben. Und dass sie das ja auch müssen, um gute Noten zu kriegen - solange auf dem Stundenplan nicht irgendwo die Revolution eingetragen ist. Zumindest in einem Fach, in dem es so richtig viel Wettbewerb um gute Ideen auch nicht gibt.

Stoff für Jungenschelte? Ja. Und nein. Wer jetzt geneigt ist, sich über die angepasste Jugend von heute aufzuregen, sollte mal in die Ergebnisse einer einigermaßen vergleichbaren Umfrage unter deutschen Ökonomen aus dem Jahre 1981 sehen. Und? Hey, die waren ja auch nicht besser! Auch damals war die Wirtschaftslehre in der Vertrauenskrise, auch damals gab es Unmut über die alten Modelle. Und auch damals vermuteten die Initiatoren erst einmal, dass "gemäß dem üblichen Generationenschema" zu erwarten wäre, "dass jüngere Ökonomen eher geneigt sind, neue Theorien aufzunehmen". Damals war der Monetarismus neu - und der Keynesianismus alt. Von wegen: Die Jungen wollten am Alten stärker festhalten als die Alten - und umgekehrt.

Klar, auch das kann Zufall sein. Es könnte aber auch etwas viel tiefer Liegendes offenbaren: dass es einfach doch nur sehr bedingt die Jungen sind, die uns gesellschaftlich voranbringen. Und dass dafür die Weisheit von ein paar Jährchen Erfahrung auf der Welt doch helfen kann, von Altem Abschied nehmen zu wollen. Was wiederum den Vorteil hat, dass die Alten sich weniger sinnlos vorkommen müssen - und die Jungen sich immer noch sagen können, dass sie ja auch mal alt werden. Alles wird gut.

Thomas Fricke

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  • Thomas Fricke, Jahrgang 1965, ist seit April 2016 Kolumnist auf SPIEGEL ONLINE. Er leitet seit 2007 das Internetportal WirtschaftsWunder. Von 2002 bis 2012 war er Chefökonom der "Financial Times Deutschland".

  • Fricke hat in Aachen und Paris Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft studiert, arbeitete als Wirtschaftswissenschaftler beim Pariser Konjunkturforschungsinstitut OFCE sowie als Journalist für den Berliner "Tagesspiegel", die "Wirtschaftswoche" und das "Manager Magazin".

  • Im März 2013 erschien sein preisgekröntes Buch "Wie viel Bank braucht der Mensch?".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Patrik74 02.09.2016
1. So ist es
"Könnte allerdings auch sein, dass junge Leute, wenn sie so zu studieren anfangen, in einer etwas festgefahrenen Lehre dann halt auch erst mal dazu tendieren, nachzuplappern, was die Alten bisher so gesagt und gelehrt haben. Und dass sie das ja auch müssen, um gute Noten zu kriegen - solange auf dem Stundenplan nicht irgendwo die Revolution eingetragen ist. Zumindest in einem Fach, in dem es so richtig viel Wettbewerb um gute Ideen auch nicht gibt." Grade Ökonomen müssen gut aufpassen, was sie sagen, denn sie nichts weiter als die Priesterkaste des Geldadels, die das Volk mit salbungsvollen Worten einreden soll, dass es ihm nur besser geht, wenn es ihm schlechter geht - Hauptsache "die Märkte" sind glücklich (also besagter Geldadel). Wenn die Verfechter der freien Marktwirtschaft dann endlich den langersehnten Beamtenstatus erreicht haben (den sie sonst bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu verdammen haben), dann kann natürlich eine gewisse Altersmilde einsetzen. Sie kriegen dann halt nur keine "Drittmittel" mehr. Ökonomie ist ein feineres Wort für einen Altherren-Debattierclub, wo sich einer schlauer als der andere vorkommen kann, aber am Ende alle mit ihren Prognosen permanent falsch liegen. Ganz amüsant, aber nicht ernst zu nehmen - und das hat eben die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung zwischenzeitlich erkannt.
smartphone 02.09.2016
2. Lahmen kontra veräppelt werden
Der Punkt ist . solange sie problemlos von einem Hamsterrad ins nächste Steigen können .... merkt man fundamantale Probleme nur rudimentär. Viele "Führungskräfte" und HR erwarten Dinge , die sie selbt damlas nihct mal im Ansatz konnten. Hinzu kommt: VOn welcher Jugend reden wir eigentlich . Heute ist manch 55 jähriger in jeder Hinsicht fitter als früher wird aber schon mit 39 als nicht merh arbeitsfähig hingestellt usw. pp ...Meinen Sie die sog Jugend bekommt das nicht mit ? Der Überoptimierungswahn hat das "System" längst an die Wand karriolt . Wir haben effektiv via ALG1/2 satte 16 Mio Arbeitslose.... Wenn man eben richtig durchzählt...also irgendwo ist was Faul hier udn die Nahles schwärmt von 80ct Job ....
histo4535 02.09.2016
3. Das Problem wurde benannt, aber der falsche Schluss gezogen
Das Problem ist, wenn man im Moment am studieren ist, dass gerade bei VWL häufig das gelernte in Klausuren überprüft wird. Das ist augenscheinlich ein schlechter Ort um neue Modelle für die Wirtschaftswissenschaften zu entwickeln. Anders sähe es bei Hausarbeiten aus, dort sollte einem die Möglichkeit gegeben werde. Aber auch hier gilt, wenn es die Möglichkeit nicht gibt riskiert man nicht das Durchfallen einer Prüfung, da man die Prüfung nicht unendlich oft wiederholen darf. Ich glaube nicht dass es an den vermeintlich entschiedeneren Erfahrungen der älteren Generation liegt. Es liegt eher daran, dass die älteren, wenn es um den universitären Bereich geht, mit neuen Ideen auch einmal scheitern und dies sich auch erlauben können, ohne dass man Gefahr läuft sämtliche Leistungen zu verlieren.
Jabromski 02.09.2016
4. Die werden in der Welt leben müsse, die sie sich jetzt bereiten.
Mir schwant fürchterliches. Aufgeblasene egozentrische Wichtigtuer haben die Welt noch nie vorangebracht.
frackundfeder 02.09.2016
5. Könnte
aber auch einfach nur ein Hinweis darauf sein, welche typologischen Wesensmerkmale bei einer Vorentscheidung auskristallisiert werden! Z. B. Angepasstheit oder Standing im sich Messen an wieder und wieder zu Erprobendem bzw. Vorgelebtem. Frage: "Wie ist es um die Geschlechterproportionalität im Zirkel Befragter bestellt?" Aus der hohen, zugegeben faktenfreien Warte betrachtet, fiele mir dazu noch die traditionelle Rolle des Versorgers, welcher dennoch darüberhinaus seinen Mann zu stehen hätte, mit allen Licht- und Schattenaspekten inbegriffen, ein. Insofern könnte ein gewisser nur temporär zu durchlaufender Reifeprozess aufgrund interaktiven Austauschs hinsichtlich "fachfremder" ;) Erfahrungshorizonte ein bloßes Streben oder Drängen in eben zuerst zitiertes Rollenbild, nun jedoch nur über längere Zeitspanne, vielleicht dennoch durchaus ein weiteres Vermögen unvermutet unerwarteterer Natur zu Tage bringen, eben jenes zu relativieren. Always best wishes intended D'r fûf
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