S.P.O.N. - Die Spur des Geldes Meine Fragen an Hans-Werner Sinn

Die meisten Ökonomen haben die Finanzkrise nicht kommen sehen - und können ihre Folgen nicht erklären. Eine Debatte über die Zukunft der Volkswirtschaftslehre ist überfällig. Es ist höchste Zeit, einige wichtige Fragen zu klären.

Eine Kolumne von


Hans-Werner Sinn schrieb letzte Woche in der "Süddeutschen Zeitung", dass die Kritik an der wissenschaftlichen Ökonomie auf "Missverständnissen und Unkenntnis" beruhe. Das trifft sicherlich zum Teil zu, etwa die Kritik am Wettbewerb oder über den vermeintlichen Gegensatz zwischen Ökologie und Ökonomie. Auch meine Augen verdrehen sich jedes Mal, wenn ich diesen Quatsch höre. Es gibt viel Stammtischkritik an der Ökonomie, die bei näherem Hinsehen dahinschmilzt. Aber es gibt auch gewichtige Kritik, über die man reden sollte.

Die englische Königin hat einmal die Frage gestellt, wieso die Volkswirte die Finanzkrise nicht voraussagen konnten. Wir würden die Wirtschaftswissenschaften überfordern, wenn wir das von ihr verlangen würden. Das eigentliche Problem ist, dass die Modelle nicht einmal die Vergangenheit erklären können. Um zu verstehen, was passiert ist, muss man einen Schock von außen annehmen: Die Banken sind schuld. Die Griechen sind schuld. Die amerikanischen Immobilienblase ist schuld. Ich habe auch schon gehört, dass Journalisten schuld seien, weil sie eine Krise herbeischreiben. Die Faktoren, die in den ökonomischen Modellen selbst stecken - die Innovation, der Auslastungsgrad der Industrie, die Arbeitslosigkeit, die Inflation, die Zinsen, der Wechselkurs - können die Krise hingegen nicht erklären.

Große Wirtschaften ticken anders

Eine weitere Kritik, die Sinn zu zerschmettern versucht, ist die an der deutschen Ordnungspolitik. Ich möchte die Anhänger der Ordnungspolitik bitten, auf drei konkrete Fragen einzugehen, auf die ich bislang keine befriedigende Antwort bekam.

  • Erstens: Wie geht man mit einer anhaltenden Rezession um? Mit einer Konjunkturspritze durch den Staat? Oder einer geldpolitischen Lockerung durch Nullzinspolitik und Anleihenkäufe? Oder macht man gar nichts? Sinn akzeptiert die keynesianische Position der Konjunkturspritze, wenn auch nur als Ausnahme von einer Regel. Die meisten Ordoliberalen tun das aber nicht.
  • Zweitens: Die Ordoliberalen haben ihre Zweckehe mit den Monetaristen just in dem Moment beendet, als es nicht mehr kommod war. Das Wachstum der Geldmenge ist seit Jahren so schwach, dass auch die Monetaristen eine expansive Geldpolitik fordern - was den Ordoliberalen deutscher Prägung nicht passt. Wenn die Ordoliberalen jetzt keine Monetaristen mehr sein wollen, was sind sie dann? Reduziert sich das Ziel einer ordoliberalen Geldpolitik dann vorrangig auf die Interessensvertretung deutscher Sparer?
  • Die dritte Frage lautet: Ist es möglich, das ordnungspolitische Modell von einer relativ kleinen offenen Volkswirtschaft wie Deutschland auf eine relativ große eher geschlossene Volkswirtschaft wie den Euroraum oder die USA zu übertragen? Große Wirtschaften ticken anders. Sie können ihre Probleme nicht so leicht auf den Rest der Welt abwälzen. Sie können zum Beispiel nicht extreme Handelsüberschüsse einfahren, ohne dabei die Weltwirtschaft insgesamt zu beeinträchtigen. Funktionierte die deutsche Ordnungspolitik vielleicht nur deswegen, weil andere eben keine Ordnungspolitik hatten?

Und hier ist eine weitere Frage, mit der ich mich momentan beschäftige: Inwieweit gleicht eine Volkswirtschaft mit freien Finanzmärkten aber ohne zentrale politische Kontrolle einem sogenannten dynamischen System? Dynamische Systeme sind aus der Physik bekannt. Es sind Systeme, die man mit herkömmlichen technischen Mitteln nicht in den Griff bekommt. Solche Systeme tendieren unter bestimmten Bedingungen zu chaotischem Verhalten. Mit einer logisch deduzierenden Disziplin wie der Volkswirtschaft mit ihren vorwiegend linearen Modellen lassen sich solche Phänomene nicht mehr begreifen.

Wir sollten uns jedenfalls nicht darüber wundern, dass Menschen nach einer solchen Krise die Ökonomie in Frage stellen. Diese Debatte fängt gerade erst an.

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insgesamt 268 Beiträge
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Seite 1
marthaimschnee 03.11.2014
1.
Das paradoxe ist doch, daß wir die Gesetze der Wirtschaftswissenschaft selber erfunden haben (im Gegensatz zu den Naturgesetzen), wer soll die dadurch herbeigeführten Probleme denn bitte erklären können, wenn nicht wir? Und wenn wir die Probleme nicht erklären können, dann ist es unverantwortlich, weiter an diesen Gesetzen festzuhalten, denn es könnte ja durchaus noch sehr viel schlimmeres passieren - wenngleich schlimmer als die aktuelle ökonomische Lage zumindest in Europa war bisher eigentlich immer nur Krieg. Und wenn wir diese Gesetze erfunden haben, dann können wir sie auch ändern!
ricson 03.11.2014
2.
Das Problem ist einfach das vor allem Ökonomen glauben Volkswirtschaften wären natürliche Systeme mit Naturgesetzen so wie sie die Naturwissenschaften kennen. Aber das sind die nicht, es sind von Menschen gemachte Systeme in denen nicht Elementarteilchen mit festen physikalischen Eigenschaften am Werk sind sondern chaotisch und emotional agierende Menschen. Ökonomie ist eine Sozialwissenschaft keine Naturwissenschaft. Es ist nicht möglich vorherzusagen wie sich eine bestimmte Maßnahme auswirkt, weil man nicht sagen kann wie die Menschen im Detail darauf reagieren, und welche Reaktion sich durchsetzt. Hier gehen die Ökonomen meist davon aus das die Menschen entweder so wie sie selbst, oder wie in der Vergangenheit reagieren. Aber das ist bestenfalls eine wage Behauptung. Jeder der behauptet man müsse nur dies oder das machen um die Wirtschaft wieder zum laufen zu bringen, ohne dabei auch anzugeben mit welcher Wahrscheinlichkeit seine Aussage zutreffen kann, ist ein Scharlatan. Leider fordern die Menschen heute einfache und definitive Antworten. Wenn Politiker im Ungefähren bleiben ist das zwar eigentlich redlicher, aber auch unbeliebter.
Morkhero 03.11.2014
3. die meisten Ökonomen...
waren wohl zu gierig, unfähig oder haben einfach ihren Vorteil daraus gezogen. Nein es kann ja keiner vorhergesehen haben das eine fast mittelose Familie ihren 400.000 $ nicht zurückzahlen kann... unmöglich.
grilo 03.11.2014
4. Noch ein paar Fragen
Kann eine Wirtschaftstheorie, die auf Wachstum basiert ist, mit begrenzte Ressourcen (die Erde) umgehen? Könnte man nicht den Begriff Wachstum vielleicht neu definieren, zum Beispiel Wachstum durch weniger Ressourcen verbraucht, Wachstum in form von Lebensqualität, etc..? Liegt nicht in dieser Thematik eine Wahnsinnige Möglichkeit für neue Geschäfte? Ist das überhaupt möglich, Geld zu horten, in einer Wirtschaft mit Null Wachstum - Steady State Zustand? Wie funktioniert die Umverteilung - die heute noch auf "Arbeit haben" basiert ist - wenn nicht genug Arbeit für alle da sind? Es ist nicht besser die Arbeitszeiten für alle zu begrenzen, damit alle Arbeit haben, oder führen wir eine Arbeitsunabhängiges - und das nicht nur für ganze Reiche - Einkommen? Hat nicht ein Kanzler jetzt a.D. mal gesagt: "lieber 3% Inflation als 3% Arbeitslosigkeit"? Warum wäre das falsch? Etc…. Ich würde mich sehr freuen, die Antworten und mehr in einen ausführlicheren Bericht beim Spiegel zu lesen.
Immanuel_Goldstein 03.11.2014
5.
Herr Sinn ist eindeutig der berechenbarste aller deutschen Ökonomen. Bei exakt 100% seiner Prognosen tritt das genaue Gegenteil von dem ein, was er vorhergesehen hat und das schon seit Jahrzehnten. Kein Mensch auf Erden bekommt das in ähnlicher Weise hin. Oder kann mir ein einziger Mensch hier mal eine Prognose von Sinn zeigen, die tatsächlich eingetroffen wäre?
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