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Ökopioniere: Die Strombauern aus dem Schwarzwald

Die Grünen haben im Ort politisch nichts zu sagen – trotzdem hat sich Freiamt im Schwarzwald voll und ganz auf erneuerbare Energie eingestellt. Der kleine Ort produziert mit Biogas, Wind und Sonnenlicht mehr Strom, als er verbraucht und profitiert damit auch finanziell von der Öko-Wende.

Freiamt – "Wir waren schon immer autark und eigenständig, aber auch wertkonservativ", beschreibt Bürgermeisterin Hannelore Reinbold-Mesch die Einwohner des Ortes Freiamt. Vom Freiheitswillen der Bauern aus den Schwarzwald-Vorbergen berichtet schon die alte Ortschronik. Der drastische Preisverfall für landwirtschaftliche Güter nach Fleischskandalen und die steigenden Energiekosten ließen Landwirte, Gewerbetreibende und Bürgerschaft schließlich nach neuen Wegen des Existenzerhalts suchen. Inzwischen deckt die Gemeinde ihren Strombedarf komplett aus erneuerbaren Energien und produziert sogar noch einen Überschuss von 25 Prozent. Damit profitiert sie auch finanziell von dem neuen Wirtschaftszweig.

Zu den Pionieren der Energiewende gehören Gerhard und Inge Reinbold aus dem Ortsteil Mußbach. Vor fünf Jahren, als die Erträge aus der Schweine- und Rindermast "im Keller waren", sollte eine Biogasanlage helfen, die Einnahmen des 73-Hektar-Hofes aufzubessern, sagt die 57-jährige Bäuerin. Mit der Gülle von damals 450 Tieren sollte Strom erzeugt werden.

Mittlerweile haben sich die Reinbolds zu reinen "Energiewirten" entwickelt und die Tierhaltung aufgegeben. Sie verfüttern eigenes Getreide und die Wiesenmaht - vermischt mit dem Mist von Milchhöfen aus der Umgebung - an Bakterien in zwei unterirdischen Bioreaktoren, sogenannten Fermentern.

Inzwischen speist der Bauernhof jährlich mehr als eine Million Kilowattstunden in das öffentliche Netz. Die vergorene Gülle wird anschließend wieder ausgebracht. Sie sei pflanzenverträglicher, kaum noch nitratbelastend und zur Freude der Urlauber sogar geruchlos. Mit der Abwärme der stromerzeugenden Gasturbine werden über eine Fernleitung zehn Wohnungen und ein Sportheim in der Nachbarschaft geheizt.

Mit Kuhmilch-Wärme heizen

Bis Juni will noch ein weiterer Landwirt eine Biogasanlage in Betrieb nehmen. Doch damit ist die Jagd nach Erneuerbaren Energien in Freiamt noch nicht vorbei. Auf ganz andere Art macht Walter Schneider vom Schillinger Berg Abwärme nutzbar: Er heizt mit der Wärme aus Kuhmilch. Die täglich anfallenden 900 Liter müssen nach dem Melken von Körpertemperatur auf vier Grad heruntergekühlt werden. Mit der entzogenen Wärme bringt er 1000 Liter Brauchwasser für die Reinigung der Melkanlage, für Bad und für Küche auf 45 bis 50 Grad - "ein heute übliches Verfahren", sagt Schneider.

Nicht die Bauern allein setzen in der 4300-Einwohner-Gemeinde auf Öko-Strom. Solarstromanlagen mit einer Jahresleistung von 900.000 Kilowattstunden schmücken rund hundert Dächer. Weitere Anlagen, auch auf öffentlichen Gebäuden, sind in Planung. Zu den ganz alten Energie-Profis in Freiamt zählt Bäcker Friedrich Mellert. Der an seiner Backstube vorbei fließende Brettenbach treibt nicht nur ein Mehlmahlwerk an, sondern liefert über eine Turbine seit 1955 rund 50 Prozent des Betriebsstroms.

Die Summe von rund drei Millionen Kilowattstunden ist beachtlich. Doch 1450 Haushalte und die in Freiamt ansässigen Betriebe wollen mit rund acht Millionen Kilowattstunden mehr im Jahr versorgt werden. Die Lücke schließt der Wind, der stetig aus der Rheinebene zu den Schwarzwaldhöhen bläst. Vor zehn Jahren, erinnert sich die Bürgermeisterin, habe sich ein norddeutsches Unternehmen nach Pachtland für Windräder umgeschaut. Die Freiamter horchten auf und seien zu dem Schluss gekommen, die Sache lieber "selbst in die Hand zu nehmen".

Heute werden drei Windgeneratoren in Bürgerhand betrieben - mit einer Einsparung von jährlich 8000 Tonnen Kohlendioxid. Das Know-how holten sich die Einwohner bei dem Unternehmen Ökostrom Freiburg.

Gemeinsam gründete man zwei Beteiligungsgesellschaften mit inzwischen 303 Anteilseignern - davon ein Drittel aus Freiamt. Zusammen mit einem vierten Generator weiterer Investoren aus der Region wurden so allein im vergangenen Jahr mehr als elf Millionen Kilowattstunden Strom aus Wind produziert.

Michael Scheuermann, ddp

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