Ölförderung in China Pumpen bis zum Umfallen

Weltweit sinkt die Ölförderung, nur China erhöht die Produktion. Mit lenkbaren Bohrköpfen und Wasserdampf werden alte Ölfelder wieder ergiebig gemacht - und in der Wüste Taklamakan warten Reserven so groß wie in Libyen.

Von Joachim Hoelzgen


Die Luft über der weiten Ebene Nordostchinas sorgt für eine beeindruckende Tiefenschärfe - und gibt den Blick auf eine moderne Wüste der Technik frei: In Reih und Glied stehen hier stählerne Pumpen, die Öl aus dem Feld von Daqing fördern.

In der Ära des Staatslenkers Mao Zedong war die Lagerstätte eine Ikone des berühmten "Großen Sprungs nach vorn", den der Parteichef mit der Ballonmütze China verordnet hatte. "Lernen von Daqing," lautete ein Mao-Spruch.

Und noch heute steht in der nahegelegenen Ölhauptstadt Daqing ein Denkmal, das an Wang Jinxi erinnert, einen Vorarbeiter im Ölfeld. Der hatte eine leckgeschlagene Bohrstelle im Alleingang mit Zement versiegelt - eine heroische Tat, die heute noch den chinesischen Schulkindern im Unterricht als beispielhaft beschrieben wird.

Doch dem Ölfeld von Daqing erging es wie anderen großen Lagerstätten auf der Welt. Sein Inhalt hat dermaßen abgenommen, dass es buchstäblich vom Austrocknen bedroht ist. Daqing weist derzeit nur noch 3,6 Milliarden Barrel Öl auf, während zur Zeit Maos 16 Milliarden Barrel unter den Steppenböden Daqings schwappten - ein Ölsee mit einem Rauminhalt von zweieinhalb Kubikkilometern.

Umso erstaunlicher mutet da an, dass die Förderung im einst größten Ölfeld Chinas wieder zunimmt. Und noch mehr verblüfft, dass China im ersten Quartal dieses Jahres den Ausstoß an Petroleum um 2,2 Prozent gesteigert hat. Es hat damit Mexiko, das fünftgrößte Ölförderland der Welt, hinter sich gelassen und nähert sich mit einer Tagesproduktion von 3,76 Millionen Barrel dem Iran an, der etwa vier Millionen Barrel täglich aus der Erde holt.

Angesichts des wirtschaftlichen Wachstums deckt die eigene Förderung aber nur die Hälfte dessen, was China an Öl verbraucht. Um die Lücke zu schließen, kauft Peking Saudi-Arabien inzwischen mehr Öl ab als die USA, fördert vor Indonesien und Angola und unterstützt Regime wie das des Sudan.

Gespickt wie ein Rollbraten

China, so hat es den Anschein, steckt bei der Eigenförderung in der Klemme, weil 85 Prozent seines Öls von Feldern in den Weiten des Landes stammt. Zehn der elf größten Reservoire haben ihre Produktionsspitze schon überschritten. Doch PetroChina, Pekings größter Ölkonzern, bringt seine Bohrgestänge immer öfter vor den Küsten nieder, exploriert im Südchinesischen Meer und selbst im Perlflussdelta nicht weit von Hongkong. Zuletzt stießen die Ölsucher im Golf von Bohai, dem nördlichen Gewässer des Gelben Meers, auf das Feld Jidong Nanpu. Seinen Inhalt gibt PetroChina mit drei Milliarden Barrel an, das sind stattliche 405 Millionen Tonnen.

Der große Sprung zum Ölgiganten würde gelingen, wenn sich eine Schätzung der amerikanischen Energy Information Administration bewahrheitet. Die nämlich vermutet im Westen Chinas und dort im Tarimbecken der Wüste Taklamakan Vorkommen von gut 43 Milliarden Barrel - was auf einen Schlag den Ölreserven Libyens entsprechen würde. Neun Blöcke hat PetroChina in dem abgelegenen Gebiet bereits zur Exploration freigegeben.

Unterdessen wenden die Mandarine des Öls in Daqing neue Methoden an, um die letzten Tropfen aus dem Feld zu pressen. Die PetroChina-Tochter Daqing Oil pumpt Wasser in die ölhaltigen Gesteinsschichten, um in ihnen den Druck zu erhöhen. Das Öl fließt auf diese Weise wieder durch Hohlräume und die Poren des Gesteins hin zu den Batterien von Bohrstellen, mit denen Daqing gespickt ist wie ein riesenhafter Rollbraten.

All das setzt Tausende von Wasser-Injektionslöchern voraus, die von 7000 Technikern betrieben werden, erläutert Feng Zhiqiang, ein Direktor von Daqing Oil. Und neue Bohrungen gibt es auch in abgelegenen Ecken des Ölfelds, weit weg von den Knüppeldämmen, die sich durch die Steppe hinziehen. Auch nur kleine Funde lohnten sich, sagt der Direktor Zhiqiang und bemüht dazu ein chinesisches Sprichwort: "Selbst das magerste Kamel ist größer als der dickste Esel."

Lenkbare Bohrköpfe

Die Ölmänner Daqings gehen aber noch weiter. Sie pumpen Wasserdampf, gemischt mit Chemikalien, in die Tiefe: Öl, das am Gestein klebt, wird so weggespült wie Bratfett in einer Pfanne. Und als nächstes soll eine noch wirksamere Methode erprobt werden - die Injektion von Kohlendioxid, von dem China weltweit am meisten in die Atmosphäre ausstößt. Das Gas soll den Druck im Ölfeld noch mehr steigern als das Wasser und der Wasserdampf.

Chinas Ölkonzerne operieren auch sonst mit neuen Methoden. Mit lenkbaren Bohrköpfen legen die Ingenieure horizontale Bohrkanäle an, die sich in jede Richtung und sogar mit Kurven durch die Felder schlängeln - kilometerweit von einer Fundstätte zur nächsten.

Mit dem Großeinsatz steht China gut da, während selbst in Russland die Ölförderung stagniert. Auch westliche Ölriesen wie Chevron und Exxon mussten im ersten Quartal eine geringere Produktion verzeichnen. Pekings Strategen profitieren von den geringeren Löhnen ihrer Fördermannschaften, einem dichten Pipelinenetz und den Rekord-Ölpreisen, die trotz des Aufwands eine stolze Gewinnmarge ergeben.

"Das war insgesamt ein gutes Timing," lobt der Ölexperte Gordon Kwan vom Hongkonger Finanzhaus CLSA. "Wenn die Ölpreise gefallen wären, hätte die Strategie nicht funktioniert."



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