Ölförderung in Ecuador Ablasshandel im Regenwald

Tropfende Pipelines, versickerndes Schweröl und heimatlose Indios - mit einem Alptraumszenario wirbt Ecuador derzeit in Europa für mehr Geld für den Umweltschutz. Der Deal ist einfach: Wenn gezahlt wird, wird kein Öl im Regenwald gefördert.

Von Tobias Käufer, Bogota


Es ist eine höfliche Bitte, mit der Ecuadors Außenminister Fander Falconí derzeit in Europa Klinken putzt - doch im Kern ist sie eine unmissverständliche Drohung: Nur wenn die internationale Gemeinschaft zu Ausgleichszahlungen bereit ist, will das südamerikanische Land auf die Förderung riesiger Erdölvorkommen im artenreichen Nationalpark Yasuní verzichten.

Denn dort, tief unter der Erde, werden rund 800 Millionen Barrel Öl vermutet.

Dem gegenüber steht eine atemberaubende ökologische Vielfalt von über 3800 Pflanzen- und 600 Vogelarten und der bislang nahezu unberührte Lebensraum einiger Indio-Stämme. Sollte hier Öl gefördert werden, warnt Correa, drohten tropfende Pipelines, versickerndes Schweröl und heimatlose Indios. "Alle Einwohner dieses Planeten sind verantwortlich für den Reichtum dieser Region", so lautet das moralische Dauerargument Falconís denn auch.

Dabei ist der Vorschlag, der ursprünglich von Staatspräsident Rafael Correa stammt, nicht wirklich neu: Bereits vor zwei Jahren hatte der sozialistische Regierungschef erstmals davon gesprochen, auf die Förderung der Ölvorkommen zu verzichten, wenn Ecuador für die Einnahmeausfälle entschädigt werde. Tatsächlich haben deutsche Politiker wie Erich Stather, Staatssekretär im Berliner Entwicklungshilfeministerium, bereits Unterstützung signalisiert. Im Gespräch sind Zahlungen von 45 Millionen Euro.

Vorschlag ist wichtig für Indio-Bevölkerung

Sollte der von deutschen Umweltpolitikern begeistert aufgenommene Vorschlag bald Realität werden, wäre das für Correa vor allem ein innenpolitisches Meisterstück: Denn Ecuadorianer indigener Herkunft bilden einen großen Teil der Machtbasis des Präsidenten. Und welche gesellschaftliche Sprengkraft das Thema entfalten kann, erfuhr der 46 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftler aus Guayaquil vor kurzem im Nachbarland Peru: Bei blutigen Demonstrationen gegen die umstrittene wirtschaftliche Nutzung des Dschungels kamen mehr als 50 Menschen ums Leben. Der dortige konservative Präsident Alan Garcia Perez ist politisch angeschlagen, seit Bilder von auf Indios einprügelnden Polizeibeamten über die Bildschirme flimmerten.

Ein solches Szenario will Correa in seinem Land unbedingt vermeiden. Dazu kommt: Um überhaupt erst an die Erdölvorkommen zu gelangen, wären hohe Investitionen in der schwer zugänglichen Region nötig - keine verlockende Perspektive für internationale Partner in Zeiten tendenziell fallender Ölpreise. Dass Correa zudem in der neuen Verfassung den Naturschutz als verbrieftes Recht jedes Ecuadorianers festschrieb, macht eine Entscheidung pro Öl innenpolitisch nicht gerade einfacher.

"Wer auf der Suche nach Öl in den Dschungel vordringt, bereitet den Weg für die weitere Zerstörung des Waldes durch die Anlage von Pipelines und durch Straßen vor", sagt die grüne Bundestagsabgeordnete Ute Koczy. Die Öko-Bilanz wäre ohne Erdölförderung im Regenwald deutlich effizienter, rechnen auch Umweltschutzorganisationen angesichts von Erderwärmung und Klimawandel vor.

Wenig politische Glaubwürdigkeit

Doch der auf den ersten Blick verheißungsvolle Plan hat auch seine Schattenseiten: Denn die Internationale Energie Agentur prognostiziert, dass der Energiebedarf in Zukunft weiter steigen wird. Wie dieser stetig wachsende Hunger nach Energie ohne Atomkraftwerke, neue Kohlekraftwerke und die Erschließung neuer Erdölfelder gestillt werden soll, bleibt offen. Erneuerbare Energien reichen jedenfalls selbst nach optimistischen Schätzungen unabhängiger Institute nicht aus.

Kritiker des Vorschlages sehen außerdem eine ganz andere Gefahr: dass sich künftige ecuadorianische Staatschefs nicht mehr an die Abmachungen der Vorgängerregierungen gebunden sehen. Denn die politische Glaubwürdigkeit des südamerikanischen Landes hat zuletzt erheblich gelitten: Ecuadors Regierung hatte erst im Dezember 2008 die Zinszahlungen auf die in den Jahren 2012 und 2030 fälligen Staatsanleihen eingestellt - und sich damit die Wut vieler internationaler Investoren zugezogen. Das Land begründete den Schritt damit, dass die nach dem Staatsbankrott im Jahr 2000 neu aufgelegten Anleihen illegal gewesen seien.

Das war finanziell zwar kurzfristig lohnend für das Land. Aber die Vorgehensweise hat nicht gerade dazu beigetragen, dass auf internationalem Parkett der Glauben an die Zuverlässigkeit der Zusagen aus Quito gewachsen ist.



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